30.11.15

Etta und Otto und Russell und James / Emma Hooper


Etta ist 83, als sie aufbricht das Meer zu sehen. Weil sie in letzter Zeit sehr viel vergisst, trägt sie in ihrer Tasche einen Zettel mit den wichtigsten Daten. Wie sie heißt, wie der Name ihres Ehemanns lautet und welche Personen in ihrem Leben von Bedeutung sind. Neben ihrem Mann Otto, ist das vor allem Russell, seit etlichen Jahrzehnten ein treuer Freund des Ehepaars.

In Ettas Vergangenheit gibt es viele Schatten, die nun wieder durch ihr Blickfeld huschen. Die sie und auch Otto – und das schon seit vielen Jahren – ängstigen und beunruhigen. Ganz tiefe Wunden hat der Krieg hinterlassen, in dem nicht nur Otto gekämpft hat, sondern so viele andere junge Menschen, die dem Paar einmal wichtig waren. Der Krieg hat damals alles verändert und ist nach wie vor in den Köpfen derer, die direkt oder indirekt daran teilgenommen haben.

[…] Ich trage dein Foto in der Tasche auf der Seite ohne Pistole. Zum Ausgleich.“

Etta zeigt typische Verhaltensweisen von Demenzpatienten. Dazu gehört, dass die Vergangenheit sie einholt, für sie wieder präsent wird. Vergangenes fühlt sich gegenwärtig an. Unschöne Dinge – in Ettas Fall – die Grund genug wären, alles hinter sich lassen zu wollen und einfach wegzurennen. Begleitung findet Etta in James, dem Kojoten. Ob es ihn wirklich gibt, oder ob er ein Gespinst ihrer Fantasie ist – ebenfalls ein Symptom von Demenz – kann der Leser entsprechend seiner eigenen Vorstellungen mit in die Geschichte einfließen lassen.

Autorin Emma Hooper, die mit „Etta und Otto und Russell und James“ ein starkes Debüt veröffentlicht hat, das auf Anhieb in mehreren Ländern erfolgreich war, spielt mit dem Leser. Mit Fantasie und Vorstellungskraft, sowie dem vom Wunschdenken getriebenen handeln. Für einige Handlungen Ettas gibt Hooper klare Handlungsstränge vor, für einiges viele verschiedene und wieder andere bleiben offen, so dass der Leser selbst einfügen kann, wie die Geschichte weitergehen könnte oder was Hooper mit diesem Erzählstrang wohl meint.

Wörter sind stark. Das Stärkste überhaupt.“

Dieses Spiel mit Vorstellung ist das, was Etta täglich begegnet. Nicht selten verliert sie sich in ihrer eigenen Fantasie, muss mit dem vorlieb nehmen, was für sie der Realität entspricht und doch schon lange keine mehr ist. Schwierig für den Betroffenen, aber noch schwieriger für Angehörige. Otto meistert die mit der Krankheit einhergehenden Probleme ganz wunderbar. Treu steht er seiner Etta zur Seite, gibt ihr Freiheit, wartet auf sie, wie sie einst auf ihn und hält sich am steten Glauben fest, dass sie ihn liebt, egal, was sie macht oder wer sie gerade ist. Ein Glaube, der auch die Freundschaft zu Russell seit Ewigkeiten stärkt. Er, der Spurensucher, der Fährtenleser, der kluge Kopf, der immer für seine Freunde da ist. Egal wann, egal wie.

„Etta und Otto und Russell und James“ ist eine zärtliche, intensive und liebevolle Geschichte über eine Krankheit, mit der umzugehen nicht ganz einfach ist und viel Geduld erfordert. Emma Hooper entwirft zauberhafte Charaktere, die ich schnell lieb gewonnen habe und sehr inspirierend finde. Immer den Kopf oben tragend, immer gewillt weiter zu machen, unbeirrbar in ihrer Liebe und Zuneigung zueinander. Der Aufbau ihrer Geschichte, die in kleinen Kapiteln auf verschiedenen Ebenen, mal in der Vergangenheit, mal in der Gegenwart, mal von dieser, mal von jener Person, erzählt wird, schafft eine weiche Atmosphäre, durchdrungen von der Härte, mit der das Leben manchmal um sich schlägt. Ganz besonders gut gefällt mir das Ende, das den Charakter des Buches, dem Leser Freiraum für Fantasie und eigene Gedankengänge zu lassen, perfekt einfängt und durchzieht. Eine ganz klare Leseempfehlung.

Buchinfo:


Droemer (September 2015)
336 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag
19,99 €
Übersetzung: Michaela Grabinger
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