27.10.14

Zebrawald / Adina Rishe Gerwitz



"Und so lauteten meine echten Wünsche:
1. Größer werden
2. Ein Abenteuer erleben
3. Meinem Vater begegnen"

Annie und Rew leben gemeinsam mit ihrer Großmutter zurückgezogen am Rande des Zebrawaldes, einem Wald voller Birken, deren Anblick ein schwarz-weiß Gitter ergibt, das sie somit auch optisch und nicht nur räumlich vom nahe gelegenen Gefängnis trennt. Annie sorgt meistens für die drei, die im Laufe der Zeit eine eingeschworene Gemeinschaft geworden sind, ganz ohne Vater und Mutter, und einer Gran, die mit ihren ganz eigenen Schatten zu kämpfen hat.

"Ich schaute die Treppe hinauf zu Grans geschlossener Schlafzimmertür. Und mir wurde klar, dass Gran uns immer die Wahrheit gesagt hatte. Sie hatte immer behauptet, eine gute Lügnerin zu sein. Aber bis zu dieser Nacht hatte ich keine Ahnung davon gehabt, wie gut sie wirklich war. Wie gut sie wirklich lügen konnte."

Der Zebrawald ist scheinbar nicht Schutz genug, den parallel zu den Geiseln im Irak, werden auch Annie, Rew und Gran zu Geiseln, denn im Gefängnis ist eine Revolte ausgebrochen und mehrere Gefangene sind entflohen. Einer von ihnen ist ganz unverhofft im kleinen Häuschen am Waldrand aufgetaucht. Die Idylle, die Blase aus selbstgebauter Wirklichkeit und aus der Situation heraus entstandener Fähigkeiten das etwas andere Leben so gut wie möglich zu meistern, droht zu zerplatzen. Der Gefangene hat ein dunkles Geheimnis. Und das ist eng mit dem Leben von Annie, Rew und Gran verknüpft.



"Ich stand neben ihm, den Blick dem Zebrawald zugewandt, und fragte mich, wo Gran, die jede Zeitschrift behielt, die sie jemals gekauft hatte, die Bilder ihres Ehemanns vergraben hatte, meines Großvaters, des Mannes, den sie leidenschaftlich geliebt hatte."

Adina Rishe Gerwitz, freischaffende Journalistin und Mutter von fünf Kindern, hat ein sehr starkes Debüt geschaffen, das unglaublich realitätsnah wirkt und den Leser zutiefst berührt. Rew und Annie leben bei ihrer Großmutter, die ihr bestes versucht den Kindern Ersatz ihrer Eltern zu sein. Von der Mutter sind sie abgelehnt und zurückgelassen worden, der Vater ist verstorben, getötet von einem bösen Mann. Nicht nur die Großmutter sondern auch die Kinder bauen sich eine eigene Realität, in der das Leben einfacher ist, in der die Vergangenheit leichter zu ertragen ist. Gran hält das nicht immer aus. Die Last der Lügen ist schwer zu tragen und doch muss sie einfach stark sein. Unter diesen Umständen eine Identität zu entwickeln ist nicht leicht für die beiden Kinder. Zum einen Elternteil gibt es keinerlei Anhaltspunkte, das andere hat sich abgewendet. Wie soll man es als Kind da nur schaffen mit starkem Charakter aufzuwachsen? Alles nicht einfach und doch zeigen uns Annie und Rew, dass es sich lohnt zu kämpfen, dass man der Vergangenheit die Stirn bieten kann und dass man sich seine Schwächen eingestehen muss, um eigene Stärke daraus zu entwickeln.

"Zebrawald" ist ein sehr schlaues, bewegendes Buch mit einem ganz eigenen, wunderbaren Charakter. Autorin Adina Rishe Gerwitz verfügt über eine kraftvolle Schreibe, die sie mit leicht verständlicher Sprache ausdrückt, so dass dieser Roman von Lesern ab 10 Jahre gut verstanden werden, und auch einfach als Abenteuerroman gelesen werden kann. Untergründig versteckt sie noch ganz viel, mit dem die Autorin bewusst auch Leser einer höheren Altersklasse anspricht. Ich finde, dass der Roman unbedingt von Erwachsenen gelesen werden sollte, denn er erweitert den Horizont, hat eine Perspektive, die zum Nachdenken anregt und ist zudem äußerst herzig.

Buchinfo:


cbt (August 2014)
256 Seiten
14,99 €
Originaltitel: Zebra Forest
Übersetzerin: Alexandra Ernst

1 Kommentar:

  1. Was du geschrieben hast klingt interessant. Ich werde mir das Buch mal vormeken.

    LG,
    Tanja

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Hallo,
schön, dass du hier her gefunden hast. Ich freue mich über deinen Kommentar.
Liebe Grüße,
Nanni

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