12.05.15

Wir sehen uns dort oben / Pierre Lemaitre



Albert Maillard erwartet nichts sehnlicher als das Ende des Krieges. Viel zu lang schon hat er ums Überleben gekämpft, was ihn so angestrengt hat, dass er am liebsten aufgeben würde. Doch wer wird schon kurz vorm Ziel, klein beigeben, vor allem, wenn Zuhause ein hübsches Mädchen auf ihn wartet. Doch auch, wenn es eigentlich nur noch bergauf gehen kann, fühlt er sich resigniert und mutlos. Als würde er seine Zweifel ausdünsten, gerät er ins Visier des ehrgeizigen und hinterlistigen Leutnant Pradelle und eher er sich versieht ist er im Krater einer Handgranate verschüttet.

"Während er Édouard an sich drückt, wird ihm bewusst, dass sein Kamerad, so wie alle, den ganzen Krieg hindurch nur einen Wunsch hatte: zu überleben. Und nun, da der Krieg zu Ende und er noch am Leben ist, will er sich einfach nur in Luft auflösen."

Auch Édouard Péricort ist des Kämpfens müde. Als Sohn reicher Eltern ohne ein Ziel vor Augen und immer in der Rolle des Komikers und Unterhalters Zuhause, sowieso nicht für den Kampf geboren, erhofft er nichts so sehr wie Frieden und die Heimkehr nach Hause zur Schwester, zu der er eine etwas zu innige Beziehung hat. Doch auch er wird Opfer einer der letzten in Betrieb genommenen Waffen. Doch bevor diese sein Leben für immer verändert, rettet er noch das von Albert Maillard und schafft damit eine Verbindung zwischen den beiden Männern, die vom Schicksal herbeigeführt und auch nur von diesem wieder zu trennen ist.

"Die beiden Männer hatten zwar schon eine gemeinsame Geschichte, in der jeder seine eigene Rolle spielte, aber eigentlich kannten sie sich nicht. Ihre Verbindung war aus einem komplizierten Geflecht aus schlechtem Gewissen, Solidarität, Ressentiment, Distanz und brüderlicher Verbundenheit entstanden"

Lemaitres Schreibe hat mich vom ersten Satz an mit einer starken Intensität umfasst und nicht mehr losgelassen. Seite für Seite habe ich verschlungen, manchmal kurz davor doch abzubrechen, weil die Wellen des Krieges so weit und hart um sich schlagen. Sichtbare Verletzungen, die Übelkeit erregen und solche, deren Ausmaß kaum zu erfassen ist. Alpträume, Wesensveränderungen, Verlustgefühle und Ängste, mit all dem schlagen sich die ehemaligen Soldaten herum, verhöhnt vom Land, das eine Entlohnung verspricht, die weder ausgeführt werden kann, noch ansatzweise wieder das gut machen kann, was der Krieg verbrochen hat.

"[...] Er hatte es freiwillig getan, aber - er wusste nicht so recht, wie er es ausdrücken sollte, was er empfand, diese Ungerechtigkeit ... Niemand war Schuld daran, und doch war es die ganze Welt."

Maillard und Péricort haben wahren Heldentum bewiesen, der von niemandem anerkannt wird und auch keinem von beiden zu Nutze ist, denn auch Anerkennung ist nur eine geringe Form der Erlösung. Und als ob die Kriegsschäden nicht genug sind, kämpft das Leben weiterhin gegen sie. Glück ist für sie eben so ein schwer einschätzbares Spiel wie für ihre Angehörigen. Der Leser stellt sich mehr als einmal die Frage: gibt es eine ausgleichende Gerechtigkeit?

"Es war immer dasselbe. Dauernd kamen einem diese Typen mit dem Krieg. Und dauernd wollten sie aller Welt eine Lektion erteilen. Man hatte langsam die Nase voll von diesen Helden! Außerdem waren die wirklichen Helden tot!"

Obwohl ich vom Cover des Buches eine andere Geschichte erwartet habe, bin ich sehr begeistert vom zurecht mehrfach ausgezeichneten Roman des Franzosen. Die von mir erwartete Leichtigkeit der Protagonisten blieb aus, ihr von ihnen so lang geduldetes Elend schlug dafür umso härter zu. Berührt und völlig gefesselt von einer Geschichte, die ein hervorragendes Konstrukt aus berechnenden Machtspielen und den undurchschaubaren Wegen des Schicksals, gebe ich gerne meine Lesseempfehlung für "Wir sehen uns dort oben".

Buchinfo:


Klett-Cotta (2014)
521 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag
Übersetzung: Antje Peter


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Kommentare:

  1. Hallo,

    schöne Rezension!
    Als das Buch rauskaum, hatte ich auch schon überlegt, ob ich es mir kaufen soll oder nicht. Nach deiner Rezension bin ich nun schwer in Versuchung geraten, mir das Buch in naher Zukunft nun endlich zu kaufen.

    Viele Grüße!

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    1. Hallo,

      ich kann es wirklich nur empfehlen! :)

      LG Nanni

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  2. Hallo ,
    Ich empfehle Ihnen den Film ( oktober 2017). Er wird ganz bestimmt sehr bald in Deutschland gezeigt
    Grüsse aus Frankreich

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    1. Vielen Dank. Den werde ich mir sicher anschauen.

      Herzliche Grüße

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    2. Vielen Dank. Den werde ich mir sicher anschauen.

      Herzliche Grüße

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Hallo,
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Liebe Grüße,
Nanni

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