28.03.13

Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam - Vea Kaiser


KLAPPENTEXT:
9783462044645_grGegen die Engstirnigkeit und den unreflektierten Traditionssinn der St. Petrianer hegt Johannes A. Irrwein – geschult an seinem Großvater, dem Bandwurmforscher Johannes Gerlitzen – seit frühester Kindheit eine starke Abneigung. Bildungshungrig und aufgeweckt wie er ist, sehnt er sich nach jener aufgeklärten Welt, die er hinter den Alpenmassiven vermutet. Als der Musterschüler jedoch unerwartet durch die Matura fällt, beginnt er, sich mit seinem Dorf auseinanderzusetzen. Seinem Lieblingsautor Herodot, dem Vater der Geschichtsschreibung, nacheifernd, macht er sich daran, die Chroniken seines Dorfes zu verfassen – und verursacht dabei ungewollt das größte Ereignis in der Geschichte St. Peters, das das Bergdorf auf immer verändern wird.
Ein 14,8 Meter langer Fischbandwurm, eine Seifenkiste mit Kurs auf den Mond, ein ungeahnt attraktiver Mönch im Jaguar, eine schwangere Dorfprinzessin, eine altphilologische Geheimgesellschaft, eine nordicwalkende Mütterrunde, ein Jungfußballer mit dem Herz am rechten Fleck, eine sinistre Verschwörung der Dorfältesten sowie jede Menge poppige Blasmusik gehören zum einzigartigen Mikrokosmos dieses Romans, der durch seine Liebe für leuchtende Details und skurrile Begebenheiten, durch seinen erzählerischen Furor und seine Vielstimmigkeit besticht. Vea Kaiser gelingt mit dreiundzwanzig Jahren ein wagemutiges, herausragendes Debüt. Dieser Roman wird Sie verzaubern.
AUTORIN:
(Quelle: Kiepenheuer & Witsch)
Vea Kaiser, geb. 1988 in Österreich, veröffentlichte 2012 ihren Debütroman «Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam», der Platz 1 der ORF-Bestenliste erreichte und Leser wie Presse gleichermaßen begeisterte. Übersetzungen ins Tschechische, Niederländische sowie eine Verfilmung sind in Arbeit. Nach ihrer Lesereise in 75 Städte und 5 Länder studiert sie nun in Wien Altgriechisch und arbeitet an ihrem zweiten Roman.

EIGENE MEINUNG:
Manchmal sind die Wege des Schicksals verworren und seltsam, doch es gibt einfach Menschen und Geschichten, die zusammengehören und deswegen auch zueinander finden. So auch Vea Kaisers “Blasmusikpop” und ich. Eine Weile schon schlich ich um das Buch herum, konnte jedoch weder mit dem volkstümlichen Titel, noch mit dem Bandwurmforscher Johannes Gerlitzen etwas anfangen. Dachte ich zumindest. Bis jedoch Sat.1 Literaturexperte Peter Hetzel diesen Debütroman vorstellte und sich einen Vergleich mit Schriftstellerlegende John Irving erdreistete. Unvorstellbar, dass es ausgerechnet einer deutschsprachigen Debütantin gelingen sollte dem Meister das Wasser zu reichen. Dies musste dringend von mir überprüft werden. Gesagt, getan: “Blasmusikpop” zog ins Regal ein. Nach dem Lesen kann ich nur sagen: “Hut ab  vor der Leistung dieser jungen Frau! Sie kann sich definitiv mit den ganz Großen messen!!”
Nun stellt sich die Frage: Wie kann eine Rezension solch einem grandiosen Roman gerecht werden? Die Worte: Lest dieses Buch!!! Es ist grandios!!! - entsprechen zwar der Wahrheit, sind aber keineswegs ausreichend um den besonderen Flair des Romans oder die Dickschädeligkeit der St. Petrianer darzustellen.
Die Welt der Bewohner des kleinen Örtchens St. Peter am Anger ist eine ganz eigene. Es ist schwer sie zu beschreiben, denn dort folgt man jahrelang ausgearbeiteten Gesetzen, die nirgendwo aufgeschrieben, scheinbar über die Muttermilch aufgenommen und verinnerlicht werden. Es ist also kein Wunder, dass Johannes  Gerlitzen von den Bewohner des kleinen Bergsorfes als “nicht ganz richtig” angesehen wird, als er nach einem Bandwurmbefall und der Entdeckung, dass seine neugeborene Tochter die gleiche Haarfarbe wie der ruppige Nachbar hat, in die Stadt zieht um zu studieren, statt wie jeder normale Mensch weiter seinem Handwerksberuf nach zu gehen.
Als etliche Jahre später sein Enkel Johannes A. Gerlitzen in die Fußstapfen des “Doktor Opas” tritt, ist nicht nur er den St. Petrianer suspekt, sondern auch er empfindet das “Barbarendorf” als sehr obskur. Sowohl das Jungscharcamp, als auch der Fußballverein sind für ihn Orte der seltsamsten Freizeitvergnügen, zu denen ein Forscher wie er keinerlei Bezug hat. Erst sehr viel später, nachdem er seine Forschungen auf die Bewohner des Dörfchens ausgedehnt und mit diesen ein schier unmögliches Ereignis auf die Beine gestellt hat, findet er den Weg ins “echte” Leben.
Vea Kaisers Schreibe ist wirklich beeindruckend. Perfekt durchdachte, komplexe Gedankengänge fügen sich zu einem Roman zusammen, wie ich ihn zuvor noch nicht erlebt habe. Lebhaft und lebendig erzählt sie die Geschichte eines kleinen Dorfes, das vielleicht ein klein wenig an ihre eigenen Erlebnisse mit den Eigensinnigkeiten der Heimat erinnern. Um jedoch keine Gemeinsamkeiten aufkommen zu lassen hat sie mit einem Sprachwissenschaftler einen eigenen Dialekt für die St. Petrianer, die mich ein kleines bisschen an Asterix, Obelix und die Gallier erinnern, entworfen.
„Blasmusikpop“ ist eine gekonnte Mischung aus Kritik und Ironie, die jedoch immer mit einem Augenzwinkern zu sehen ist und dem Leser eine gewisse Heimatverbundenheit der Autorin vermittelt. Dadurch entsteht eine Herzlichkeit, die sich problemlos auf das Miteinander von Leser und Romanfiguren übertragen lässt. Selten habe ich Charaktere wie diese erlebt, die auf der einen Seite eine sehr eingeschränkte Sichtweise haben, auf der anderen aber über so viel Facettenreichtum verfügen.
Wie gesagt, ich kann einfach nicht die passenden Worte für meine Begeisterung finden. Vea Kaiser hat mich definititiv so beeindruckt, dass ich es jetzt schon kaum erwarten kann weitere Romane von ihr in die Hand zu kriegen.
FAZIT:
„Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam“ ist eine beeindruckende Gesellschaftsposse der besonderen Art. Beeindruckend, sprachgewaltig, komplex, charaktervoll und mit einer ordentlichen Portion Ironie, hat Vea Kaiser einen Roman kreiert, der mich nicht nur zum schmunzeln gebracht hat, sondern auf jeder einzelnen Seite fesseln konnte. Mir fehlen die Worte dieses Buch in angebrachtem Maße zu würdigen und so kann ich nur empfehlen es selbst zu lesen.
BUCHINFO:
Kiepenheuer & Witsch (Juli 2012)
496 Seiten
19,99 €
hier kaufen

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