05.09.16

Junge Hunde - Cornelia Travnicek



Johanna und Ernst sind seit 15 Jahren beste Freunde. Seit Johanna Ernst aus Versehen nach Hause gefolgt ist und dort erfahren hat, dass Ernst Chinese ist, obwohl seine Eltern Sibylle und Johannes keine Asiaten sind.

Ernst möchte wissen woher er stammt. Wer seine Mutter ist, wie sie aussieht, ob es Ähnlichkeiten zwischen ihnen gibt. Er ist sprichwörtlich auf der Suche nach seinen Wurzeln. In der Praxis haben sie längst ihre Erde gefunden. Sind beheimatet bei Sibylle und Johannes.

Trotzdem fühlt er sich ruhelos. Benötigt Bestätigung seiner Vermutungen und Fantasien, die vielleicht aber auch zunichte gemacht werden. Egal. Er möchte seinen Lebensweg weitergehen. Dafür muss er einzelne Streckenziele erreichen. Und dazu zählt eben auch zu wissen, wo sein Leben seinen Anfang genommen hat.

Die Reise dorthin ist nicht einfach. In China fällt er als Ausländer auf. Trotz Sibylles Bemühungen ihm chinesisch beizubringen, eine Verzweigung nach China zu schaffen, um seine Wurzeln so zu stärken, merken Einheimische sofort, dass er nicht von dort ist. Die Suche nach seiner Mutter lässt ihn gleichzeitig vorwärts kommen und rückwärts gehen. Es ist ihm, als müsse er erneut eine Geburt, ein erstes Kennenlernen und Entwicklung von Sprache, Wahrnehmung, Lernen durch Sehen, durchlaufen.

Zeitgleich bricht er den Kontakt zu Johanna ab. Dafür hat er gerade keinen Kopf. Während er seine Wurzeln tiefer und tiefer in den Boden gräbt, verlieren Johannas an Halt. Ein gut gehütetes Geheimnis sorgt für eine Erschütterung dessen, was sie bis dato als einengend empfunden hat, was aber eigentlich – wie ihr nun klar wird – eine sichere Stütze war.

Cornelia Travnicek hat zwei Protagonisten entwickelt, die sich gerade in einer interessanten Phase ihres Lebens befinden. Einem Lebensabschnitt, den wir alle durchlaufen. In dem Wurzeln, Herkunft, Ähnlichkeiten innerhalb der Familie, genetisches Erbe, hinterfragt und beleuchtet werden, bevor wir nach und nach den Schritt in einen neuen Abschnitt wagen. Einen Schritt, der Mut und eine gewisse Ausprägung an Verwurzelung erfordert, um gelingen zu können.

Die junge österreichische Autorin konnte mich abermals überzeugen, obwohl die Stimmung anders ist, als in ihrem bereits verfilmten Debüt „Chucks“ und sie auch sprachlich anders vorgeht. Das gefällt mir. Sie spielt mit ihrer Schreibe, hat vielleicht eine andere Seite an sich selbst entdeckt und schöpft ihr Können aus, anstatt in ihrer Schublade zu verharren.

Obwohl nicht nur Ernsts Geschichte, sondern auch Johannas von einem gewissen ernst geprägt ist, ist die Schreibe voll untergründigem Humor, Sprachwitz und Tändelei. Sätze, in denen wichtige inhaltliche Elemente versteckt sind, die zum hinterfragen und entdecken einladen, können mich begeistern. Cornelia Travnicek ist damit für mich von einem einmaligen Glücksgriff zu einer Autorin geworden, zu deren Romanen ich nun gezielt greifen werde. Mit dem Gedanken daran, dass ich nicht weiß was auf mich zukommt, wie weit sie sich treu bleibt oder experimentiert, aber mit der Zuversicht, dass sie etwas schreibt, das Denkanstöße gibt und meinen Blickwinkel verändert.

Buchinfo:


DVA (Oktober 2015)
240 Seiten
Paperback, Klappenbroschur
14,99 €

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Cornelia Travnicek auf Fantasie und Träumerei:


Rezension „Chucks

Treffen auf der FBM15

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