02.10.17

[Blogtour] Das Haus der Granatäpfel - Lydia Conradi




Inhalt

Smyrna, 1912: Das Paradies – so nennen viele die Metropole am Ägäischen Meer, die inmitten von Krisen wirkt wie ein weltvergessenes Idyll. In die Stadt, in der Menschen aus aller Herren Länder seit jeher in Eintracht leben, kommt die Berlinerin Klara, um mit Peter, dem Sohn eines Kaufhausmagnaten, eine Zweckehe einzugehen. Doch er kann die lebenshungrige junge Frau nicht glücklich machen, und Klara verliert ihr Herz an den Arzt Sevan. Aber auch er ist gebunden, und als der Erste Weltkrieg ausbricht, beschließen beide, trotz ihrer Liebe füreinander ihre Partner nicht im Stich zu lassen. Für eine Weile erweist sich das Paradies wahrhaftig noch als Oase im Grauen, doch dann entbrennt ein schicksalhafter Kampf um die Stadt. Und plötzlich muss Klara eine Entscheidung fällen, die über Menschenkraft hinausgeht, um etwas von Smyrnas Geist und ihrer Liebe zu Sevan zu bewahren ...
(Text, Cover & Banner: © Piper)



"Das Haus der Granatäpfel" - das Buch


Setting

"Das Haus der Granatäpfel" ist eine Reise durch den Orient. Eintauchen, abschalten und den Duft der Granatapfelblüten riechen können - das waren meine Empfindungen, als ich zum ersten Mal nach Smyrna bzw. Uzunada reise. Smyrna ist der Hauptspielort der Handlung, die in den Jahren 1894 bis 1919 angesiedelt ist. Damals ist es eine bunte Stadt, eine Provinz, in der Muslime, Griechen, Levantiner, Juden und Armenier mehr oder weniger friedlich nebeneinander her leben. Jede Bevölkerungsgruppe hat eigene Viertel, aber man profitiert von den Fähigkeiten der jeweils anderen. Smyrna ist ein Königreich für den Handel. Vor allem Stoffe wie Seide werden von dort bis nach Europa exportiert. Anfang des 20. Jahrhunderts gibt es dort 35 Buchverlage (Quelle: Wikipedia). 



Historie


1909 entstehen Veränderungen in der Politik, die auch Smyrna betreffen. Jungtürken und das Komitee für Einheit und Fortschritt (diesem wirst du auch im Buch begegnen) gelangen an die Macht.
Am 15. Mai 1919 wird die Stadt Smyrna von griechischen Truppen besetzt. Über 1.000 Zivilisten werden getötet. Dieses Ereignis geht als eins (!) der Massaker von Smyrna in die Geschichte ein. 


Autorin

Hinter Autorin Lydia Conradi steckt die in Deutschland geborene, in England lebende Autorin Charlotte Lyne, deren Familie so farbenfroh ist wie das einstige Smyrna. Charlotte Lyne schreibt außerdem unter den Pseudonymen Carmen Lobato und Charlotte Roth. 

Ihre Romanen "Weil sie das Leben liebten", "Als der Himmel uns gehörte", "Als wir unsterblich waren" und "Bis wieder ein Tag erwacht" drehen sich um die Zeit des zweiten Weltkriegs. Wie in "Das Haus der Granatäpfel" auch, gelingt es ihr auf sehr eindringliche und bewegende Art und Weise persönliche Schicksale in den wirren des Kriegsgeschehens einzuweben und hervorzuheben.

Im persönlichen Gespräch erläutert sie, dass es ihr wichtig ist sich dem Faschismus zu stellen. Sie macht sich Gedanken darüber wie Faschismus entsteht und wie Menschen in dieses Netzwerk aus Wahn hineingelangen können. Sie wünscht sich, dass Fremdenhass abnimmt und sorgt mit ihren Büchern für Aufklärung. 

Dass Faschismus nicht nur im Zweiten Weltkrieg ein großes Thema war, sondern überall auf der Welt zu viel Platz einnimmt, verdeutlicht sie in "Das Haus der Granatäpfel", in dem sie durch die turbulente Familie Delacloche, in der verschiedene Nationen zusammenleben, eine private Atmosphäre zwischen Leser und Figuren schafft.

Dass Smyrna einst schillernd und durch seine Vielfalt an multikulturellem Miteinander eine prächtige Stadt war und zu Fall gebracht wurde, weil es Menschen gab, die wenig Akzeptanz und einen geringen Horizont haben, nicht damit zufrieden waren, verdeutlicht die Dramatik des Themas.

Auf ihren Kanälen in den Sozialen Netzwerken zeigt Charlotte Lyne, dass Faschismus kein Thema der Vergangenheit ist, sondern sehr brisant ist. Sie setzt sich auch dort für Aufklärung ein.






"Das Haus der Granatäpfel" - die Figuren


Klara Reinecke | glücksuchend

Klara ist die Tochter eines deutschen Kaufmanns, der vor allem berufliche Verbindungen nach Smyrna pflegt. Auf einem Silvesterball begegnet sie dem reichen Peter Delachloche, der ihr mit großer Begeisterung von Smyrna erzählt. Klara wittert ein Abenteuer und stimmt einer Verlobung zu, obwohl Peters Werbung zwar ernst, aber eigentlich sehr fad ist. In Smyrna geht Peter ihr schnell auf die Nerven. Er ist zu sanft, zu verständnisvoll, zu nett. Klara nimmt es selbst in die Hand ein Abenteuer zu erleben und stößt damit auf Unmut bei Peters Sippe, die so groß und einnehmend ist, dass Klara sich erdrückt fühlt.

Auf den ersten Blick scheint sie verwöhnt und undankbar, will immer mehr, als sie hat und scheint eine sehr oberflächliche Persönlichkeit zu sein. Dass sie verwundbar und gleichzeitig sehr stark sein kann, lässt sie erst in Zeiten der Not erkennen.
Klara ist eine intensive Figur, die den Leser durch alle Höhen und Tiefen der eigenen Gefühle gehen lässt. Von Unmut über Erstaunen bis hin zu Sympathie steckt alles drin. 


›› Sie waren moderne Frauen - was ihre Mütter erduldet hatten, hatte etwas von einem Mieder, das für die Töchter zu eng geworden war.‹‹ (S. 165)


Peter Delacloche | glücklich

Peter Delacloche ist ein guter Mensch. Er interessiert sich für viele verschiedene Bereiche, ist aufgeschlossen gegenüber Neuem, setzt sich für die Schwachen ein und behandelt seine Diener mit demselben Respekt, den er auch Mitgliedern seines Standes gegenüber bringt.

Von seiner Familie wird er geliebt, aber auch belächelt. Er wird als eher schwächlich angesehen, weil er so viel Mitgefühl und Verständnis hat und bekommt dies so häufig eingebleut, dass er es irgendwann selbst glaubt und als Charakterzug übernimmt.
Dass eine Frau wie Klara sich für ihn interessiert, schürt den Argwohn der Familie gegenüber der Deutschen. 

Peter ist ein liebenswerter Protagonist. Dennoch wird er den Lesern nicht so eindringlich im Gedächtnis bleiben, wie z.B. sein draufgängerischer Bruder Nimrod. Er ist das beste Beispiel dafür, dass es für diejenigen, die Toleranz und Hilfsbereitschaft zeigen, immer schwieriger ist den Panzer derjenigen zu durchdringen, die auf ihre Meinung bestehen, als dies den Lauten möglich ist, die mit Parolen und subtilen Vorstellungen von einer Verbesserung der Welt sprechen, ohne sich die Hände schmutzig zu machen und diese tatsächlich herbeiführen. 


Izmir


Nimrod Delacloche | Glücksritter

Stark, schön, mutig - der geborene Ritter. Ein Mann wie er muss in den Krieg ziehen, seine Heimat, seine Familie verteidigen. Jemand wie er hat einen dicken Panzer, der von nichts und niemandem zu durchdringen ist. Weder vom Feind, noch von wahrer Zuneigung.
Die Erstwirkung, die Nimrod Delachloche hat, ist vorbildlich für das Zeitalter der Geschichte, sowie seine Berufung als Soldat. Nach und nach fallen die Fassaden. Er ist nicht ritterlich, sondern eher oberflächlich. Nimmt sich keine Zeit für die individuelle Persönlichkeit seines Gegenübers, ist aber sehr auf seine Außenwirkung bedacht.

Durch seine Stellung als Soldat, ist er immer dann gefragt, wenn Unruhen entstehen. Da er auch nur ein Mensch ist, gehen die Kämpfe nicht spurlos an ihm vorbei. Ich habe das Gefühl, dass er irgendwann nicht mehr weiß für was und für wen er kämpft. Die Geister der Toten verfolgen ihn. Frieden findet er nicht bei seiner Verlobten Theri, sondern im Alkohol. Wo soll das hinführen?



Blick auf Izmir


Kyrene "Kiki" Delacloche | Glückskind

Kiki ist der Sonnenschein der Familie. Das Nesthäkchen, das mit Frohsinn und Ideen, für Stimmung sorgt und die Familie auf Trab hält. Nicht alles, was sie sich wünscht, ist auch umsetzbar. Sie versucht anderen ihre Ideen ins Ohr zu setzen und weiß, wie sie ihr Gegenüber um den Finger wickeln kann. Für sie macht es keinen Unterschied, ob ihr Gegenüber einer anderen Nation oder Gesellschaftsschicht angehört. Für sie zählt nur die Sympathie untereinander. 

Als jüngste des Delachloche Clans ist sie das Nesthäkchen der Familie und bleibt lange Zeit kindlicher, als ihre älteren Geschwister, die vielmehr mit den Widrigkeiten des Lebens konfrontiert werden, als Kiki.





Xenia Delacloche | glücklos

Xenia ist fortschrittlich in ihrem Denken die Rechte der Frauen betreffend. Mit Missmut betrachtet sie die Traditionen der Muslime, die sich so gar nicht mit ihren Wünschen und Vorstellungen des Alltags einer Frau decken. Sie ist unsterblich in den armenischen Arzt Sevan verliebt und erhofft sich von ihm, dessen Denken über Frauen und Medizin recht konform mit ihrem eigenen verläuft, Unterstützung.

Xenia ist gegen eine Vermischung der Nationen, sieht darin eher Nachteile und äußert ihre Meinung darüber sehr undamenhaft. 

Ihre Schwägerin Kiki ist ihr ein Dorn im Auge, da diese mit Peter einen Mann an ihrer Seite hat, der ihr alle Wünsche von den Augen abliest und sie dabei unterstützen würde ihre eigenen Ziele zu vertreten, dieses Privileg aber mit Füßen tritt.


›› "Vermischen, was nicht zusammengehört, schädigt Völker an der Wurzel." ‹‹ (S. 170)


Eleftheria "Theri" Kantakouzenos | überlebt ebenfalls

Theri ist die Besonnene. Der ruhende Pol der Familien Delacloche und Kantakouzenos.

Die Verlobung zwischen ihr und Nimrod ist seit Jahren eine Vereinbarung, an der es nichts zu rütteln gibt, auch wenn die Liebe der beiden eher einseitig ist. 

Theri versucht ihre Fühler in alle Richtungen auszustrecken, möchte es allen Recht machen, vermitteln und als Bindeglied zwischen unterschiedlichen Meinungen dienen. Die Unruhen zwischen den Völkern erschüttern sie sehr.





Sevan 

Durch eine glückliche Fügung des Schicksals wird aus einem nutzlosen Jungen ein angesehener Arzt. Sevan studiert Frauenheilkunde und arbeitet als Gynäkologe im Hospital, in das Xenia Delacloche eingeliefert wird, als man feststellt, dass ihre Gebärmutter so krank ist, dass sie daran sterben kann.

Sevan denkt fortschrittlich. Er möchte, dass Frauen nicht länger Gebärmaschinen sind und ihr Leben genauso viel wert ist, wie das der Männer. Er setzt sich für moderne Operationsmethoden ein und stößt damit religiöser wie traditioneller Denkweise vor den Kopf. Trotzdem ist er tolerant, möchte keinen Streit auslösen, sondern vielmehr aufklären und vermitteln. Seine Figur ist eine der großen Sympathieträger des Buchs. 

Die Autorin am Golf von Izmir


Tuncay

steht mit seiner Art der des Arztes gegenüber. Er ist Peters Leibdiener und zieht mit Nimrod in den Krieg. Auf der einen Seite möchte er die Werte und Traditionen seines Volkes bewahren, auf der anderen Seite möchte er aber auch, dass sich das Verhalten gegenüber seinen Landsleuten verändert, dass sie mit nicht länger anderen Völkergruppen unterstehen und aus ihrer Schublade der Diener und Zuspieler heraus kommen. Ein schwieriger Balanceakt.



Kriegerdenkmal von Gallipolli


"Das Haus der Granatäpfel" - Fazit:

Lydia Conradi ist es gelungen, das umzusetzen, was ihr im Sinn schwebt. Den Weg zum Faschismus aufs Papier zu bringen und dadurch die Sinne ihrer Leser zu schärfen. Eingebettet wird dieses ernste Thema in einen unterhaltsamen, spannenden, sowie bewegenden Roman, der manches Mal einen Klos im Hals verursacht. Über 600 Seiten prall gefüllt mit Denkanstößen, geschichtlichem Hintergrundwissen und persönlichen Schicksalsschlägen von Dramatik und Hoffnung.


Weitere Stationen der Blogtour:
3.10. Interview mit Lydia Conradi auf Buchstabenmagie


4.10. Das historische Smyrna und das heutige Izmir auf Buchsichten


5.10. Kulinarisches aus dem Buch auf Buchherz


6.10. Lesetagebuch auf The Bookmark


7.10. Rezension auf Die Rabenmutti

Text- und Bildrechte, wenn nicht anders angegeben: 2017, © C. Lynne, © Piper, © N. Eppner

Kommentare:

  1. ein ganz ganz toller Informationsreicher Beitrag der wirklich spaß gemacht hat und ich mich auf alles weitere freue und gerne weiter mit dabei bin :-)
    VLG Jenny

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    1. Vielen Dank für deine lieben Worte :) und weiterhin viel Spaß bei der Blogtour.

      Liebe Grüße,
      Nanni

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  2. Guten Morgen!

    Vielen Dank für diesen tollen Beitrag zur Tour. Bei so vielen schönen Bildern und Informationen wandelt man schon auf den Spuren der Geschichte und kostet erste Vorfreude. :D Das Buch habe ich in der Verlagsvorschau für mich entdeckt und freue mich durch die Tour weitere Eindrücke dazu sammeln.

    Liebste Grüße
    Nina von BookBlossom

    bookblossom@yahoo.com

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    1. Liebe Nina,

      freut mich, dass dir mein Beitrag gefällt. Ich kann dir das Buch und die anderen Tourbeiträge wirklich nur empfehlen ;)

      Liebe Grüße,
      Nanni

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  3. Hallo,

    danke für diese Blogtour, das Buch habe ich schon einige Zeit auf meinem RAdar. Ich nach diesem wunderbaren und interessanten Beitrag, mit den unglaublich schönen Bildern, befinde ich mich gedanklich schon mitten in der Geschichte, die ganz nach meinem Geschmack ist. Man taucht vollkommen in eine andere Welt ein.

    Wünsche einen schönen Sonntag.
    LG Sonja

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    1. Liebe Sonja,

      vielen Dank für deinen netten Kommentar. Ich kann dir dieses - und die anderen Bücher der Autorin - wirklich nur empfehlen. Sie hat einen interessanten Blick auf Menschen und die Geschichte des Landes.
      Weiterhin viel Spaß bei der Blogtour.

      Liebe Grüße,
      Nanni

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Hallo,
schön, dass du hier her gefunden hast. Ich freue mich über deinen Kommentar.
Liebe Grüße,
Nanni

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