12.09.14

Der Tag, an dem ich fliegen lernte - Stefanie Kremser



"Das Leben, dieser beruhigend gleichmäßige Taktgeber, hatte sich innerhalb weniger Wochen in eine teilchenteilende Zentrifuge verwandelt, in der nichts Festes mehr im Flüssigen schwamm."

Aza und Paul sind jung und haben große Pläne, doch es gibt da etwas das ihnen einen Strich durch die Rechnung macht: Azas Schwangerschaft. Als die gerade Neugeborene Luisa im Krankenhaus durchs offene Fenster geflogen kommt und dort von einem Engländer gerettet wird, der sich ihr von nun an verbunden fühlt, jedoch nicht bemerkt, dass die Kindsmutter währenddessen das Weite sucht, weiß keiner mehr zu sagen, ob dies mit Absicht geschehen ist, oder wie so vieles in Luisas Leben, eine Fügung des Schicksals. Paul, dem immer noch sehr schwer ums Herz ist, weil er den Verlust der schönen Brasilianerin Aza nicht verkraften kann, nimmt sich dem kleinen Mädchen an.

"Der Mut des Augenblicks ist im Nachhinein oftmals gewagter, als er sich während seines Geschehens anfühlte. und mir zittern bei der Erinnerung heute noch die Knie."

Schon schnell erkennen sie: zusammen schaffen sie auch schwere Hürden. Denn es ist natürlich wichtig eine Mama zu haben, aber ebenso wichtig ist es Menschen zu haben, die einen lieben, Rückhalt und Kraft geben. Kann Luisa ja auch nichts für, dass es eben jene, ein klein wenig eigensinnige Freunde ihres Vaters sind, die sich zur Aufgabe gemacht haben sie auf ihre eigene Art zu unterstützen. Egal ob der rohe Fergus mit dem weichen Kern, Max der Künstler oder die Frauen, die gerne Pauls Herz erobert hätten, in dem jedoch bisher nie für andere Frauen Platz war, als für Luisa und die wunderschöne Aza.


"So kam es, dass ich wieder einmal mehrere Dinge auf einmal erfuhr: dass man lachen konnte, obwohl einem zum Weinen zumute war, und dass das irgendwie zu tun hatte mit Verzeihen, obwohl es weh tat."

Die Gelegenheit kommt: Paul hat die Möglichkeit Aza wiederzusehen, Luisa ihre Wurzeln kennen zu lernen. Ein Roadtrip in die Vergangenheit beginnt. Eine ganz skurrile, in der Bayern und Brasilien, Kriege und Regenwald, auf die für das Schicksal typische eigensinnige Art und Weise miteinander verbunden sind. Ohne es zu merken unterliegt auch der Leser der Faszination von Luisas Identität und der Lebendigkeit Brasiliens, das farbenprächtig wirkt, multikulti, schillernd, aber eben auch sehr pragmatisch funktional.

"Heute weiß ich, dass die Erinnerung so viele Fassungen haben kann, wie unsere Wünsche es vorgeben - vorausgesetzt man besitzt die nötige Vorstellungskraft."

Stefanie Kremser hat meine Erwartungen gewaltig übertroffen, denn ihr Roman steckt voller Überraschungen unterschiedlichster Art, mit denen ich nicht gerechnet hätte. Sprachlich unterhält sie auf ganz hohem Niveau. Hat eine poetische Schreibe, die trotzdem von ungewöhnlicher Leichtigkeit ist. Schlau und tiefgründig, so dass ich mir sehr viele Sätze rausgeschrieben habe, einfach um sie ab und an mal nachlesen zu können und selbst mal wieder das Leben aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Inhaltlich beschäftigt sie sich mit dem Thema Identität. Selbst Kind von Eltern aus unterschiedlichen Kulturen, hat sie von klein an verschiedene Länder bereist und bewohnt, weiß also wovon sie spricht, wenn sie dem Leser bemerkbar macht, dass es gar nicht immer so graviernde Unterschiede zwischen den verschiedenen Kulturen gibt und auch die Möglichkeit besteht aus allem Positives rauszupicken und zusammen zu suchen. Manchmal scheint es auch gar nicht so verkehrt, wenn man seine Herkunft nicht kennt. Die Chance sich eine ganz eigene Identität zu schaffen, ohne den Balast der Ahnen zu tragen oder in einer bereits ausgefahrenen Spur bleiben zu müssen, erscheint mir gar nicht so unübel ...

"Denn mit jenem Wurf aus dem Fenster wurde ich befreit, noch bevor ich wusste, wohin man mich herausgepresst hatte, wer mich erwartete, wie man mich nennen würde und in welcher Muttersprache."

Buchinfo:


Kiepenheuer & Witsch (August 2014)
Hardcover mit Schutzumschlag
304 Seiten
19, 99 €


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