29.10.15

Liebe ist was für Idioten. Wie mich. - Sabine Schoder



Lange habe ich "Liebe ist was für Idioten. Wie mich." vor mir her geschoben. Es hat einfach nicht so schnell mein Interesse geweckt, gibt es doch etliche Jugendromane über Liebe, Verliebtheit und soziale Probleme. Ich war so ahnungslos!! "Liebe ist was für Idioten. Wie mich." ist seit langem das Beste, das ich in diesem Genre gelesen habe.

Vikis Leben ist eher katastrophal. Ihre Mutter ist schon seit langem verstorben, ihr Vater hasst sie und sie hasst Jay Feretty, diesen obercoolen Bandleader aus ihrer Schule. An ihrem 17. Geburtstag passiert dann auch noch ein Unglück, das dem ganzen die Krone aufsetzt. Viki schläft mit Jay Feretty. Volltrunken und im Rausch des Joints, den er ihr angeboten - und sie somit gefügig gemacht hat - landet sie in seinem Bett. Am nächsten Tag kann sie sich an nichts mehr erinnern und als Rache schwärzt sie ihn bei seinen Eltern an. Ein nicht vorhersehbarer Strudel setzt sich in Bewegung.

"Ein Gefühl überwältigt mich. Kaltes, flüssiges Licht, das durch mein Innerstes rauscht und die dunklen Ecken füllt. Worte steigen darin zur Oberfläche, eine blendende Erkenntnis: Dir fehlt etwas, Viki. Etwas Wichtiges.
Etwas, an das ich mich schwach erinnere, wie an einen Geschmack aus der Kindheit. Etwas, das die Zeit in mir verblassen ließ, das sich aus meinen Gedanken schlich, bis ich es verloren habe, ohne es zu vermissen."

Sabine Schoder ist mit ihrem Debüt ein unfassbar wundervoller Roman gelungen, der nicht nur von einer berührenden, echten, tragisch wie schönen Handlung lebt, sondern auch von zwei Protagonisten, die eigentlich zu toll sind, um wahr zu sein, und dennoch so realistisch gestaltet sind, dass es sich dabei um den Jungen von nebenan und das Mädchen aus dem Haus gegenüber handeln könnte.

Viki ist ganz große Klasse. Trotz der Schwierigkeiten, mit denen sie schon lange zu kämpfen hat, ist sie nicht zu einem kleinen Mäuschen geworden, das sich versteckt und sich alles gefallen lässt. Mit ihrem Vater verbindet sie eine Art Hassliebe. Ich glaube schon, dass er sie in gewisser Form liebt, als seine Tochter, als sein eigen Fleisch und Blut, doch der Verlust von Vikis Mutter ist so groß, so schmerzhaft für ihn, dass er alle anderen Gefühle ignoriert. Einzig Wut bahnt sich manchmal den Weg aus seinem Körper. Leider richtet sie sich allzu oft gegen Viki, die den Begriff "elterliche Fürsorge" schon seit langem nur vom Hören-Sagen her kennt. Ziemlich auf sich allein gestellt, hat sie gelernt zu kämpfen. Die Schläge des Schicksals nicht einzustecken, sondern zurückzuschlagen. Ohne tatsächlich gewalttätig zu werden, was aufgrund ihrer Lebensumstände auch nicht verwunderlich
wäre.

"Ich verschwinde, bevor ich die Beherrschung verliere. Eine Konfrontation würde übel ausgehen. Allerdings weiß ich nicht, für wen von uns beiden. Manchmal fürchte ich, ich könnte ihn umbringen. Tatsächlich umbringen, nicht einfach nur damit drohen. Erschreckenderweise hält mich das Strafgesetz davon ab, nicht mein Gewissen. Was macht das aus mir?"

Sie ist kein naives, junges Ding, sondern weiß, das Leben einzuschätzen - die Liebe weniger. Sie ist unglaublich echt. Hat Gefühle, Schwächen und Stärken. Ist cool, aber auch tolpatschig. Kann schlagfertige Gespräche führen, aber auch in dümmliche Sprachlosigkeit verfallen. Hat Ecken und Kanten und wirkt einfach wie mitten aus dem Leben gegriffen, hineingesetzt in diesen großartigen Roman.

Und Jay. Jay Feretty. Wer den Begriff BBF - Book Boyfriend - noch nicht kennt, wird durch Jay den Wunsch verspüren, Fantasie zu Wirklichkeit werden zu lassen. Jay Feretty rockt das Ganze, mit all dem was ihn umgibt. Charme, Charakter und einem undurchsichtigen Geheimnis. Trotz seiner positiven Eigenschaften, wirkt er nicht gekünstelt. Ist nicht aalglatt, hat ausreichend Schwächen, um realistisch zu wirken. Ich verurteile einige seiner Handlungen und dennoch ist er für mich einer der gelungensten männlichen Figuren im Jugendbuchgenre.

"Zuerst spüre ich seine Wärme, einen Druck, ungewohnt, etwas unangenehm. Er hält inne. Seine Lippen berühren mich, seine Zunge gleitet in meinen Mund. Er küsst mich, schrecklich langsam, ich will mehr, ich will alles. Meine Hüften pressen sich gegen ihn. Es fühlt sich gut an, ich bringe uns näher, immer näher, immer näher, bis es nicht mehr weiter geht. Jay stöhnt sanft in meinen Mund."

Sabine Schoder hinterlässt mich immer wieder atemlos. Mehrfach, auf verschiedene Arten. Liebesszenen, die in anderen Ländern zensiert würden, Dialoge, bei denen dir die Spucke wegbleibt, und Momente, die gnadenlos zuschlagen.

Buchinfo:


FISCHER Taschenbuch (August 2015)
352 Seiten
Paperback, Klappenbroschur
Ab 14 Jahre
12,99 €
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1 Kommentar:

  1. Bis zu dieser Rezension habe ich mich in der letzten halben Stunde durch deine Beiträge gestöbert. Leider schaffe ich es gerade zeitlich nicht, alle zu kommentieren, selbst wenn ich deine Art zu schreiben und allem eine persönliche Note zu verleihen sehr mag.

    Aber fix zu diesem Buch, welches mich durch seine vorher ungeahnte Tiefe positiv überrascht.
    Schöne Rezension !

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