04.11.16

Letzter Bus nach Coffeeville - J. Paul Henderson



Drei in jeder Hinsicht ziemlich älteste Freunde reisen in einem klapprigen Tourbus der Beatles quer durch die USA bis nach Mississippi. Mit an Bord: Alzheimer, die grausame Krankheit des Vergessens. Nach und nach steigen noch andere Passagiere mit kunterbunten Lebensläufen zu, die verrückt genug sind, um es mit so einem heimtückischen Mitreisenden aufzunehmen. Ein Buch, bei dem man ebenso oft Tränen weint wie Tränen lacht und das man dabeihaben will, wenn’s im eigenen Leben mal nichts mehr zu lachen gibt.
(Bild: N.Eppner, Text: Diogenes)

Früher habe ich immer geglaubt, dass Alzheimer oder Demenz Themen für alte Menschen sind. Dass sie mich nicht interessieren müssen, weil ich nichts damit zu tun habe. Heute sehe ich das anders. Auch wenn in meiner Familie glücklicherweise niemand von einer der Krankheiten betroffen ist, habe ich einen anderen Blick auf ihre Existenz (sehr interessant: Ich und meine Alzheimer WG).

Alzheimer ist keine Krankheit, die sich einfach so mit Medikamenten behandeln lässt. Sie umfasst viele Facetten an Therapiemaßnahmen und betrifft in großem Umfang auch Angehörige. Es ist, als ob Alzheimer Patienten rückwärts leben. Als ob sie sich wieder zu dem entwickeln, was sie zu Beginn ihres Lebens waren. Sie verlieren ihre Fähigkeiten sich selbst zu versorgen, verlieren den Bezug zur Gegenwart und erinnern sich vermehrt nur noch an die Menschen, mit denen sie in ihrer Kindheit / Jugend zu tun hatten. Sehr schwer für Angehörige, die all dies bewusst miterleben, aber natürlich in besonderem Maße für Betroffene selbst. Immer wieder steht die Frage der Menschenwürde im Raum und wie stark Alzheimer diese für sich beansprucht.
Genau diese Frage macht J. Paul Henderson zum Mittelpunkt seines Romans. Den Verlauf der Krankheit hat er in der eigenen Familie erlebt. Seine Mutter ist an Alzheimer erkrankt und verstorben. Für ihn Grund genug sich näher mit dem Thema auseinander zu setzen.

Herausgekommen ist ein Roman von ganz besonderem Charakter. Ein Roman, der glücklich macht und mich ausgesprochen gut unterhalten hat. Eine gelungene Kombination aus dem Ernst, der mit Krankheit verbunden ist, und Hendersons eigenem, großartigem Humor.

„Letzter Bus nach Coffeeville“ lebt von seinen Protagonisten, die jeder für sich so interessant sind, dass sie eigene kleine Romane verdient hätten. Ihre Geschichten werden ins große Ganze des Buchs eingebunden. Eine Art des Erzählens, die ich sehr gerne mag. Gemeinsam werden sie zu einem unschlagbaren Trio, das nicht nur dem Alter, sondern auch vielen Konventionen und Vorurteilen trotzt.

Obwohl die an Alzheimer erkrankte Nancy eine der Hauptfiguren ist, ist „Letzter Bus nach Coffeevillee“ kein Buch, das den Fokus auf die Krankheit an sich legt, sondern eher auf die damit verbundenen Hindernisse und Schicksalsläufe, sowie auf die bereits angesprochene Frage der Würde und den Wunsch nach selbstbestimmtem Sterben. Vor allem ist es aber ein Roman über eine Freundschaft, die stark und unerschütterlich ist. Nachdenklich stimmend und herzerwärmend.

Buchinfo:


Diogenes (März 2016)

528 Seiten

Hardcover

24,00 €

Übersetzung: Jenny Merling


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Weitere Rezensionen „Letzter Bus nach Coffeeville":




Kommentare:

  1. Ich glaube, das könnte ein Buch für meine Mutter sein (die bald Geburtstag hat). Muss ich mir auf jeden Fall mal merken!

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    1. Das ist ein Buch, das unbedingt gelesen und verschenkt werden sollte :)
      Wirklich charmant geschrieben und man kann sich im Rahmen des Buches mit dem Thema Alzheimer beschäftigen, man kann aber auch einfach den humorvollen Roadtrip der großartigen Charaktere lesen.

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  2. Immer wenn gerade mal ein Buch von der "muss ich lesen"-Liste heruntergepurzelt ist, kommt eine Rezension wie diese und es springt wieder nach oben. Ich habe gerade "Umweg nach Hause" gelesen und mag diese Art Geschichte, die humorvollen Roadtrips und "Zeugs fürs Herz"!

    Liebe Grüße
    Alexandra

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    1. Ich nenne das ausgleichende Gerechtigkeit ;) Sowohl deine Social Media Kanäle, als auch dein Blog tragen immer wieder dazu bei, dass meine Wunschliste wächst.
      Dieser Roadtrip ist besonders schön, weil die Charaktere eher ausgefallen sind. Zum einen aufgrund ihres Alters, zum anderen aus dem Grund, der sie zum Roadtrip treibt und weil sie einfach sehr originell kreiert sind.
      Wir lernen z.B. etwas über die humorvolle Beziehung zwischen Che Guevara und Fidel Castro ;)

      Liebe Grüße
      Nanni

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  3. Hallo Nanni,

    vielen Dank für deine Empfehlung! Ich hatte eben nur nach dem Inhalt gegoogelt, dachte mir aber gerade dass ich mal schaue, ob du es auch rezensiert hast :)
    Mir kommt der Titel auch so bekannt vor, ich weiß aber gerade nicht ob ich deine Rezension vorher schon gelesen habe oder nicht.
    Da ich das Thema interessant findet und auch Roadtrips mag steht das Buch jetzt auf meiner Wunschliste weit oben.

    Liebe Grüße
    Julia

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