17.10.14

In deinem Licht und Schatten / Louisa Reid

In deinem Licht und Schatten
 
"Alles, was Hephzi wusste, war, dass es schmutzig war. Es war schmutzig, und wir durften es nicht tun, wenn wir nicht in die Hölle kommen wollten. Mit der Periode war es dasselbe. Es war der Teufel in uns, der uns jeden Monat bluten ließ. Das Blut war das Zeichen des Teufels in uns, der uns jeden Monat bluten ließ. Das Blut war das Zeichen des Teufels, dass uns daran erinnern sollte - wie mein Gesicht -, wie verdorben wir waren."

Hephzi und Rebecca sind Zwillinge. Oder besser gesagt sie waren es. Denn nun ist Hephzi gestorben. Hephzi, die Schöne, die Mutige, in deren Schatten sich Rebecca immer verstecken konnte. In deren Schatten sie lebte, obwohl dieses Leben sich eher anfühlte, als sei auch sie schon lange leblos.

"Ich dachte, wir würden endlich frische Luft atmen können, wenn wir nicht länger dem giftigen Pfad aus Mutters Gehässigkeit folgen mussten. Ich sehnte mich nach Freiheit, aber die Vorstellung, auf die Schule zu gehen, machte mich auch nervös. Regelmäßig aus dem Haus herauszukommen wäre wunderbar, aber trotzdem war ich unruhig."

Der Vater Pfarrer. Fanatischer Verfechter seiner Vorstellung von Glauben. Nach außen ganz der feine Mann, der sich für andere aufopfert. Zuhause ein Tyrann, ein Dämon, der seine eigenen Kinder verschluckt. Besonders Rebecca, die wegen des Treacher-Collin-Syndroms verformte Gesichtsknochen hat, die Teufelsbrut, die in den Augen des Vaters so hässlich ist, dass nicht mal Gott in der Lage ist sie zu lieben, bekommt die Härte extremer Glaubensdarstellungen mit voller Wucht zu spüren. Die Mutter schaut zu. Oder weg. Wie man's nimmt. Deckelt das, was hinter verschlossen Türen geschieht, was hinter vorgehaltener Hand vermutet wird.

"Er kniff mich brutal in den Nacken, als er mich ins Haus schob. Aus der Ferne würde es so aussehen wie eine liebevolle Berührung. Niemand würde den Bluterguss unter meinen Haaren sehen."

Louisa Reid hat sich in ihrem Debüt einem Thema angenommen, das aus der Realität gegriffen ist. Kinder, die unter dem Fanatismus ihrer Eltern leiden. Die von ihnen misshandelt werden. Von ihnen unterdrückt, geschlagen und abgelehnt werden. Kinder, deren Bedürfnisse nicht gesehen werden. Hephzi und Rebecca dürfen bis zum 16. Lebensjahr keine Schule besuchen. Sie werden Zuhause unterrichtet, wobei sich die Mühe nur bei einer von beiden lohnt. Die andere taugt nichts, kann nichts, ist nichts. Grundlegende Bedürfnisse in den Bereichen Ernährung, soziale Kontakte und Liebe und Zuneigung von wichtigen Bezugspersonen werden ihnen verwehrt. Solch eine Erziehung führt dazu, dass Kinder nicht nur körperlich, sondern auch seelisch verkümmern. Im Fall der Zwillinge kommt nocht dazu, dass der Vater gewalttätig ist. Unter Alkoholeinfluss steigen diese impulsgesteuerten Ausbrüche. Die Autorin deutet viel an, beschreibt einige Handlungen und entwirft somit ein brutales Umfeld, dessen wirkliche Härte der Leser nur erahnen kann.

"Sein eigener Dämon verfolgt mich noch immer in meinen Träumen , un dich wehre mich schreiend, während er an mir zieht und zerrt und mich zerreißt."

Mit 16 gehen beide dann endlich in eine Schule. Sie dürfen tatsächlich ihren Abschluss dort machen. Wenn sie es denn schaffen. Wenn man niemanden hat, der einem etwas zutraut, Mut macht, wie soll man dann selbst an sich glauben? Endlich ein anderes Umfeld als Kirche, in der man den Vater als guten Hirten der Gemeinschaft ansieht. Endlich Menschen, denen auffällt, dass irgendetwas mit den Mädchen möglicherweise nicht stimmt. Doch laut belegter Statistik benötigt ein Kind / Jugendlicher sieben Menschen, um gehört zu werden. Es müssen zuerst sieben Menschen angesprochen werden, bis sich etwas bewegt. Bis man hilft, den Mut fasst etwas eingehender zu betrachten, anzusprechen und Hilfe zu organisieren.

"Ich war erst dreizehn und hatte so viel Angst vor ihm. Mein Herz war grün und blau geschlagen."

Louisa Reid hat einen sehr bewegenden Roman geschrieben, der von einem wirklich ernsten Thema handelt. So bedrückend, dass ich das Buch manchmal zur Seite legen musste, um Luft zu holen, wieder Energie zu schöpfen, um durchzuhalten, was zwei Mädchen schon ein ganzen junges Leben lang ertragen müssen. Und eben das ist wichtig. Dass man sich nicht direkt abwendet, dass man ein Auge darauf hat, dass Leid geschieht und dass man in der Lage ist zu helfen und zu unterstützen. Was Louisa Reid in ihrem Buch beschreibt ist so und so ähnlich leider kein Einzelfall. Und auch, wenn nicht alle Wunden heilen können, gibt es die Möglichkeit Narben wachsen zu lassen.

Buchinfo:

Fischer FJB (September 2014)
Hardcover mit Schutzumschlag
320 Seiten
16,99 €
Übersetzerin: Alexandra Ernst
 

 

Film zum Thema:

 
Im Falle eines Verdachts auf Kindesmisshandlung, körperliche oder seelische Verwahrlosung bietet Ihnen jedes Jugendamt (Allgemeiner Sozialer Dienst) die Möglichkeit sich beraten zu lassen. Sie müssen dafür weder Ihren eigenen Namen, noch den der Familie nennen. Sie haben die Möglichkeit sich Tipps zum Umgang mit der Situation oder auch Unterstützung zu holen.
 


Kommentare:

  1. Danke für die schöne Rezension. Ich muss unbedingt auch zu dem Buch greifen. Aber es klingt schon hart...

    LG, SaCre

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    1. Ja ist es auch. Aber trotzdem unbedingt lesenswert. Was in meiner Rezi wenig rauskommt ist, dass die Shreibe der Autorin auch einfach perfekt passt und sie damit eine wirklich reale Atmosphäre schafft. Auch, wenn es manchmal ganz schön schwierig ist das auszuhalten, sollte man nicht auf diese Lektüre verzichten.

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  6. Hallo meine Liebe ♥

    Deine Rezension ist soo wunderschön geworden (: *Ganz, ganz viel Lob dalass*
    Ich fand das Buch genauso fantastisch wie du! Es ist einfach was ganz besonderes und hat bei mir ganz viel hinterlassen. An Gedanken und Gefühlen.
    Würde es nur solche Bücher geben - ich würde gar nicht mehr aufhören zu lesen. Leider muss man immer ein bisschen suchen bis man so ein 'WOW'-Buch findet. Ich hab ständig weint weil es mir so ans Herz gegangen ist. *schnief*
    Den Vater habe ich gehasst bis ins unendliche, aber die Mutter eigentlich noch mehr. Da ich finde der Vater hatte wenigstens einen Grund für all das (ich meine, er selbst hat einen Grund in all dem gesehen - extrem fanatisch & falsch natürlich) doch die Mutter war nur eine feige Mitläuferin und hat ihren einzigen Töchtern nicht begestanden.
    Besonders schlimm war es für mich, zu wissen das so ein Horror nicht nur in Büchern sondern auch um uns herum existiert.

    Wundervolle Rezension ♥
    Fühl dich herzlich von mir gedrück (:

    Alles Liebe,
    Jasi

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    1. Liebe Jasi,

      vielen Dank für deine netten Worte :)
      Ja du sagst es. Es ist unverständlich wie Mütter so etwas mitmachen können. Auf solche Menschen bekomme ich auch total Wut. Leider kommt es tatsächlich nicht gerade selten vor, dass so etwas geschieht und dass Familienmitglieder dies deckeln :(

      *Drück*
      Nanni

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