11.12.16

Das Nest - Cynthia D'Aprix Sweeney



Leo, Beatrice, Jack, Melody - das Geschwisterquartett der Familie Plumb. Unterschiedliche Charaktere, unterschiedliche Lebensweisen. Auf den ersten Blick verbinden sie lediglich oberflächliche Gemeinsamkeiten wie die Arbeit mit Literatur und Sprache, schaut man genauer hin, entdeckt man, dass sie sich in den letzten Jahren vor allem voneinander weggetrieben haben.

Melody ist fürsorgende Mutter, wünscht sich nur das Beste für ihre Kinder. Gute Bildung, ein hübsches Umfeld, angesehene Freunde. Ein Leben, das ziemlich anstrengend ist.

Jack steht mit seinem Antiquitätenladen vor dem finanziellen Aus, traut sich aber nicht dies seinem Partner mitzuteilen. Verrennt sich mehr und mehr in Ausreden.

Beatrice ist Schriftstellerin in einer Schaffenskrise. Früher hat sie Romane über einen Protagonisten geschrieben, der seinen Ursprung in der Persönlichkeit ihres Bruders Leo hat. Heute sind sie sich nicht mehr nah genug, als dass Beatrice eine solche Verbindung aufbauen, aus der ein tiefgründiger Charakter entstehen könnte.

Leo ist der Älteste. Er hat viel Geld verdient, hat sich einiges an Publicity verschafft und eine Frau geheiratet, die er nicht ertragen kann. Als er während einer seiner Sex Ausflüchte einen Autounfall baut, ist er all das zuvor genannte mit einem Schlag los. Um wenigstens wieder vor die Tür treten zu können, muss ein Haufen Geld in Bewegung gesetzt werden.

Zum Glück gibt es „das Nest“. Das Erbe des Plumb Vaters. Ein solcher Batzen Geld, dass es den Geschwistern schon beim Gedanken daran die Sinne vernebelt. Das Nest bietet ihnen nicht nur materielle Sicherheit, sondern steht für sie tatsächlich für das was der Begriff „Nest“ inhaltlich bedeutet – Geborgenheit, Schutz, Rückzugsort. Grundbedürfnisse, die weder vom zu früh verstorbenen Vater, noch von der kühlen, egoistischen Mutter erfüllt wurden und mehr und mehr durch Ansehen, Wohlstand und ausufernde Lebensweise ersetzt wurden.

Dennoch bleibt das Nest eben etwas materielles, ersetzt nicht das, was die Plumbs sich tief in ihrem Herzen wünschen. Dennoch fahren sie all die Jahre auf der Schiene des Reichtums, den sie aber nur theoretisch besitzen. Ihr Leben gleicht einer Fantasiereise, jeder lebt in einer eigenen Welt, verschließt die Augen vor der Wirklichkeit und verlässt sich auf die Plumbsche Fähigkeit andere zu blenden und sich selbst zu belügen.

Mit Verlust des Geldes sackt ihnen der Boden unter den Füßen weg. Der Himmel bricht auf und sie müssen sich der Realität stellen. Ein steiniger Weg, den Autorin Cynthia D'Aprix Sweeney mit unfassbar starkem Sog darstellt. „Das Nest“ aus der Hand zu legen ist schwierig. Den Plumbs zu wiederstehen ebenfalls. Es ist ein wenig eine Mischung aus Tratsch, Voyeurismus und dem Wunsch, dass es liebgewonnenen Charakteren gut geht, die dafür sorgen, dass D'Aprix Sweeneys Debüt so mitreissend ist.

In lockerem Tonfall plaudert sie über eine Familie, wie wir sie allerorts finden. Nicht mit so viel Geld im Rücken, aber mit ähnlich vielen Geheimnissen. Wer macht sich wirklich vor seiner Familie nackig? Möchten wir nicht alle lieber im Schein des Glanzes verweilen, den wir uns mühevoll aufgebaut haben? Und sehnen wir uns gleichzeitig nicht trotzdem danach, dass uns jemand sieht, wie wir wirklich sind?

Es bedarf Vertrauen und Freiheit, um sich zu einem zufriedenen und glücklichen Menschen zu entwickeln. Eine Fähigkeit, die nur im Rahmen von funktionierenden zwischenmenschlichen Konstrukten möglich ist und die ganz sicher nicht durch materielle Stützen ersetzt werden kann. Ein faszinierender Roman, an dem keiner vorbeikommt.


Buchinfo: 


Klett Cotta (Oktober 2016) 

410 Seiten 

Hardcover mit Schutzumschlag 

19,95 € 

Originaltitel: The Nest 

Übersetzung: Nicolai von Schweder-Schreiner 


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Weitere Rezensionen zu „Das Nest“: 



Kommentare:

  1. "Es bedarf Vertrauen und Freiheit, um sich zu einem zufriedenen und glücklichen Menschen zu entwickeln." Das kann ein Ziel sein, muss es aber nicht!

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    1. Liebe Mageia,


      natürlich sind alle Menschen unterschiedlich, aber was die Grundbedürfnisse betrifft, sind wir doch alle ähnlich.
      Meinst du, man kann glücklich sein, ohne Menschen zu haben, denen wir Vertrauen? Oder umgekehrt - ohne Vertrauen in Menschen zu haben? Und was ist mit der Freiheit? Fühlen wir uns wohl, wenn wir eingesperrt sind? Ganz gleich, ob zwischen Mauern oder menschlichen Zwängen?
      Würde mich freuen, wenn dazu eine Diskussion in Gang kommen würde :)
      Viele Grüße
      Nanni

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    2. Ach, ich sehe jetzt erst, dass Mageia ein Buch ist. Demnach bist du Claudius?

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