03.02.15

Als wir unsterblich waren - Charlotte Roth



"Es war der 9. November 1989, einer jener Tage, von denen es später hieß, sie seien in die Geschichte eingegangen. Für die ganze Welt wurde es der Tag, an dem die Berliner Mauer fiel, und danach war nichts mehr wie vorher. Für Alex blieb es der Tag, an dem sie Oliver traf, doch auch für sie war danach nichts mehr wie vorher, kein Stein auf dem anderen und keine Wand mehr intakt."

Alexandra kann kaum glauben, was ihre Freundin Maike ihr erzählt. Die Berliner Mauer wird eingerissen. Es passiert gerade jetzt. Sie beide werden Zeuge eines großen geschichtlichen Ereignisses. So wie auch schon ihre Großmutter Zeuge großer geschichtlicher Ereignisse war. Doch während Alex in einer Zeit lebt, in der von Freiheit und Toleranz gesprochen wird, gehört Paula zu der Generation, die nicht nur den ersten, sondern auch den zweiten Weltkrieg erlebt hat. Auch damals hat man von Freiheit und eigener Meinung geträumt. Bekommen hat man aber nur Intoleranz, Hass und Armut.

Für Alex ist dieser Mauerfall trotzdem auf eine Art bedrückend. Warum das so ist kann sie sich nicht erklären. Sie hat immer von Reisen in ferne Länder geträumt, doch diese nun zu unternehmen, den sicheren Schutz der heimischen Wohnung, in der sie und ihre Großmutter eine ganz eigene Gemeinschaft gebildet haben, zu verlassen, macht ihr Angst. Ebenso wie die Menschenmassen, die sich das Ereignis am 9. November nicht ergehen lassen wollen. Dort trifft Alex auf Oliver, der Mann, der sie scheinbar aus ihrer Lethargie, aus ihrem Nest heraus holt und ihr dabei hilft ihre Flügel auszubreiten und endlich zu fliegen. Doch keiner rechnet damit, dass sein Anblick bei Alex' Großmutter einen Herzinfarkt auslöst. Was ist in Paulas Vergangenheit geschehen, das sie so tief vergraben hat, dass nur ein Schock es wieder nach oben holen kann? Und was hat Oliver damit zu tun?

"Wer behauptet, an die Liebe auf den ersten Blick nicht zu glauben, hat nie gewartet und war nie bereit."

Auch bei "Als wir unsterblich waren" und mir war es Liebe auf den ersten Blick. Als ich das Cover gesehen habe, das eine nachdenkliche junge Frau vor der Kulisse Berlins Anfang des 20. Jahrhunderts zeigt, war es um mich geschehen. Ich wollte unbedingt wissen, was dahinter steckt. Wollte diese Frau kennen lernen, ihr folgen in eine Zeit, in der Menschen so fürchterlichen Belastungen ausgesetzt waren.

Ich wurde nicht enttäuscht. Es war eine harte, aber auch wundervolle Zeitreise. Meine Begleitung eine junge Frau, die stark und tapfer für ihr Land, ihre Mitmenschen, für Freiheit und Gerechtigkeit und für ihre große Liebe kämpft. Gebeutelt von Rückschlägen und Verlusten, gibt sie nicht auf, hat immer ein offenes Ohr und ein großes Herz für Andere. Sie erlebt ein Schicksal wie es wohl viele - Frauen wie Männer und Kinder - in Kriegszeiten erlebten. Schicksale, die nicht in Vergessenheit geraten sollten.

Charlotte Roth hat mich mitgenommen in ein bildgewaltiges Deutschland im beginnenden 20. Jahrhundert. Hat eine Atmosphäre geschaffen, die mich sehr bewegt hat. Zusätzlich habe ich einen Einblick in einen anderen Bestandteil unserer Geschichte bekommen, der ziemlich anders und doch auch ähnlich ist, was Wünsche und Hoffnungen, aber auch Ängst der Menschen angeht. Die Berliner Literaturwisschenschaftlerin zeigt, dass wir - egal welcher Generation - die Geschichte unseres Landes, unseres Volkes mittragen. Dass wir doch damit zu tun haben, auch wenn wir nicht mehr direkt damit zu tun haben. Dass es für uns aber wichtig ist diese Geschichte, als unsere anzuerkennen, um nicht dieselben Fehler zu machen, die schon unsere Ahnen gemacht haben.

Buchinfo:


Knaur (Mai 2014)
576 Seiten
Taschenbuch
9,99 €


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