05.11.14

Über uns das Meer / Sabine Giebken

Über uns das Meer
 
"Ich schloss die Augen, und plötzlich schob sich ein anderes Bild vor meine abtauchenden Gedanken, eines, das die ganze Zeit über schon da gewesen sein musste: Angel konnte etwas, was nur sehr wenige Menschen beherrschten. Im Meer war er frei."

Lou hat sich in ihrer Familie noch nie wohlgefühlt. Hatte immer das Gefühl nicht dazu zu gehören. Viel zu groß sind die Unterschiede zwischen ihnen. Wie Land und Meer, könnten sie kaum gegensätzlicher sein. Lou fühlt sich eingezwängt in dem Leben, das man ihr vorschreibt. Als sie ihr Abitur machen und auf einer Eliteuni in England studieren soll, läuft sie weg. Bricht aus, aus den Konventionen, mit denen man ihr Leben bisher bestimmt hat. Ziel ist das alte Häuschen ihrer Großmutter auf Elba. Dort hat sie sich schon immer heimisch gefühlt. Geborgen und behütet. Dort hat sie Freundschaften geknüpft und zum ersten Mal das Gefühl gehabt Wurzeln zu schlagen. Ihre Rückkehr dorthin ist ein bisschen wie nach Hause kommen. Vertraute Gerüche, Lebensgefühle und Erinnerungen begrüßen sie auf Elba. Aber wie alles verändert sich auch das Leben auf der kleinen Insel im Mittelmeer.

"Das ist kein Freitauchen, dachte der wachere Teil meines Gehirns, das ist Schlafwandeln im Meer. Ich bin ein mondsüchtiges Meermädchen, das ist alles. Wer braucht schon Regeln und Gesetze, wer braucht schon Typen, die einem vormachen, was man auch selbst rausfinden kann?"

Eine Truppe junger Leute geht dort täglich tauchen. Das hat Lou früher auch schon gemacht. Der Sohn des Ladenbesitzers für Tauchzubehör ist mal ein guter Freund gewesen. Und irgendwie auch mehr. Im Mittelpunkt des Geschehens ein Apnoetaucher. Er will einen Weltrekord im Freitauchen aufstellen. Über hundert Meter tief tauchen, die Luft anhalten und der Dunkelheit des Meeres widerstehen. Keine leichte Aufgabe, vor allen Dingen dann nicht, wenn ein dunkles Geheimnis dafür sorgt, dass er immer tiefer gezogen wird.

"Seine Augen schienen dunkler geworden, tiefe Schatten lagen in der Iris. Darunter sah ich feinen Glanz, der in seinen Wimpern hing wie das Glitzern von Tränen. Doch am meisten erschreckte mich sein Blick, die tiefe Traurigkeit, die wie ein Anker an ihm zog und ihn nicht freigeben wollte."

Sabine Giebken hat mit "Über uns das Meer" ein kraftvolles Debüt geschrieben, das mich zum "Apnoeleser" machte. Feine, sanfte Worte, die Lous und Angels Sehnsucht nach dem Meer, nach Freiheit so wirksam darstellten, dass es mir den Atem nahm, dass ich das Gefühl hatte sie am eigenen Körper spüren zu können. Nichts anderes ist mehr von Bedeutung, als endlich durchatmen zu können. Es scheint absurd, dass dabei ausgerechnet Luft anhalten helfen soll. Ich glaube es ist die Art an seine Grenzen zu gehen, diese zu überschreiten, dadurch ein gewisses Gefühl von Kontrolle (zurück) zu erlangen, die ein Gefühl von Freiheit auslöst. Das Leben spüren, klar denken, Ziele fassen und Momente genießen können. Bewusstsein zu schaffen für eigene Wünsche, eigene Vorstellungen und auch eine eigene Identität. Atemraubende Szenen in denen der Wunsch sich völlig fallen lassen zu können, in die Tiefen des Meeres zu sinken und alles vergessen zu können einen großen Teil der Handlung einnimmt, haben mich stark beeindruckt und meine Angst vorm Meer in eine völlig neue Faszination verwandelt. Sabine Giebken beruft sich auf den Facettenreichtum des Meeres. Dessen buntes schillerndes Innenleben, das jedoch auch Gefahr birgt. Der Sog des Meeres mit Worten in eine Sucht nach der Geschichte von Lou und Angel verwandelt, die zunächst so vorsichtig ist, wie die Erzählstimme der Autorin und Stück für Stück an Stärke gewinnt, machen diesen Debütroman zu einer ganz besonderen Geschichte.

 
 
"Über uns das Meer" ist im Magellan Verlag erschienen. Dort gibt man sich nicht nur Mühe außerordentlich schöne Geschichten zu finden, sondern diese auch außerordentlich schön zu gestalten. Besonders angetan hat es mir "Über uns das Meer" ohne seinen Umschlag. Viele kleine Seesterne auf dunklem mit feinstem Muster überzogenen Grund. Wunderschön. Ich mag gar nicht mehr gern den Umschlag drum machen, der mit vielen bunten Fischen das Gefühl gibt mitten durch einen Schwarm hindurch zu tauchen.
 
 
Buchinfo:
 
Magellan (Oktober 2014)
Hardcover mit Schutzumschlag
512 Seiten
18,95 €
 

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Nanni

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