11.07.14

Das letzte Polaroid - Nina Sahm

Das letzte Polaroid 
 
" Az idö eljár, senkire nem vár, sagte Éva, die Zeit vergeht, sie wartet auf niemanden."

Als Anna 14 ist, macht sie gemeinsam mit ihren Eltern Urlaub in Ungarn. Dort lernt sie die Gleichaltrige Kinga kennen und ist sofort fasziniert von ihr und ihrer Welt, die so anders ist als Annas. Kinga ist wild, macht was sie will und vermittelt ein Gefühl von Freiheit. Eine Welt, die der wohlbehüteten Anna, die von ihren Eltern von allem abgeschirmt wird, unbekannt ist. Eine Welt, die Anna magisch anzieht, von ihren Eltern aber nicht geduldet wird.

"Aus ihrer Tasche zog sie nach und nach die Requisiten für die Nacht: Polster für meinen BH, Lidschatten und Eyeliner, Lipgloss, Glitzerpuder und High Heels."

Kinga ist ein bisschen verrückt, geht immer wieder an ihre Grenzen und auch darüber hinaus. Vor allem im sexuellen Bereich ist sie Anna überlegen. Zwischen den beiden Mädchen entsteht eine Freundschaft, die über Besuche und Briefkontakt aufrecht gehalten wird. Kinga erzählt in Briefen von ihrem Leben, ihren Beziehungen zu Jungs und irgenwann auch von der einen großen Liebe. Berichte, die in Anna immer wieder solch eine Sehnsucht entwickeln, dass sie Ereignisse für Kinga erfindet. So bspw. einen Freund, den es in gewissem Sinne auch gibt, aber eben nicht auf partnerschaftlicher Ebene. Ihrem eigenen Leben möchte Anna eigentlich entfliehen. Als sich ihre Eltern trennen, wird es ihr zu bunt und sie entwickelt ihre eigenen kleinen Ideen für eine Revolution.
 
"Ich schüttelte den Kopf und wunderte mich, dass ich nichts davon mitbekommen hatte, dass die große Villa die Streitigkeiten meiner Eltern verschluckt hatte wie Flüsterasphalt."

Als Kinga mit 23 ins Koma fällt, reist Anna zu ihr. Und plötzlich entsteht ein Sog in eine Richtung, die so nicht vorgesehen war. Anna macht das, was sie sich seit jenem ersten Sommer am Balaton wünscht: sie schlüpft in Kingas Leben.

"Warum hatte mir niemand beigebracht, ich selbst zu sein?"

Ein großes Thema im Roman ist der, dass Schein und Sein oftmals auseinander gehen. Darin ähneln sich die beiden Familien. Schwarze Schafe, negative Ereignisse, Schuldeingeständnisse, all das wird totgeschwiegen, im hintersten Schubladenkästchen verstaut. Zur ungarischen Mentalität (da kenne ich mich aber leider zu wenig aus), scheint es zu gehören, dass man um Wesentliches herumredet. und das in aller Ausführlichkeit. auch Anna und Kinga haben damit zu kämpfen, dass eine gewisse Offenheit fehlt. Gerade in ihrer Jugendzeit wirkt sich das negativ aus. Sich selbst finden, ist einfach schwieriger. Die Orientierung geht verloren und man schlägt möglicherweise einen falschen Weg ein oder muss die Last eines Umweges auf sich nehmen.

"Das letzte Polaroid" ist für mich ein Sommerbuch der etwas anderen Art. Es hat nichts mit einem leichten Sommerwind, einer feinen Brise, sondern fühlt sich für mich eher nach einer drückenden Schwüle an. Einer Schwere, der häufig ein Gewitter folgt, das damit auch Erleichterung schaffen kann. Nina Sahms ist für mich trotzdem eines DER Sommerbücher, die man gelesen haben sollte, da es sich abhebt und eine wirklich gute Geschichte birgt. Für kleine, wirklich kleine Kritikpunkte entschädigt das Ende, das so beweglich ist, wie die Atmosphäre des Romans.

 
Buchinfos:
 
239 Seiten
17,99 €
 



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