04.05.16

Des Tauchers leere Kleider - Vendela Vida



Auf Geheiß einer Bekannten ist sie nach Marokko geflogen. Dort kann man ganz einfach entspannen und eine schöne Zeit verbringen, hieß es. Doch dann klaut man ihr den Rucksack, mit all den für sie wichtigen Sachen. Kreditkarte, Reisepass, ihre Identität – alles weg.

Sie wendet sich an die einheimische Polizei, bekommt dort aber wenig Hilfe. Dafür gibt man ihr Pass und Kreditkarte einer anderen. Ihre Chance ein neues Leben zu beginnen und die Vergangenheit endgültig zu begraben?

Ich lese die ersten Seiten von Vendela Vidas „Des Tauchers leere Kleider“ und bin sofort gefesselt. Von ihrer Art zu schreiben, aber auch von der Wirkung des Romans. Denn darum geht es in diesem Fall viel mehr, als um den Inhalt an sich.

Geschildert wird die Geschichte aus der personalen Erzählperspektive. Das bedeutet, dass der Erzähler die Erlebnisse aus seiner Sicht berichtet, von sich selbst aber in der dritten Person spricht. Hier wird das „du“ verwendet. Bei buecher-wiki.de steht zu dieser eher ungewöhnlichen Erzählform, dass sie „sich die fiktive Wirklichkeit nur im Bewusstsein einer Figur spiegelt“, eine starke „suggestive Wirkung auf den Leser“ ausübt und „kein Mensch weiß, ob die Wahrnehmung der Figur […] getrübt ist“. Ja genau das ist. Dieses handwerkliche Mittel macht Vendela Vida sich zu Nutze und holt mich damit immer wieder in eine Geschichte, die mich ins grübeln bringt.

Anders als deine Schwester, deren Hirn einem Bienenstock gleicht und die auf meisterhafte Weise kontinuierlich ihren nächsten Schritt zu planen wusste, bist du schon immer gut darin gewesen, ewig aus Fenstern zu starren. Du versuchst dir nicht auszurechnen, wieviel in deinem Leben du verschwendet hast, indem du genau das tust, was du jetzt tust.“

Schon von Anfang an habe ich das Gefühl, dass die Erlebnisse der Hauptperson, deren Namen nur ein einziges Mal genannt wird und da habe ich natürlich verpasst ihn mir zu notieren, inszeniert sind. Durch die Intensität des Erzähltons fühle ich mich in den Roman hineingezogen, werde aber die Ahnung nicht los, dass man mit mir spielt.

Doch wer ist derjenige, der für diese Inszenierung sorgt, die bei der Protagonistin einen Identitätsverlust ausübt? Ist es die marokkanische Polizei? Eine Verschwörung des Hotelpersonals? Oder steckt sie gar selbst dahinter? Getrieben von dem Wunsch wer anders zu sein?

In den ersten zwei Dritteln ist es auch überhaupt nicht klar. Ich fühle mich wie in der Truman Story. Von der Autorin in eine bestimmte Richtung gedrängt, die ich nicht ändern kann. Und auch nicht ändern möchte. Mit Faszination betrachte ich ihre Vorgehensweise. Tiefer und tiefer dringt sie in die Seele ihrer Hauptdarstellerin ein. Nimmt mich mit auf diese Reise, die mich zwischen Realität und Inszenierung trudeln lässt.

Ich empfinde „Des Tauchers leere Kleider“ als sehr lesenswerten Roman, da er auf besondere Art etwas mit dem Leser anstellt.

Buchinfo:


Aufbau (2016)
252 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag
19,95 €
Übersetzung: Monika Baark

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Kommentare:

  1. Klingt nach einem interessanten Buch, auch wenn ich nicht weiß, ob die Erzählperspektive so mein Fall wäre. Übrigens redet die Erzählerin hier nicht von sich in der dritten Person (er/sie), sondern in der zweiten (du). ;-) Dementsprechend bedeutet personale Erzählperspektive nicht, dass ein Buch in der "Du"-Perspektive geschrieben ist, sondern dass durch die Augen der Figuren in der 3. Person, also so ziemlich die häufigste Perspektive in modernen Romanen - im Gegensatz zur auktorialen Perspektive, bei der ein Erzähler von außen auf die Figuren blickt.
    Sorry fürs Klugscheißen, aber das konnte ich grad nicht so stehenlassen. :-)

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    1. Überhaupt nicht schlimm. Ich freue mich, wenn ich dazu lernen kann, denn ehrlich gesagt musste ich wirklich erstmal googeln, wie man die Erzählperspektive nennt, die Vendela Vida hier verwendet.
      Ich glaube schon, dass du den Roman mögen würdest. Und gerade durch die Erzählperspektive unterstreicht sie ihre Aussage nochmal.

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