05.11.15

[Re-Read] Chucks - Cornelia Travnicek



Vor etwas über 3 Jahren erschien das eigenwillige Debüt der jungen Österreicher Autorin Cornelia Travnicek. "Chucks" lautete der Titel, der mich ebenso ansprach wie die Aussicht auf eine tiefgründige, traurige Geschichte. Bis dato hatte ich fast ausschließlich historische Romane, Fantasy und eher leichte zeitgenössische Literatur gelesen. Dass es Geschichten gibt, in denen man auch zwischen den Zeilen lesen kann, war mir neu. Statt das Neue zu erkennen und mich darauf einzulassen, verschloss ich mich dem, wandte mich vom Buch ab. Ich stempelte es ab mit den Worten "kein gutes Buch" und gab es weg.

Heute, drei Arbeitsjahre als Sozialpädagogin mit besonderem Interesse an Verhaltens- und Entwicklungspsychologie und Berufserfahrung in pädagogischen sowie psychologischen Bereichen, später, weckt die Autorin mit ihrem neusten Roman "Junge Hunde" mein Interesse und ihr Debüt "Chucks" kommt mir wieder in den Kopf. Ich mache mir Gedanken dazu. Frage mich, ob ich es nun, mit oben genannten Lebenserfahrungen, vielleicht anders betrachten würde und ertappe mich bei dem Wunsch es noch lesen zu wollen - was mir eher selten passiert. Auf der Buchmesse bekomme ich Gelegenheit mit Autorin und Verlagsmitarbeiterin zu sprechen, beide finden die Idee eines Re-Reads gut, auch auf die Gefahr hin, dass ich das Buch erneut nicht mag. Doch wie so oft ist die Veränderung der Perspektive sinnvoll für die Betrachtung.

"Warum sich die lange Mitte unseres Lebens immer um den unvermeidlichen Anfang und das zu vermeidende Ende dreht."

Mae ist Einzelkind. Zumindest seit dem Tod ihres Bruders. Leukämie hat ihn dahin gerafft, nach und nach zerstört. Mae hat dabei zugesehen. Unwissend aufgrund ihres Alters und mangelnder Aufklärung durch die Eltern. Eigentlich ist sie auch kein Einzelkind, denn die Eltern haben ja schon seit Beginn der Erkrankung aufgehört sie zu beachten. Alles drehte sich nur noch um ihren kranken Bruder. Eine Mae-Welt gibt es Zuhause nicht mehr. Ein Kreislauf, der in vielen Familien auftritt, in denen eins der Kinder schwer erkrankt.

Mae nimmt sich selbst in die Hand. Sie landet bei Tamara und deren Punk-Freunde, adoptiert diese sozusagen als ihre neue Familie. Ob sie ein guter Umgang für Mae sind, sei dahingestellt, aber sie geben ihr das, was sie schon lange vermisst: Aufmerksamkeit, Geborgenheit, Akzeptanz. Wie man richtig damit umgeht, weiß sie nicht, hat sie möglicherweise verlernt. Das bekommt auch Jakob zu spüren, mit dem sie später eine feste Beziehung eingeht.

"Das bin ich, sind wir, im Endeffekt: nicht gern allein."

Das Verhältnis zur leiblichen Familie ist gebrochen. Der Vater hat diese schon vor langer Zeit verlassen, die Beziehung zwischen Mutter und Mae ist kalt und leer. Lange versucht Mae dort Aufmerksamkeit zu bekommen. Doch die Mutter traut sich nicht angemessen zu reagieren. Angst und Trauer beherrschen sie nach wie vor. Zwischen ihr und ihrer Tochter gibt es keine Interaktion mehr, nur noch ein dunkles Loch. Es kommt, wie es kommen muss - Mae wird straffällig.

Um einer Haftstrafe zu entgehen, leistet sie Sozialdienst ab. In einem Haus für Aids Kranke. Dort lernt sie Paul kennen und auf besondere Art finden die beiden zueinander. Mae muss sich nun wieder damit auseinandersetzen, dass ein Mensch, der ihr am Herzen liegt, von einer Krankheit aufgefressen wird, bis nichts mehr von ihm da ist. Man könnte sich fragen, warum sie sich das noch einmal antut? Warum sie all diese Qualen auf sich nimmt? Aber es ist ihre Art Ruhe zu finden. Ihre Möglichkeit den Sterbenden zu begleiten, Abscheid zu nehmen und bewusst die Trauer zu verarbeiten.

" 'Was sonst? Wir haben doch nur Angst, dass es aus sein könnte, dass wir dieses und jenes nicht mehr erleben. Wir ärgern uns, dass der Spaß ein Ende hat.'
'Und der Schmerz?'
'Der Schmerz ist dann die Sache all jener, die noch länger hier bleiben.' "

Ich empfinde die Grundstimmung des Romans als sehr drückend. Ich habe Mitleid mit Mae, deren Leben anders hätte verlaufen können, sollen, wenn es darin nicht so viele unausgesprochene Worte, so viele unterdrückte Taten gegeben hätte. Außerdem mag ich Paul, Jakob und Tamara, die jeder seine eigene Last zu tragen haben, zum Teil aber auch von Mae mit reingezogen werden, kann ihnen nur schlecht beim Leiden zusehen.

Vor drei Jahren fand ich Maes Verhalten sehr seltsam und vor allem abstoßend. Sie sammelt Pauls Fußnägel in Tupperdosen ... hallo?! Heute erkenne ich die Gründe für ihr Verhalten, weiß wie es dazu kommen konnte. Welche Erfahrungen sie zu der jungen Frau gemacht haben, die sie ist. Wie sehr sie immer noch von Verlusten und Ängsten beherrscht wird und an allem festhält, was sie festhalten kann. Nicht normal, aber erklärbar.

"Das ist, was Paul erreicht: dass ich mich erkannt fühle."

Ich habe den Roman diesmal richtig gern gelesen. Die kurzen, prägnanten Sätze der Autorin gefallen mir. Sätze, die auf verschiedene Arten gelesen werden können - oberflächlich unterhaltend oder eben auch tiefgründig und nachdenklich. Die volle Punktzahl bekommt die Cornelia Travnicek für "Chucks" immer noch nicht. Dafür ist die Beziehung zwischen Mae und mir einfach zu kühl. Mae kann halt nicht anders, aber ich auch nicht. Außerdem brauche ich noch ein bisschen Spielraum für die anderen Romane der Autorin, denn die möchte ich nun unbedingt auch lesen.

Buchinfo:


btb (Januar 2014)
192 Seiten
Taschenbuch 
8,99 €
Originalverlag: DVA
eBook
7,99 €
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Extras:


Soundtrack zum Buch
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Kommentare:

  1. Hey,

    hmm, durch deine Rezension komme ich wirklich ins Grübeln. Ich habe das Buch aussortiert, aber es ist noch in meinem Besitz... sollte ich ihm doch noch eine Chance geben?!

    Liebe Grüße,
    Anna

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    1. Hallo Anna,

      es ist ja auch nur ein ganz dünnes Buch, das sich schnell liest ... ;)
      Inhaltlich allerdings nichts für eben mal schnell zwischendurch, denn das Thema ist ja nicht so ganz easy peasy verarbeitet. Zumal die Autorin schon eine bedrückende Stimmung kreiert. Ich bin gespannt, wie du dich entscheidest :)

      LG Nanni

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Hallo,
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Liebe Grüße,
Nanni

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