20.07.14

Ladivine / Marie NDiaye



Ich habe "Ladivine" gelesen und etwas Seltsames ist geschehen: ich bin hin und her gerissen, auf und ab katapultiert worden, von einem Roman, der seine ganz eigene Wirkung auf den Leser hat. Stark, eindringlich und immer in Bewegung, so dass er sicherlich noch lange im Kopf derer bleibt, die sich auf Marie NDiayes Erzählkunst einlassen können.

"Die Entscheidung, die Clarisse offenbarte, daß sie genauso fanatisch hartnäckig agieren konnte wie ihre Mutter, nahm zunächst die Gestalt einer diskreten Kälte an, die sich kaum von derjenigen unterschied, die vorgeherrscht hatte, als sie noch zusammengelebt hatten, zwei dunkle Blumen."

Der Anfang von "Ladivine" ist so poetisches rum Geplänkel, Gefasel über Gefühle und was weiß ich, dass einem aufgrund der Länge der Sätze fast schwindelig wird. Nach 50 Seiten scheint es mir, als wisse ich noch gar nichts, rein überhaupt nichts, über irgendjemanden, der im Buch auch nur ansatzweise eine Rolle spielt. Doch dann geschieht ein Wandel. Plötzlich Überfall artig und doch flüssig harmonisch, ensteht ein solcher Sog, dass ich mich nicht entziehen kann und Seite um Seite lesen muss, ohne das Buch auch nur für einen Moment aus der Hand legen zu können. Meine Geduld zahlt sich aus. Ich werde belohnt mit einem Roman, der in die Tiefe der familiären Verstrickungen, des Strudels aus Erlebtem, Erlernten und Ererbtem geht und eine nahezu unfassbare Faszination auf mich ausübt. 

"Wie verquer und niederträchtig sie sich fühlte neben der Dienerin, die in ihrer Zuneigung so leicht, so klar und tapfer war!"

Malinka schämt sich wegen ihrer Mutter, die so kläglich ausschaut, dass Malinka sie insgeheim "die Dienerin" nennt. Verachtung schimmert durch jede Pore, jeden Blick, jeden Gedanken, mit dem Malinka ihre Mutter belegt. Verachtung, die Malinka durch dieses Verhalten auch auf sich zieht. Sie verlässt die Mutter, nennt sich fortan Clarisse, blickt einem völlig anderen Leben entgegen, begegnet diesem wunderschönen Mann, heiratet ihn und bekommt mit ihm eine Tochter, die sie zu ehren der Mutter, mit der sie sich zumindest gedanklich ausgesöhnt hat, "Ladivine". Die Dienerin bekommt weder das Mädchen noch Richard Riviére, den Ehemann, jemals zu Gesicht.

"Ruhig betrachtete sie ihr künftiges Leben und stellte sich vor, wie es von zwei Geboten regiert würde, Vorder- und Kehrseite ein und desselben Auftrags: Malinkas Mutter zu verleugnen und Richard Riviére zu lieben, und dabei beiden gegenüber niemals auch nur die geringste Pflicht zu versäumen."

Aus Angst ausgegrenzt zu werden, nimmt Malinka dieses falsche Leben als Clarisse an, bemerkt aber nicht, dass sie sich damit selbst abschottet und mehr und mehr in ihre eigene Wirklichkeit zurückzieht. Sie verliert sich, hält Emotionen und Empfindungen so sehr zurück, dass sie aus ihr herausweichen und eine starre Mauer um sie herum bauen. Sie ist die eigentliche Dienerin. Unterworfen von Ängsten und Zwängen.

"Gewiß, sie hatte Richard Riviére innig, Ladivine und die Dienerin leidenschaftlich geliebt, aber hatte es zwischen ihnen je einen echten Gleichklang gegeben?"

Ein sanfter Übergang führt uns von Malinka zu Ladivine. Sie ist nun Mittelpunkt der Erzählung, die immer so wirkt, als würde die wichtigste Protagonistin über sich selbst in der dritten Person reden. Ladivine ist das Produkt der Erziehung, der ihrer Eltern, das Produkt der Lebensform, die jeder für sich gewählt hat. Während Malinka versucht hat in Clarisse' Schatten zu verschwinden, tut Ladivine alles, um gesehen zu werden, die Eltern aus der Trägheit, in die sie im Laufe der Zeit gerutscht sind, zu befreien.

"Wenn sie in der Nacht oder am frühen Morgen auf ihrem Roller nach Hause fuhr und sich matt fühlte, des Lebens müde, wenn sie dabei gedemütigt war von der Absurdität eben dieser Niedergeschlagenheit, denn nichts zwang sie zu tun, was sie tat, dann war sie böse auf Richard und Clarisse Riviére, die zu Hause friedlich schliefen, sie haßte sie, kurz und erbittert für die absolute Willensfreiheit, die sie ihr ließen, und für die Achtung, die sie ihr immer entgegenbringen würden."

Im letzten Teil des Romans nähern wir uns Richard Riviére, der Malinka einstmals verlassen hat. Aus einem Bauchgefühl heraus, das ihm näher brachte, dass diese Plastik, zu der Malinka als Clarisse geworden war, nicht echt genug für ihn ist. Durch diesen Vorgang lernt der Leser das Konstrukt von Ladivines Familie, die der Schatten einer Lüge ist, von allen Seiten kennen. Spiralförmig nähern wir uns dem Inneren dieses Konstrukts, bis wir tief drin stecken und nicht mehr heraus kommen. Selbst dann nicht, wenn die letzte Seite, die noch einmal Gänsehaut verursacht, gelesen ist. Ein Buch, das nachhaltig in Bewegung versetzt.

"Und dieses Gefühl, außerhalb seiner selbst zu stehen und zugleich vollkommen bei sich zu sein, in der berauschenden Intimität seiner plötzlich offenen und klaren Person und gleichwohl befreit von allen Sorgen und Schuldgefühlen, von den bitteren Tagen und der Unruhe - so kurzlebig dieses Gefühl auch war, es war unbezahlbar."

Nichts ist wie es scheint. Es bleibt was gegeben wurde. Kindheit und Familie beeinflussen nun mal die Persönlichkeit zu der wir uns entwickeln. Sowohl positiv, als auch negativ. Es bleibt ein ewiges Labyrinth, in dessen Gängen aus Wiederholungen, gefüllt mit Spiegeln, die unsere Biografie reflektieren, wir herumirren und auch Ecken geraten, in denen Rebellion gegen das, was wir erlebt haben, eine Rolle spielen und ebenso unsere Handlungen beeinflussen. Wir bewegen uns auf der Spur des Lebens, das uns unsere Eltern, Großeltern usw. mit auf die Reise gegeben haben, immer auf der Hut, vor lauter Kampf um eine eigene Identität nicht das Wesentliche und vor allem Stärken der eigenen Persönlichkeit und der Ahnen, zu übersehen. Sprachgewaltig, intensiv und manchmal ein bisschen aufdringlich, aber unglaublich passend umgesetzt von der Autorin Marie NDiaye. Eine Autorin, die mich sehr beeindruckt hat, mit ihrem Werk und die sicherlich auch noch durch andere Bücher ihren Weg in mein Regal finden wird.

Buchinfo:


Suhrkamp (Mai 2014)
444 Seiten
22,95 €
Übersetzerin: Claudia Kalscheuer

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Nanni

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