19.04.19

Roma Nova | Judith C. Vogt




Dämonische Kreaturen lauern am Rande des Mare Nostrums, darauf harrend, den Planeten Rom für immer von der Sternenkarte zu löschen. Sie überfallen das Raumschiff des Legaten Lucius Marinus, um die Sklavin und Seherin Morisa zu befreien und zu sich in den Hades, ein zerstörerisches Sternensystem um ein Schwarzes Loch, zu holen. Von dort aus plant Morisa ihre Rache an ihrem ehemaligen Herrn und dem gesamten Römischen Imperium.
(Text & Cover: © Bastei Lübbe; Foto: N. Eppner)


"Roma Nova" ist mein Einstieg in die Science Fiction für Erwachsene. Ich habe wenig Erfahrung mit diesem Genre und war mir lange Zeit unsicher, ob es was für mich ist, aber "Roma Nova" hat mir gezeigt, dass es ganz egal ist, in welchem Umfeld gute Geschichten spielen.

Dennoch ist gerade in diesem Roman das Setting sehr interessant. "Römer im Weltall" mit diesem Slogan wird das Buch vielerorts beworben. Klingt irgendwie abgefahren und sehr der Fantasie entsprungen. An den Haaren herbeigezogen? Ist es gar nicht. Die Römer waren gar nicht so viel anders, als heutige Gesellschaftsgruppen. Gruppen, Strukturen, Machtverhältnisse die es immer gegeben hat und vermutlich auch immer geben wird, wenn nicht doch irgendwann ein großes Umdenken stattfinden wird.

Genau das war es auch, was mich am Roman reizte. Aufmerksam geworden durch einen Podcast, in dem das Autorenpaar Judith und Christian Vogt über Bücher, über ihre Bücher sprechen, und die Autorin erklärt, dass sich deutliche Parallelen zeigen. Parallelen in der Struktur der Gesellschaft, im System der Politik, aber auch im Kleinen. Allzeit vorhanden ist die Gier nach Macht und das Ausspielen derselbigen, sobald man sie besitzt. Wer in einer Position über wem anders steht, spielt das aus. Psychologie, die auch in "Roma Nova" deutlich zum Einsatz kommt.

Der Einstieg ins Buch fiel mir etwas schwer. Ich wurde recht zügig mit einer komplexen Denkweise, einer Unbekannten Daseinsform mit nicht sehr leicht greifbaren Ideen und vielen weiteren Personen konfrontiert. Namen kamen mir bekannt vor aus dem Lateinunterricht (endlich macht er sich bezahlt! Ist aber absolut kein Muss, um das Buch zu verstehen), aber es sind direkt recht viele. 

Nach kurzer Orientierungslosigkeit konnte mich der Roman schnell in seinen Bann ziehen. Festgelage, die beherrscht wurden von Hemmungslosigkeit und eben jenem Ausspielen der eigenen Macht. Menschen werden benutzt wie Gegenstände, man suhlt sich darin eine provokative Außenwirkung auf andere zu haben. Reichtum steht über Schönheit über Charakter. Die Protagonisten sind zunächst unangenehme Zeitgenossen. Judith Vogt spielt mit ihren Lesern, lässt sie nicht einmal ahnen, wer Gut und wer Böse ist.

Später gibt es dann einen Twist. Mit dem Auftauchen der Kämpfe in einer Arena, treten auch Heldenfiguren auf. Klassisch, aber nicht herkömmlich und schon gar nicht sympathisch und doch gibt es schon schnell Figuren, denen ich wünsche, dass sie auch die letzte Seite überleben.

Zum konkreten Inhalt möchte ich gar nicht zu viel verraten. Fakt ist: Römer in der Science Fiction funktioniert. Meiner Meinung nach sehr gut. Es gibt viele Dinge, die an historische Sagen und Fakten angelehnt sind, die aber dank des Phantastik Hintergrunds des Romans viel mehr Freiraum bekommen. Nicht nur in der Handlung, sondern auch im Denken. Ich habe mir sehr oft Gedanken darüber gemacht wie angesprochene Themen in der Realität ablaufen und sehr viele Parallelen entdeckt.

"Roma Nova" hat mich gefordert. Im positiven Sinn. Ich musste mich auf einiges einlassen, dass ich aufgrund meines Wissens über Geschichte anders im Kopf hatte, und ich musste mich einigen unangenehmen Themen stellen, die der Gesellschaft, in der ich lebe, auch in der Realität begegnen. Aber ich bin auch unterhalten worden. Sehr gut sogar. Mit vielen spannenden Handlungen, überraschenden Wendungen und interessanten Charakteren. von mir gibt es für "Roma Nova" eine ganz klare Leseempfehlung.


Buchinfo:

623 Seiten
Taschenbuch



Rezensionen: © 2019, Nanni Eppner

06.04.19

Mein Märzlesestapel oder Wie ich es geschafft habe, so viel zu lesen





Seit der Geburt der kleinen Raupe habe ich nicht mehr so viel gelesen wie im März. Dabei ist es gar nicht so, dass ich im letzten Monat mehr Zeit hatte. Ich habe einfach einen für mich passenden Rhythmus gefunden. 

Für mich passend - sind die Schlüsselworte. Das mysteriöse Geheimnis hinter dem großen Stapel aus fast überwiegend tollen Büchern. 

Im Folgenden erzähle ich dir etwas über mich und mein Leseverhalten. Vielleicht kannst du das ein oder andere für dich mitnehmen und so dein Lesevergnügen erhöhen.




1. Ziele definieren.


Was erwarte ich vom Lesen? Lese ich rein aus Vergnügen? Zur Unterhaltung? Möchte ich mich qualitativ hochwertig weiterbilden?

Eigentlich lese ich ja (auch) gerne anspruchsvollere Romane und dicke Schmöker. Aktuell passt das aber nicht zu meiner Lebenssituation. Ich bin mit meinen Gedanken ständig bei Dingen, die meine Familie betreffen, muss organisieren, planen und hab den Kopf gerade einfach nicht frei für Literatur, die mich zu komplexem Denken herausfordert. Ich lese ja eh querbeet und finde, dass man ruhig mal die eigene Blase verlassen und auch mal Gewohnheiten ablegen oder ändern kann.

Ich möchte nicht umswitchen zu banalem Kitsch, aber ich brauche gerade einfach Bücher, die mich schnell einnehmen, die mich mitreißen, die spannend sind und in die ich schnell (wieder) hereinfinde.

Seit ich "umgedacht" habe, kann ich mich ganz anders auf die von mir ausgewählten Romane einlassen. Im März habe ich z.B. die Krimiautorin Ingrid Noll für mich entdeckt (dank der Empfehlung von Kerstin). Alltagskrimis über scheinbar harmlose Menschen, mit Tiefe und übelst gutem Sarkasmus. Endlich habe ich Lucy Clarkes "Die Bucht, die im Mondlicht versank vom SuB befreit, das dort schon seit über einem Jahr vor sich hin darbte, genau wie "Phönix" von Michael Peinkofer. Zwei richtig spannende Romane mit unverhofftem Ablauf.





2. Leserhythmus dem Tagesrhythmus anpassen


Ich bin Frühaufsteherin. Wenn es eben geht, verlasse ich um 5 Uhr das Bett (vorausgesetzt ich habe nicht die ganze Nacht ein weinendes Kind geschaukelt. Dann muss ich noch die eine Stunde weiterschlafen bis die kleine Raupe wach wird). 

Ich nehme mir eine halbe Stunde der Zeit, in der noch alles im Haus ruhig ist. In der ich noch voll konzentriert und von nichts abgelenkt bin.

Abends bringe ich die Kinder recht zeitig ins Bett. Meist bin ich dann selbst ziemlich ko und lege mich dazu. 

Nachdem ich vorgelesen und gesungen habe, wird das Licht gelöscht. Ist die Räubertochter dann noch wach, hört sie ein Hörspiel und ich lese im Dunkeln auf dem Reader. Sind beide Kinder eingeschlafen, kann ich nochmal das Licht anmachen und lesen. TV (haben wir im Schlafzimmer eh nicht) und Handy bleiben aus. Dass Social Media, das Internet und Whats App Lesekiller sind, muss ich dir ja nicht mehr erklären ;)





3. Lesezeit bestimmen


Ich setze mir immer ein bestimmtes Ziel an Lesezeit. 

Ich lese täglich 30 Seiten.
Manchmal ist es schwer in ein Buch reinzukommen. Ich dümpel dann so vor mich hin. Leg es wieder zur Seite. Nehme es vielleicht wieder, um ein paar Seiten zu lesen und leg es dann wieder weg.
Habe ich erst einmal 30 Seiten gelesen, bin ich ganz anders in einer Geschichte drin, als nach nur 5 Seiten. Meistens lese ich dann sogar noch mehr und falle nicht in diesen Rausch der Unzufriedenheit, der mich manchmal ergreift, wenn ich zu lange an einem Buch lese.

Ich lese immer bis zu einer bestimmten Uhrzeit.
Durch die Kinder ist unser Tag ziemlich durchgetaktet. Tatsächlich mehr, als vor der Elternzeit, als der Tagesablauf noch sehr von zur Arbeit gehen bestimmt war. 
Vor allem die kleine Raupe hat die Angewohnheit so vorhersehbar zu sein wie ein Schweizer Uhrwerk. Nach ihr könnte ich tatsächlich die Uhr stellen. Sie hat jede Nacht zur gleichen Zeit Hunger (+- 10 Minuten), schläft jeden Tag zur gleichen Zeit und wird morgens immer um 6.15 Uhr (+- 10 Minuten) wach. Für den Körper ist so eine Regelung ziemlich gut und deshalb versuche ich abends auch immer zur gleichen Zeit einzuschlafen. Manchmal möchte ich mein Buch schon früher zur Seite legen und mich doch einfach nur berieseln lassen. Dann sage ich dem inneren Schweinehund den Kampf an und ziehe meine Lesezeit durch.





4. Kleine Auszeiten schaffen


Früher habe ich gerne beim Frühstück gelesen. Beim Kinderwagen fahren. Während der Laptop eine neue Seite lädt. Oder oder.
Das hat jedoch eher zu Frust, als Produktivität geführt.

Heute nehme ich mir über Tag eine bewusste kleine Auszeit. Dann, wenn ich weiß, dass ich noch entspannt genug bin, um schnell ins Buch zu finden, und die Kinder auch mal 10-15 Minuten ohne mich spielen können. Das ist meist am Morgen, wenn die kleine Raupe nochmal schläft und die Räubertochter beschäftigt ist (Tipp: kaufe einen Wasserfarbkasten ;)). 
Dann brühe ich mir einen Kaffee auf, breche mir zwei Stück dunkle Schokolade ab und setze mich ganz gemütlich mit meinem Buch in meinen Lesesessel. Haben wir am Vormittag zu viel zu tun oder sind bei den Pferden, genehmige ich mir diese Auszeit am Nachmittag. Das gibt mir zudem Energie, um hundert weitere MAMA!!!-Rufe durchzustehen.





Manches davon klingt für dich nach Arbeit und du fragst dich, ob mir lesen so überhaupt noch Freude macht?


Oh ja! Mehr, als in den letzten Monaten, als ich nur 2-3 Bücher gelesen habe. 
Für mich ist lesen extrem wichtig. Wenn ich nicht lese, bin ich unglücklich. 
Es hilft mir Kraft zu tanken, mich wohl zu fühlen, nicht festzufahren und meine Perspektive zu erweitern. Und es wird einem im Leben nun mal nichts geschenkt. Auch kein großer Stapel gelesene Bücher.

Meine Highlights im März waren übrigens "Fitz Fups muss weg", ein richtig witziges, charmantes und einfallsreiches Kinderbuch, das mit einer Leichtigkeit den Unsinn von Diktatur erklärt und ganz wundervoll über Mut erzählt und "Lempi. Das heißt Liebe", die fein erzählte Geschichte einer Tragödie zwischen Krieg und Menschlichkeit.





Hast du besondere Lesegewohnheiten, Tipps oder Rituale? Oder bist du eher Typ "Es kommt wie es kommt"?

Über deinen Kommentar freue ich mich sehr.

30.03.19

Sag den Wölfen, ich bin Zuhause | Carol Rifka Brunt




New York, 1987: Eigentlich gibt es nur einen Menschen, der June Elbus je verstanden hat, und das ist ihr Onkel Finn Weiss, ein berühmter Maler. Als Finn viel zu jung an einer Krankheit stirbt, deren Namen ihre Mutter kaum auszusprechen wagt, steht in Junes Leben kein Stein mehr auf dem anderen. Auf Finns Beerdigung bemerkt June einen scheuen jungen Mann, und ein paar Tage später bekommt sie ein Päckchen. Darin befindet sich die Teekanne aus Finns Apartment – und eine Nachricht von Toby, dem Fremden. Wer ist dieser Mann, der behauptet, Finn ebenso gut zu kennen wie June selbst? Zunächst ist June misstrauisch, doch dann beginnt sie sich heimlich mit Toby zu treffen, und sie erfährt, dass es gegen Trauer ein Heilmittel gibt: Freundschaft und Zusammenhalt.
(Text & Cover: © Eisele Verlag; Foto: © N. Eppner)

Ich hätte fast das komplette letzte Drittel durch weinen können. Vor Rührung. Aus Zuneigung. Aus Sympathie. Vor Traurigkeit. Carol Rifka Brunt hat mich auf vielen verschiedenen Ebenen berührt.

June ist ein Mädchen, das nicht mit dem Schwarm schwimmt. Sie interessiert sich fürs Mittelalter, stellt sich häufig vor, dass sie dort lebt, träumt sich ihre eigene Realität. Bisher war das kein großes Problem für sie. Ihre Eltern haben diesen Spleen nicht sehr ernst genommen, an Freundschaften mit Gleichaltrigen war sie nicht sehr interessiert. Alles, was sie an Zwischenmenschlichem benötigte, hat sie bekommen. Von ihrer Schwester Greta und ihrem Onkel Finn. 

Doch dann stirbt Finn und zwischen ihr und Greta ist eine tiefe Kluft entstanden, die June nicht erklären kann. Und plötzlich ist da niemand mehr, der June versteht.

Finn ist an Aids gestorben. In den 80ern in New York. Bei mir schaffen diese Tatsachen sofort eine Verbindung zum Film "Philadelphia", in dem ebenfalls ein homosexueller Mann an Aids stirbt. Ein Schock. Ein Skandal. Für mich war der Film der erste Berührungspunkt zum Thema Aids. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass man auch bei uns noch glaubte, dass es eine Krankheit ist, die Schwule bekommen. Eine Krankheit, die Schwule als solche enttarnt. Und damit sind sie ja auch irgendwie selbst Schuld, dass sie erkrankt sind. Eine Denkweise, die ich mir heute nicht mal mehr Ansatzweise vorstellen kann, die es aber tatsächlich mal gegeben hat. Carol Rifka Brunt gibt die Denkweise der 80er Jahre sehr gut wieder, ohne den Zeigefinger darüber zu erheben. 

Finns Familie trauert. Mit der Trauer kommt die Wut. Mit der Wut die Suche nach einem Schuldigen. In diesem Fall ist es Toby. Finns Freund. "Finns spezieller Freund", wie es Junes Eltern ausdrücken, denn natürlich wird nicht offen darüber gesprochen, dass Finn schwul war. June und Greta werden vor ihm gewarnt. Er ist ein Mörder. Finns Mörder und auf gar keinen Fall soll er auch noch zur Gefahr für die beiden Mädchen werden. Doch dann lernen Toby und June sich kennen. Und stellen fest, dass sie einiges teilen. Nicht zuletzt die Sehnsucht nach Finn.

Die einzige, die scheinbar nicht um Finn trauert, ist Greta. Ihr war er schon länger ein Dorn im Auge. Sie war eifersüchtig auf ihn. Auf die Art, wie er sich gab. Auf die Art, wie er gemocht wurde. Dass er June so sehr liebte und vor allem, dass June diese Liebe erwiderte. Mit Finn war June so glücklich, dass sie Greta nicht mehr brauchte. Greta, die mutig, stark und selbstbewusst der Welt begegnet. Und in deren Herz ein Loch ist, in das ganz genau ihre Schwester hinein passt.

Auf den ersten Blick scheinen Homosexualität, Intoleranz und der Umgang mit Aids die zentralen Themen dieses Romans zu sein, der sich irgendwo im Jugendbuchgenre bewegt, aber definitiv trotz jugendlicher Protagonisten auch für Erwachsene geschrieben wurde. Um dabei zu helfen Toleranz in die Welt zu tragen. Um mit Aufklärung und Wissen für Verständnis zu sorgen.

Wenn ich ganz genau hinschaue, dann gibt es aber gar keine zentralen Themen. Wie kaum einer anderen Autorin oder Autor, ist es Carol Rifka Brunt gelungen eine Geschichte zu entwerfen, die ein großes Komplex umfasst. Das Zusammenleben von Menschen. Auf vielen verschiedenen Ebenen wird sie ihren Protagonisten gerecht. Schreibt vom Miteinander und vom Auseinander reißen. Von Löchern im Herz, vom Vermissen, von Zuneigung, von Abneigung, Wut und Neid, vom Wünschen, Hoffen, verlieren, verfluchen und vergeben. Poetisch und klug und so lesenswert, dass ich hoffe, dass ganz viele Leserinnen und Leser Zugang dazu finden.


Buchinfo:

448 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag
22,00 €
ÜBERSETZUNG: Frauke Brodd


Rezensionen: © 2019, Nanni Eppner

27.03.19

Die Bucht, die im Mondlicht versank | Lucy Clarke





Als Jacob sich von seiner Mutter Sarah verabschiedet, um zu einer Strandparty zu gehen, ist alles wie immer. Am nächsten Morgen ist nichts mehr, wie es war: Jacob ist verschwunden. Vor genau sieben Jahren verschwand auch Marley an diesem Strand, der Sohn von Sarahs bester Freundin Isla. Später wurde er tot geborgen. Verzweifelt sucht Sarah nach Spuren und stößt dabei auf viele Fragen: Wo war ihr Mann in der Nacht, als Jacob verschwand? Warum sind Jacobs Klamotten in Islas Haus? Und was verschweigt der Fischer, der damals Marleys Leiche fand? Stück für Stück setzt sich ein Bild der Ereignisse zusammen, das Sarah dazu zwingt, sich endlich einer Wahrheit zu stellen, vor der sie so viele Jahre lang die Augen verschlossen hat.
(Text & Cover: © Piper; Foto: © N. Eppner)


"Die Bucht, die im Mondlicht versank" hat mich so unglaublich mitgerissen, dass ich fast der Versuchung erlegen wäre die letzten Seiten zu lesen, nur um herauszufinden was tatsächlich mit Jacob, der von einem Moment auf den anderen - scheinbar spurlos - verschwunden ist. Zum Glück habe ich es nicht getan, denn mir wäre dieses feine Spiel, das Lucy Clarke mit ihren Leserinnen und Lesern treibt, entgangen.

Wenn ich nach einem Buch suche, das fesselt, das in die Tiefen der menschlichen Psyche eindringt und dabei leicht und flüssig zu lesen ist, ist Lucy Clarke für mich einer DER Namen. Bisher hat sie mich noch mit keinem ihrer Romane enttäuscht. 

Vor 7 Jahren ertrank der 10-jährige Marley, heute, auf den Tag genau, verschwindet der 17-jährige Jacob. Marley und Jacob sind wie Brüder aufgewachsen, ihre Mütter Sarah und Isla sind seit Jahren beste Freundinnen. Bis zu diesem Sommer, der alles veränderte. 

Von Abschnitt zu Abschnitt führt uns Lucy Clarke an die Geschichte der beiden Frauen heran. Bringt uns die Abgründe, die hellen wie dunklen Seiten von Freundschaft und Familie näher. Lässt glauben, hoffen und verzweifeln. Welche kleinen Nuancen sind es, die einen Stein ins Rollen bringen, so dass er ein Leben grundlegend ins Wanken bringen kann? Wie schwer wiegt eine Unwahrheit? Wie schwer Neid? Wie schwer Vertrauen?

Immer dann, wenn ich glaube die Figuren zu kennen, belehrt mich Clarke eines besseren. Immer dann, wenn ich dachte zu wissen, was mit Jacob passiert ist, bin ich wieder in eine Falle getappt. Ich kann mich identifizieren mit den Gefühlen der beiden Mütter. Die Liebe zum eigenen Kind ist etwas so großes, ungreifbares und der Gedanke ein Kind zu verlieren, lässt mich erschaudern. Wie weit würde ich selbst gehen? Eine Frage, die mich beim Lesen umtrieb.

Aber "Die Bucht, die im Mondlicht versank" ist nicht nur für Eltern spannend. Es ist ein Roman für Alle, die sich mit Zwischenmenschlichem auseinandersetzen wollen. Mit Beziehungen, deren Schwierigkeiten und dem Weg des Schicksals. Was wäre wenn... ist eine Frage, mit der sich Sarah und Isla, die im Roman abwechselnd zu Wort kommen, immer wieder auseinandersetzen müssen.




Buchinfo:

Piper (2017)
416 Seiten
Klappenbroschur
15,00 €
ÜBERSETZUNG: Claudia Franz



Rezensionen: 2019, © Nanni Eppner

23.03.19

Im siebten Sommer | Rowan Coleman | Piper





Eines Tages beschließt Rose, dass das Leben zu kurz ist, um in einer unglücklichen Ehe zu leben. Sie schnappt sich ihre Tochter und fährt in das idyllische Millthwaite. Dort sucht sie Frasier, einen attraktiven Kunsthändler, in den sie sich vor sieben Jahren unsterblich verliebte. Sie sah ihn nie wieder – und alles, was sie von ihm besitzt, ist eine Postkarte aus diesem Ort. Schnell stellt sich heraus, dass Fraiser hier nicht mehr wohnt. Auf der Suche nach ihrer großen Liebe trifft Rose jedoch auf einen anderen Mann, der eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielen wird. Und Rose begreift: Es ist nie zu spät, um glücklich zu sein.
(Text & Cover: © Piper; Foto: © N. Eppner)


Von allen Büchern, die in meinem Regal stehen, hat "Im siebten Sommer" das schrecklichste Cover. Eins, dass überhaupt nicht zum Inhalt passt, denn meiner Meinung nach suggeriert es, das hinter den kitschigen, bunten Herzchen ein ebenso kitschiger, flacher Roman steckt. Lieber Piper Verlag, dieses Cover ist leider ein Griff ins Klo. 

Der Inhalt hingegen, konnte mich richtig begeistern. Wie ich es von Rowan Coleman gewohnt bin, steckt auch hier hinter einem zunächst seicht wirkenden Roman, eine gut durchdachte Geschichte mit viel Tiefgang.

Es ist schwierig etwas zum Buch zu sagen, ohne zuviel zu verraten, aber die Grundidee der Autorin dreht sich um die Wertigkeit eines Menschen. Darum, wie sehr wir in uns selbst vertrauen und wie stark wir uns von anderen Menschen manipulieren lassen.

Rose denkt, dass sie es nicht verdient hat, glücklich zu sein. Dass sie es nicht wert ist. Warum sonst sollte ihr Vater sie verlassen haben, ohne sich jemals wieder zu melden? Warum sonst muss ihr Ehemann sie so oft rügen? Sie begeht einen Fehler nach dem anderen und muss nun eben mit den Konsequenzen leben. Es ist ein langer Prozess bis sie begreift, dass es gar nicht an ihr liegt, dass sie gar nicht so viel Verantwortung trägt wie sie glaubt bzw. dass sie endlich die Verantwortung für ihr Leben übernehmen muss, um glücklich sein zu können. Wenn nicht für sich, dann auf jeden Fall für ihre Tochter, die ein bisschen anders ist, als andere Kinder. Die sich nicht so leicht in die Gesellschaft einfügen kann und die es - wie jeder Mensch - verdient hat, geliebt zu werden.

Rowan Coleman hat wieder einmal eine zauberhafte Geschichte mit Tiefgang geschrieben. Sympathische Figuren mit Ecken und Kanten bieten einen vertrauensvollen Zugang zum Roman, der spannend und einfühlsam zugleich ist. 



Buchinfo:

Piper (August 2017)
528 Seiten
Taschenbuch
9,99 €
ÜBERSETZUNG: Marieke Heimburger

Rowan Coleman auf Fantasie und Träumerei:

Zwanzig Zeilen Liebe
Wolken wegschieben



Rezensionen: © 2019, Nanni Eppner

17.03.19

Phönix | Michael Peinkofer






Die 15-jährige Callista und ihr 16-jähriger Freund, der Jäger Lukan, leben in einem kleinen Dorf, deren Bewohner ein einfaches, bäuerliches Leben führen. Tagsüber scheint alles friedlich, doch mit Anbruch einer jeden Nacht beginnt der Schrecken: Geheimnisvolle Wesen, die noch niemand je zu Gesicht bekommen hat, gehen im Dunkel des Waldes auf die Jagd nach Menschen. Als Callistas kleiner Bruder verschwindet und sie und Lukan sich aufmachen, ihn zu suchen, offenbart sich ihnen die erschütternde Wahrheit. Denn die Welt, die sie zu kennen glaubten, existiert nicht. Und ihre Feinde sind ebenso unberechenbar wie mächtig ...
(Text & Cover: © Piper; Foto: © N. Eppner)


Michael Peinkofers Geschichten wirken auf den ersten Blick immer etwas unscheinbar. Doch dann - bamm! - schlägt er zu. Mit vielen unverhofften Gedankengängen und Handlungssträngen. So erging es mir schon mit dem Auftakt von "Die Legenden von Astray" und so empfand ich es auch wieder mit "Phönix".

Mit dem Wunsch mal wieder ein wenig lockere Jugendfantasy zu lesen, griff ich nach dem Auftakt dieser Trilogie. Sehr schnell fand ich ins Geschehen, schwieriger wieder hinaus, denn Peinkofer beendet fast jedes Kapitel so spannend, dass ich noch eins und noch eins und noch eins lesen musste. Dabei baute er eine Spannung auf, die so sehr auf mich überging, dass ich tatsächlich nachts nicht gut schlafen konnte, weil ich noch so unter Strom stand.

Peinkofer schafft in "Phönix" eine Welt, die stark vom Glauben der Figuren bestimmt wird. Sie folgen starren Regeln und wer sich nicht daran hält muss mit brutalen Konsequenzen rechnen. Callista und Lukan fühlen sich dadurch eingeengt. Es ist kein böser Wille, der sie über die Stränge treibt, sondern eher Handeln aus reinem Menschenverstand. Natürliche Neugier lässt sie Dinge hinterfragen, die von ihren Mitmenschen einfach hingenommen werden. Als sie ein Geheimnis entdecken, dass all das, was sie bisher geglaubt haben, in Frage stellt, stoßen sie vor allem auf eins: Unverständnis. Bald schlägt diese in Wut und Hass um und es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als zu fliehen.

Michael Peinkofer stellt in Band 1 den Glauben der Bewohner der von ihm erschaffenen Welt in den Vordergrund und schafft damit ein Exempel, dass sich gut in real existierende Glaubensgemeinschaften übertragen lässt. Es ist schon ein Sektenähnliches Verhalten, das die Bürger von Callistas Dorf an den Tag legen. Ihnen wird jede Möglichkeit genommen sich mit einer Außenwelt - sollte diese denn existieren, denn das ist eine der großen Fragen dieser Geschichte - in Verbindung zu setzen. Durch den Glauben bewegen sie sich in einem Rahmen, der ihnen wenig Spielraum lässt, der zeitgleich aber auch eine gewisse Sicherheit bietet, die mit dem Aufkommen von Callistas und Lukans Entdeckung komplett über den Haufen geworfen wird. Damit ist die Wut der Mitbürger ein Stück weit nachvollziehbar.

Mir hat der Auftakt der "Phönix" - Trilogie richtig gut gefallen. Peinkofer hält so manche Überraschung bereit, die für mich wirklich unvorhersehbar waren. Das Ende bietet einen Cliffhanger, der mich ziemlich neugierig auf Band 2 macht. Einzig die Liebesgeschichte, die im Roman beschrieben wird, wirkt auf mich aufgesetzt und unnötig. Aber ich empfinde sie nicht als so wichtig, dass es mein Lesevergnügen eintrübt.




Buchinfo:

Piper IVI (Oktober 2017)
352 Seiten
Paperback
15,00 €



Rezension: © 2019, Nanni Eppner

13.03.19

Sieben Heere 02: Revolution | Tobias O. Meißner





Das Land Akitanien wurde von einer gewaltigen Armee überrollt. Doch während die meisten Gemeinden nur hilflos mit ansehen, wie sich die in allen Belangen übermächtigen Gegner in ihrer Heimat niederlassen, ist es dem kleinen Dorf Hagetmau überraschend gelungen, sich gegen die Invasoren zur Wehr zu setzen. 140 Soldaren wurden durch kluges Vorgehen vernichtend geschlagen und in den Sümpfen verscharrt. Ohne es beabsichtigt zu haben, ist die kleine Ortschaft nun das Zentrum einer Revolution geworden. Ehemalige Außenseiter werden zu Symbolfiguren, besonnene Bürger zu Kämpfern. Doch die Zeit des Triumphes ist noch lange nicht gekommen. Mehrere Tausend Soldaren machen sich auf, um ihre Kameraden zu rächen, in ihren Reihen gefürchtete Gryphenreiter. Um diesen Kampf zu gewinnen, braucht Hagetmau weitaus mehr als nur eine List ...
(Text & Cover: © Piper; Foto: © N. Eppner)


Tobias O. Meißner ist für mich eine wichtige Persönlichkeit der Literatur. Seine Romane werden der Phantastik zugeordnet, beschäftigen sich aber mehr als manch belletristischer Roman mit wichtigen Themen des Weltgeschehens, üben Kritik an Systemen, sozialen Strukturen und Politik.

"Revolution" ist der zweite Teil der "Sieben Heere" - Trilogie, die sich u.a. damit beschäftigt wer oder wie Gut und Böse bestimmt werden, bzw. nicht kategorisch zu bestimmen sind. Wie schwer es ist vermeintlich Gutes zu tun und wie schnell ein Seitenwechsel vonstatten gehen kann.

Im Roman steht der Ort Hagetmau exemplarisch für eine Gruppe, die in ihrer (Meinungs-) Freiheit eingeschränkt wird und zum Befreiungsschlag ansetzt, um dann wiederum andere Dörfer in ihre Revolution mit einzubeziehen.

Revolution ist nun wirklich kein von der Phantastik erdachtes Thema, sondern brandaktuelles Weltgeschehen. In Band 1 "Sieben Heere" lässt Meißner so langsam das Fünkchen zur Revolution entflammen, in "Revolution" lodern die Flammen schon haushoch und zeigen deutliche Eigenschaften eines Feuers. Es wärmt und zerstört.

"Es gab Dinge, die passten nicht zusammen, prallten aufeinander und erzeugten ein Verhängnis." (S. 66)

Während die Hagetmauer bisher auf Dorfbewohner trafen, die bereitwillig gegen die Besatzung der Soldaren kämpften, erleben sie zum ersten Mal Gegenwehr. Erste Dörfer zeigen ein stoisches Ertragen von Ungerechtigkeit und Ungleichheit. Leben lieber mit Abstrichen, als sich aufzuraffen und für Freiheit zu kämpfen. Klug oder nicht? Eine Situation, in der sich der wahre Charakter zeigt bzw. Charaktereigenschaften nach Außen gekehrt werden.

"Sieben Heere: Revolution" fordert durch eine gewisse Handlungsironie, durch eine fast unschuldige Naivität zum Nachdenken auf. Gewalteinwirkung, um Gewalt zu beenden - das ist so banal ironisch, dass man sich fragt, warum es in der Realität überhaupt angewendet wird. Oder rechtfertigt die Befreiung aus Gewaltvollen, intoleranten oder eingrenzenden Strukturen oder Systemen etwa den Einsatz von Gewalt oder Menschenleben?

Selten habe ich mir in einem phantastischen Roman so viele Notizen gemacht, wie in diesem. Meißner führt die Absurdität der Kriegsführung so eindeutig vor Augen, dass ich mich frage, warum dies nicht allen anderen Menschen auf der Welt bekannt ist. Egal, um welchen Krieg es sich handelt. Egal, um was gekämpft wird. Die Strukturen sind immer gleich, beginnend bei einer Person oder einer kleinen Gruppe, die sich im Recht fühlt, die sich mehr Macht wünscht, die glaubt zu wissen was für andere gut ist. Meist ist es Habgier, die zum Vorstoß führt, darauf folgt Rache, eine Umkehr der Strukturen und letztendlich die Schädigung des eigenen Volkes. Diejenigen, die nichts damit zu tun haben, sind diejenigen, die es ausbaden. 




Buchinfo:

Piper (April 2017)
416 Seiten
Paperback
16,99 €


Reiheninfo:

1. Sieben Heere
2. Sieben Heere: Revolution
3. Sieben Heere: Befreiung

Rezension: © 2016, Nanni Eppner

LinkWithin

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...