26.09.13

Tobias O. Meißner: High Fantasy von großartiger Qualität

Wer meinen Blog schon länger verfolgt weiß, dass ich ganz begeistert bin von der Schreibe des Fantasy Autors Tobias O. Meißner. Ich habe bisher noch keinen Roman in diesem Genre gelesen, der es qualitativ mit dem literarischen Können dieses Autors aufnehmen kann. Nicht alle Bücher treffen inhaltlich meinen Geschmack, aber er schafft es immer wieder mich noch nachhaltig zu beeindrucken. Meiner Meinung nach vor allem, weil er seine Charaktere und Handlungen klug durchdenkt, psychologisches Geschick mit einbringt und auch den Leser dazu bringt kritisch und mit unterschiedlichen Blickwechseln mitzuarbeiten. 

Der erste Roman, den ich von ihm gelesen habe war "Die Soldaten". Schon da war ich davon beeindruckt, wie sehr ich mich zu kritischen Denkansätzen bewegen konnte, mich manipuliert und doch dazu anhält selbst zu denken. Es gab so viel zu entdecken in der Geschichte. Handlungen, die man als selbstverständlich und vorausschaubar ansehen konnte, wurden plötzlich schwammig und immer wieder hinterfragte ich wohin ich eigentlich gelockt werde. Vollends begeistern konnte er mich dann mit dem im letzten Jahr erschienenen Roman "Barbarendämmerung", das zwar übelst brutal ist, aber dennoch von hoher literarischer Qualität, ohne dabei anstrengend zu werden wie beispielsweise ein Tolkien oder ähnliches. 

Seit langem warte ich nun auf einen neuen Roman des Autors und im November ist es dann endlich soweit. Diesmal im Vordergrund die weiblichen Kriegerinnen. Der Piper Verlag hat zum neuen Roman "Klingenfieber" ein spannendes Interview mit Tobias O.Meißner geführt, dass ich euch hier gerne vorstellen möchte:



Interview mit Tobias O. Meißner zu seinem neuen Buch »Klingenfieber«
 
 »Klingenfieber« ist dein brandneuer Roman – diesmal hast du eine weibliche Figur ins Zentrum der Geschichte gerückt. War das Schreiben deshalb anders für dich? 
 
Nein, aber das liegt daran, dass ich ein wenig gemogelt habe. Anfangs habe ich nämlich eine männliche Figur benutzt, durch deren Augen man die weibliche Figur betrachtet. Erst in der zweiten Hälfte des Romans beginne ich dann, wirklich mit weiblichen Augen zu sehen.
 
 
Dein neuer Roman verarbeitet den Mythos der Amazone. Das Motiv kennt man von Kleists »Penthesilea« bis hin zur TV-Serie »Xena«. Wo ist dein Ansatz, was machst du anders?
 
Ähnlich wie in »Barbarendämmerung«, wo ich den Mythos des Fantasy-Barbaren deutlich entheroisiert und auf das Brutale, Unberechenbare und Triebhafte herunter gebrochen habe, betrachte ich auch hier den Mythos »Fantasy-Amazone« durchaus kritisch. Was richtet es eigentlich mit einem an, wenn man zwar jeden Mann im Kampf bezwingen kann, die Welt an sich aber dennoch von Männern und ihren Wünschen dominiert bleibt? Wie kann es kommen, dass eine Frau schließlich Krieg gegen sämtliche Männer führt?
 
 
Dein Buch widmest du hochkarätigen Frauengestalten: Agnes de Chastillon, der Roten Sonya von Rogatino, Jirel of Joiry und Raven, der Schwertmeisterin. Benennst du damit deine literarischen Vorbilder für »Klingenfieber«? Und welchen Einfluss hat Guy de Maupassant, den du ganz nebenbei erwähnst, auf diesen Roman?
 
Die erwähnten Damen sind literarische Vorfahrinnen meiner Heldin Erenis, deshalb gebot es mir doch schon die Höflichkeit, mich tief vor ihnen zu verneigen. Von Guy de Maupassant habe ich jedoch dreist eine Kutsche voller Fahrgäste entwendet! Ich brauchte für meinen Roman eine Kutschfahrt, las gerade Maupassants berühmte Novelle »Boule de suif«, und dachte mir: Warum kann ich dieselbe Kutsche mit denselben Passagieren nicht auch durch meinen Roman rollen lassen? Bestehen nicht sämtliche Fahrpläne sämtlicher Kutschen des Universums nicht letzten Endes ebenso aus Papier wie Novellen und Romane? 
 
 
In deinen Texten spielst du mit Stilistik – z.B. befolgst du bei Kapiteleinteilung- und -anordnung sowie bei Kapitelnamen eigene Regeln. Warum?
 
Wichtig ist mir dabei, dass es jedes Mal neue Regeln sind. Ich mag es einfach, mich selbst beim Schreiben immer wieder neu herauszufordern und ausgetretene Pfade zu meiden.
 
 
In »Klingenfieber« beispielsweise verzichtest du völlig auf Kapiteleinteilungen – und das über hunderte von Seiten. Was ist der Grund dafür?
 
»Klingenfieber« ist das weibliche Gegenstück zur »Barbarendämmerung«. »Barbarendämmerung« war wie von einer Axt in einzelne Kurzgeschichten zerhackt. »Klingenfieber« dagegen ist wie ein stetiger, unzergliederter Strom, der langsam aber sicher sämtliche Handlungsträger – und hoffentlich auch den Leser/die Leserin – mit sich mitreißt. Ich finde, dass dies eine Möglichkeit ist, den Unterschied zwischen einem männlichen und einer weiblichen Protagonistin nicht nur inhaltlich, sondern auch rhythmisch wiederzugeben.


Mit Erenis hast du eine ambivalente Figur geschaffen: ihre Hintergrundgeschichte ist fesselnd, ihr Schicksal dramatisch und man fiebert mit ihr – gleichzeitig nimmt man sie zuerst durch die Augen eines jungen Mannes, Stenrei, wahr. Warum hast du Erenis Geschichte nicht gleich aus ihrer Perspektive geschrieben?

Dafür gibt es – zusätzlich zu dem in der ersten Frage besprochenen »Hineinarbeiten« in die weibliche Sichtweise – auch noch einen inhaltlichen Beweggrund: Ich wollte, dass sich die Geheimnisse und die Herkunft von Erenis erst nach und nach erschließen. Hätte ich von Anfang an alles aus ihrer Sicht geschildert, hätte ich schon alles mit einfließen lassen müssen, was ihre Persönlichkeit ausmacht. Ich finde es jedoch spannender und auch sinnlicher, wenn sie am Anfang ein  attraktives Rätsel ist. 

High-Fantasy ist ein eher männlich besetztes Genre. Ist »Klingenfieber« ein Buch für weibliche Leser? Wem empfiehlst du es?

Jedem, der sich für komplizierte Beziehungen zwischen Frauen und Männern interessieren könnte. Also eigentlich … jedem.


Vielen Dank für das Interview!


Es war mir ein Vergnügen.

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Liebe Grüße,
Nanni

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