29.01.16

[Kolumne] Vom kindlichen Leser zum ausgewachsenen Büchernarr

Am 28. Januar war der Todestag der schwedischen Kinderbuchautorin Astrid Lindgren. Ihre Bücher haben nicht nur mich, sondern viele weitere junge Leser so sehr beeinflusst und erfreut, dass die Begeisterung auch im Erwachsenenalter anhält.



Fragt mich jemand nach meinen Lieblingsbüchern sind ihre Werke immer mit auf der Liste. Sie sind etwas ganz besonderes.

Was macht den Reiz an ihren Büchern aus? Welchen Lindgren Roman mögt ihr am liebsten und warum?

Ich glaube diese Frage ist sehr individuell zu beantworten, denn die Frage nach dem Lieblings Astrid Lindgren Buch bekommt sicherlich unterschiedliche Antworten. Die eine identifiziert sich mit Pippi Langstrumpf, die andere mit Ronja Räubertochter. Manch einer möchte so leben wie die Kinder auf Bullerbü oder Saltkrokan und manch einer wünscht sich so viel Mut zu haben wie Prinz Mio.

Ich mag besonders, dass sie Kindern eine Stimme gibt. Dass sie deren Wünsche ernst nimmt, auch wenn sie auf den ersten Blick noch so unerreichbar scheinen. Aber ist es nicht auch wichtig sich Ziele zu stecken? Sollte nicht ein Aspekt von Kinderbüchern sein, dass sie Kinder glücklich machen und ihnen im beste Fall helfen Selbstbewusstsein zu entwickeln?

Ob sich ein Kind zum Büchernarr entwickelt, hängt sicher nicht nur davon ab, ob Eltern die Kleinen schon früh an Bücher und Geschichten heranführen, sondern auch welche Bücher sie zu lesen bekommen. Ganz bestimmt könnt ihr euch alle noch an das erste Buch erinnern, das ihr selbst gelesen habt und ganz bestimmt auch noch an eins, das man euch immer vorlesen musste, oder? Inwieweit hat dieses Buch / diese Bücher euren heutigen Lesegeschmack geprägt?

Ich habe schon früh Bücher vorgelesen bekommen, aber ganz besonders ist mir „Die kleine Hexe“ von Ottfried Preussler im Gedächtnis geblieben. Immer und immer wieder musste man sie mir vorlesen, später habe ich sie noch etliche Male selbst gelesen. Fasziniert von der Möglichkeit zu zaubern und damit Gutes tun zu können.

Hat mich dieses Buch geprägt? Ja hat es. Ich habe eine Leidenschaft für Fantasy entwickelt. Mag Geschichten, in denen Magie vorkommt oder eine enge Bindung zwischen Mensch und Tier, so wie zwischen der kleinen Hexe und dem Raben Abraxxas. Das soziale Engagement der kleinen Hexe spiegelt sich ebenfalls seit meiner Kindheit in meinem Verhalten wieder. Heute übe ich einen sozialen Beruf aus. Vielleicht ist sie eins meiner ersten Vorbilder gewesen.

Klingt aus Sicht eines Erwachsenen etwas komisch, oder? Als Kind hingegen nimmt man Geschichten ganz anders war. Projiziert sie auf die eigene Realität, spielt Figuren daraus nach, übernimmt Rollen der darin vorkommenden Figuren, möchte so sein wie sie.

Ein Kind liest mit anderen Augen.

Quelle: Pixabay

Neyasha hat sich auf ihrem Blog Vom Lesen und Schreiben vor einiger Zeit einmal Gedanken darüber gemacht, ob sich das Leseverhalten seit der Jugendzeit verändert hat. Eine interessante Frage, die wir sicher alle mit „Ja“ beantworten können. Aber warum ist das so?

Ein Faktor ist sicherlich Zeit. Wenn ich bedenke wie viele Stunden ich mich früher einfach in meinem Zimmer verkrümelt habe, um in einem Buch zu versinken – beim Gedanken daran werde ich jetzt noch ganz wehmütig, denn so viel Ruhe und Zeit hätte ich gerne noch einmal.

Wie oben bereits angesprochen, haben wir als Kinder Bücher ganz bestimmt anders wahrgenommen. Ich lese auch heute noch gerne Bücher, die eindringlich sind, die mich mitnehmen, die mir das Gefühl von Reisen vermitteln. Sei es in eine andere Welt, eine andere Zeit oder einfach als Zuschauer eines anderen Lebens. Als Kind habe ich dies noch intensiver getan. In einer Form der Hingabe, die eben nur Kinder haben. Ihre Fantasie ist so unerschöpflich und unverflochten. Kein Realitätsdenken hält davon ab sich voll und ganz auf Geschichten und Handlungen einzulassen, seien sie auch noch so absurd.

Oder glaubt ihr heute noch wirklich und aus vollem Herzen daran, dass es Mädchen gibt, die in der Lage sind ein Pferd hochzuheben? Ich habe es versucht, es geht nicht. Ich weiß, dass es ausgedacht ist. Eine Geschichte.
Früher habe ich daran geglaubt, dass alles möglich ist …

Hat sich euer Leseverhalten, eure Betrachtung eines Buches, einer Geschichte in den letzten Jahren ebenfalls verändert?
Welche Eigenschaft vom Leseverhalten eines Kindes hättet ihr gern beibehalten? Oder ist es genau richtig, so wie es jetzt ist?

So muss ich oft an eine Geschichte denken, die mir ebenfalls aus meiner Kindergartenzeit im Gedächtnis geblieben ist. „Frederick“ von Leo Lionni. Es ist Herbst und alle Mäuse sammeln Vorräte für den Winter. Nur Frederick nicht. Er sammelt Farben und Erinnerungen. Und als alle Vorräte aufgebraucht sind, holt er seine Sammlung heraus. Wärmt die anderen Mäuse mit seinen Geschichten, die vom Sommer erzählen und die Farben des Herbstes beschreiben.

Leo Lionni greift damit genau das auf, wozu Bücher in der Lage sind. Uns mit ihren Geschichten wärmen, mit Worten Farben und Bilder erschaffen, die nur wir sehen. Jeder in der Form, in der er möchte.  
Beltz & Gelberg

1 Kommentar:

  1. Ein sehr schöner Beitrag. "Frederick" habe ich als Kind auch total gemocht, ebenso "Die kleine Hexe". Ich kann mich übrigens beim besten Willen nicht mehr erinnern, welches Buch ich als erstes selbst gelesen habe. Ich habe so viel gelesen als Kind, dass ich mich nur noch an die Bücher erinnern kann, die ich über Jahre hinweg immer wieder gern zur Hand genommen habe.
    Aber zu meinen ersten Büchern, das nicht hauptsächlich ein Bilderbuch war, hat auf jeden Fall "Das siebente Kätzchen" gehört. Das war so eine schöne, traurige Geschichte!

    Ich weiß noch, dass meine Mutter mir noch lange, nachdem ich schon selbst lesen konnte, am Abend immer noch vorgelesen hat. Das war ein richtiges Zubettgeh-Ritual.
    Es ist allerdings schon seltsam: Unser Haus war immer voller Bücher und meine Mutter hat allen viel vorgelesen. Nun ja, meine älteste Schwester und ich sind Leseratten, während meine anderen beiden Geschwister so gut wie nie ein Buch in die Hand nehmen.

    Mein liebstes Lindgren-Buch ist ja "Die Brüder Löwenherz". Absolut unerreicht von allen Kinderbüchern, die ich sonst jemals gelesen habe.

    In letzter Zeit habe ich übrigens auch öfter darüber nachgedacht, dass ich gern noch so viel Zeit und Ruhe zum Lesen hätte wie als Kind. Das ist mir vor allem aufgefallen, als ich über Silvester krank war und bei meiner Familie tatsächlich stundenlang gelesen habe. In Wien finde ich dazu kaum jemals Zeit und Ruhe - noch nicht einmal, wenn ich krank bin.
    Manchmal denke ich mir, ich würde gern mal für ein paar Tage irgendwohin fahren, wo ich kein Internet, keine Verpflichtungen und möglichst keine Ablenkung habe und mich dort einfach nur in Büchern vergraben.

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