25.05.15

Was fehlt, wenn ich verschwunden bin / Lilly Lindner





April leidet an Anorexie. Die Erkrankung ist bei ihr so weit fortgeschritten, dass sie einzig in einer Klinik eine Möglichkeit hat, gesund zu werden. Ihre kleine Schwester Phoebe lebt nun allein Zuhause bei den Eltern. Sie vermisst April ganz schrecklich. April, die ihr immer Hoffnung gegeben hat, denn der April ist der erste Monat nach dem Winter und bringt Leben in die Welt. Phoebes große Schwester April steckt schon lange nicht mehr voller Leben. Wird immer kälter, entfernt sich von jeglichen Lebensfreuden und verschwindet mehr und mehr.

" '[...] Wenn ich ausziehe, dann bin ich der jüngste Mensch auf der Welt, der alleine leben muss. Aber wisst ihr was: Das bin ich doch sowieso schon - alleine! Ihr seid nämlich beide nie hier! Manchmal sehe ich eure Körper. Aber die sind leer. So wie eure Gefühle. [...]' "

Damit sie in der Klinik trotzdem am Leben von Phoebe teilnehmen kann, bekommt April regelmäßig Briefe von ihrer schlauen kleinen Schwester, die mit neun Jahren schon außerordentlich Wortgewandt ist und so voll steckt mit Gedanken, dass sie diese permanent rausplaudern muss. Eine Eigenschaft, die April ebenfalls mal inne hatte, die aber ebenso versiegt ist, wie ihr Hunger.

"[...] Und Mamas Schmerz war auch mein Schmerz. Es war der erste Schmerz, den wir geteilt haben. Der erste verstandene Schmerz, nach all den langen Jahren.
Aber wir konnten uns nicht berühren. Mama konnte nicht einmal nach meiner Hand greifen - solche Angst hatte sie davor.
Wir waren uns trotzdem nah.
Irgendwie."

Lilly Lindner, die mit ihrem Debüt "Splitterfasernackt", in dem sie versucht das schwere Erlebnis ihrer eigenen Vergewaltigung zu verarbeiten, monatelang auf den Bestsellerlisten stand, hat sich an ihr erstes Jugendbuch gewagt. Sie stellt sich dieser Aufgabe in Form eines Briefromans, was ich als nicht einfaches Unterfangen einschätze, denn es ist nicht leicht ein gutes Gleichmaß zwischen erzähltem erlebtem und Gefühlen zu halten. Schnell verliert man den Leser, wenn man zu viel ins eine oder andere abrutscht. Lilly Lindner gelingt eine eindrucksvolle Balance aus Geschehnissen, die den Alltag der Familie beschreiben, so dass der Leser einen guten Eindruck davon bekommt wie sich das familiäre Umfeld sowie der Freundeskreis der Mädchen gestaltet, und Gefühlen, die sich perfekt in die Erlebnisse einfügen und den Leser zu jeder Zeit berühren.

"Aber um ein Lachen sollte man normalerweise nicht bitten müssen. Ein Lachen sollte man geschenkt bekommen.
So wie Liebe.
Und Ostereier."

Der Roman ist in zwei Bereiche geteilt. Im ersten erfahren wir den aktuellen Stand der Dinge, beschrieben durch Phoebes noch etwas kindliche, aber doch sehr scharfe und tiefgründige Beobachtungsgabe. An manchen Abschnitten klingt mir die Neunjährige etwas zu erwachsen, was den Fluss ein klein wenig hemmt, an anderer Stelle passt ihre kluge Betrachtungsweise jedoch wieder perfekt. Im zweiten Bereich des Buches können wir die Antworten der 16-jährigen April lesen, erfahren, wie es zu ihrer Erkrankung gekommen ist, inwiefern die Eltern beteiligt sind, wie sie sich fühlt und wie schwer es ist, der Erkrankung zu entfliehen, wenn diese erst mal ihre dürren und doch starken Arme um einen Patienten geschlossen hat.

"Ich wollte zu Mama sagen: 'Du kannst nichts dafür. Es ist nicht deine Schuld. Ich habe mir selbst ausgesucht, mich zu verlieren. Und ich habe dir längst verziehen, dass du mich nicht halten konntest. Ich weiß doch, wie schwer ich zu tragen bin, ich habe mich oft genug auf deine Waage gestellt.' [...]
Aber ich war zu schwach."

Sehr eindringlich und berührend sind Aprils und Phoebes Worte, ihr Wunsch nach einem gemeinsamen Leben ohne die Krankheit Anorexie. Der Kampf ist schwer und nicht immer zu gewinnen. Viel Kraft ist dafür nötig. Viel Unterstützung und ein eiserner Willen, den das Leben nicht jedem gegeben hat und manchmal auch wieder nimmt. Lilly Lindner hat genau diesen Kampf sehr authentisch zu Papier gebracht. In ihrem Roman "Was fehlt, wenn ich verschwunden bin" gibt mit feinen, fast poetischen Worten, einer Krankheit, die meist auf Unverständnis trifft, eine starke Stimme.

Buchinfo:


Fischer (2015)
400 Seiten
9,99 €


1 Kommentar:

  1. Ich fand das Buch auch richtig gut und hätte wohl ab der Hälfte durchheulen können. So berührend und ist für mich auf jeden Fall eines meiner Lieblingsbücher :)

    Liebe Grüße, Tinka :)

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Hallo,
schön, dass du hier her gefunden hast. Ich freue mich über deinen Kommentar.
Liebe Grüße,
Nanni

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