09.10.18

Der Zopf | Laetitia Colombani




Die Lebenswege von Smita, Giulia und Sarah könnten unterschiedlicher nicht sein. In Indien setzt Smita alles daran, damit ihre Tochter lesen und schreiben lernt. In Sizilien entdeckt Giulia nach dem Unfall ihres Vaters, dass das Familienunternehmen, die letzte Perückenfabrik Palermos, ruiniert ist. Und in Montreal soll die erfolgreiche Anwältin Sarah Partnerin der Kanzlei werden, da erfährt sie von ihrer schweren Erkrankung.
Ergreifend und kunstvoll flicht Laetitia Colombani aus den drei außergewöhnlichen Geschichten einen prachtvollen Zopf.
(Text & Cover: © S. Fischerverlage; Foto: © N. Eppner)


Drei Frauen, drei Schicksale. Drei Kämpfe ums Überleben, um Anerkennung, um Bedürfnisse, um Rechte, die ihnen abgesprochen werden, weil sie Frauen sind.

Smita lebt in einem indischen Slum. Sie leert die Toilettenvorrichtungen reicher Menschen, sitzt abends kotzend und stinkend am Straßenrand und wünscht sich nichts sehnlicher, als ihrer Tochter dieses Schicksal ersparen zu können. Doch das Kastensystem ihrer Religion spricht dagegen. Wessen Eltern in eine Kaste hineingeboren sind, der hat auch dort zu bleiben. Regelverstöße werden bestraft. Meist sind es die Frauen, die diese Strafe austragen müssen. Hat ein Mann gegen die Gesetze verstoßen ist es seine Frau, seine Tochter, seine Schwester, die eine entsprechende Bestrafung hinnehmen muss. Wenn ich Bestrafung sage, meine ich legale Vergewaltigung. Manchmal von mehreren Männern über Tage hinweg.

Ich war schockiert, als ich das gelesen habe. Welchen Luxus genießen wir doch in der westlichen Welt. In unserer Demokratie, in der wir mitentscheiden können, in der wir eine Wahl haben und in der wir Frauen zumindest annähernd alles erreichen können, was wir wollen. Ich muss gestehen, dass mir dieses Ausmaß menschenverachtenden Verhaltens nicht bewusst war.

Dass es auch in scheinbar modernen Gesellschaften immer noch einen tiefen Graben zwischen Ansprüchen, Anerkennung und Leistungen von Männern und Frauen gibt, verdeutlicht uns die Geschichte von Sarah. Als Partnerin in einer Kanzlei gibt sie alles und noch viel mehr. Sie verleugnet Mutter zu sein, lebt für ihren Beruf, organisiert ihre Familie im Hintergrund mit Hilfe eines Kindermädchens (in dem Fall Kinderbübchen) und verheimlichte sogar ihre Schwangerschaften. Ausschlaggebend für diese Handlungen ist ihre Angst davor, dass ihr das Mutter sein, ja sogar das Frau sein, als Schwäche ausgelegt werden könnte. Basierend auf Vorurteilen wie Frauen sind schwach, Mütter haben zu viele Fehltage, sie konzentrieren sich nicht auf ihren Job, sondern auf ihre Familie usw. Vorurteile, die Sarahs Kompetenzen völlig überschatten und zeigen, dass es immer noch in vielen Bereichen eine Unterteilung gibt, dass es hier zwar kein Kastensystem, aber ein Schubladendenken gibt und nicht der Mensch als Mensch im Fokus steht.

Giulia ist die Tochter eines italienischen Unternehmers. Seit Generationen stellen die Männer ihrer Familie Perücken aus italienischem Echthaar her. Ein Unfall ihres Vaters stellt Giulia vor die Frage, ob sie weiterhin den Vorgaben der patriarchischen Familienkonstellation unterliegt oder ob sie die Zügel in die Hand nimmt und etwas wagt, was gegen die Tradition der Familie spricht.

Laetitia Colombani hat einen sehr bewegenden Roman geschrieben, der die Missstände zum Thema Gleichberechtigung deutlich aufzeigt. Dabei geht es nicht nur um feministische Gedanken, sondern prinzipiell um Gleichheit aller Menschen. Dass es Frauen in verschiedenen Formen nach wie vor härter trifft als Männer ist jedoch eine traurige Tatsache über die geredet werden muss, um etwas zu ändern. Dafür brauchen wir Bücher wie "Der Zopf", die nicht nur über klare Fakten reden, sondern mitten ins Herz treffen. Die emotional bewegen und dadurch aufrütteln.

Mich hat "Der Zopf" extrem berührt. Als Mutter zweier Töchter ist mein Alltag begleitet von Ängsten um sie und dem Wunsch, dass sie ihr Leben einmal so leben können, wie sie es sich wünschen. Ohne sich verstellen zu müssen, weil sie Frauen sind. Der Weg dorthin ist nach wie vor steinig, aber Bücher wie "Der Zopf" geben Hoffnung, dass ein Umdenken möglich ist und auch erfolgen kann.

Buchinfo:

288 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag
20,00 €
ÜBERSETZUNG: Claudia Marquardt


Rezensionen: © 2018, Nanni Eppner

03.10.18

Im Herzen der Gewalt | Édouard Louis




In seinem autobiographischen Roman ›Im Herzen der Gewalt‹ rekonstruiert der französische Autor Édouard Louis die Geschehnisse einer dramatischen Nacht, die sein Leben für immer verändert. Auf der Pariser Place de la République begegnet Édouard in einer Dezembernacht einem jungen Mann. Eigentlich will er nach Hause, aber sie kommen ins Gespräch. Es ist schnell klar, es ist eine spontane Begegnung, Édouard nimmt ihn, Reda, einen Immigrantensohn mit Wurzeln in Algerien, mit in seine kleine Wohnung. Sie reden, sie lachen. Aber was als zarter Flirt beginnt, schlägt um in eine Nacht, an deren Ende Reda Édouard mit einer Waffe bedrohen wird. Indem er von Kindheit, Begehren, Migration und Rassismus erzählt, macht Louis unsichtbare Formen der Gewalt sichtbar. Ein Roman, der wie schon ›Das Ende von Eddy‹ mitten ins Herz unserer Gegenwart zielt – politisch, mitreißend, hellwach.
(Text & Cover: © S. Fischerverlage; Foto: © N. Eppner)


Édouard Louis kann schreiben. Kann Menschen, Emotionen, Gefühlen eine Stimme geben, ohne seine eigene zu verlieren, obwohl er Texte schreibt, die von Gewalt erzählen, die er am eigenen Leib erlebt hat. Sein Debütroman "Das Ende von Eddy" ist angelehnt an seine eigenen Erlebnisse in dem kleinen Dorf, in dem er aufgewachsen ist. Hass und Wut wurden ihm entgegen geschleudert. In der eigenen Familie. Im Bekanntenkreis. 

"Im Herzen der Gewalt" ist ein komplett autobiografischer Text, der eins der schlimmsten Erlebnisse in Louis' Leben erzählt. Aus einem kleinen Flirt wird ein Akt der Gewalt. Louis wird bedroht, vergewaltigt, misshandelt und sieht dem Tod ins Auge. Bis dato hätte ich mir nicht annähernd vorstellen können, was er mitgemacht hat, was dies in ihm ausgelöst hat. Doch Louis schreibt so genial, so eindringlich, so poetisch und gleichzeitig radikal klar und deutlich, dass ich mir zumindest ein wenig ein Bild davon machen kann. Durch die Tat, die er über sich ergehen lassen muss, verliert er sich selbst. Findet sich in seiner Kindheit wieder. In Situationen, die er längst verdrängt hatte. Er vereinfacht uns beiden ihn zu verstehen. Nicht jedoch das, was ihm passiert ist.

Um nicht nur seine Geschichte, sondern viele damit verbundene Fragen wie z.B. woher kommen Gewalt und Hass? - aufs Papier zu bringen, lässt er seinen Roman aus verschiedenen Perspektiven erzählen. Da ich anfangs nicht genau wusste, wer eigentlich meine Gesprächspartner sind, hatte ich ein wenig Schwierigkeiten in den Roman hineinzufinden. Doch Louis gelingt es so mühelos jedem Erzähler einen eigenen Ton zu geben, so dass es nach einiger Zeit kein Problem mehr ist, diese zu unterscheiden. Warum er seine Schwester so ungern sieht, ist mir auf jeden Fall klar. Ich finde sie anstrengend, nervig und ihre Ansichten, die Kritik, die sie an ihrem Bruder ausübt, unverschämt und traurig.

Wie kommt es, dass Hass, Wut, Gewalt so plötzlich über uns hereinbrechen? Über Opfer, aber auch über Täter? Ich bin fast gewillt an die Schlange zu glauben, die den Hass in unsere Herzen sät, so wenig ist er in den meisten Fällen nachvollziehbar. Schon gar nicht, wenn er sich gegen vermeintliche Randgruppen richtet. Wenn er zu Homophobie, Fremdenfeindlichkeit oder, oder führt. 

Louis reibt seine LeserInnen auf. Hinterlässt Schmerz und Traurigkeit. Aber eben das benötigen wir, um aus der Lethargie des Wohlbefindens herauszukommen. Uns geht es gut, also vergessen wir schnell diejenigen, denen es nicht so gut geht. Vergessen achtsam zu sein und den Verlauf der Welt im Blick zu haben. Hass, Wut und Gewalt sind überall. Im kleinen, wie im großen zu finden und es ist an uns dagegen anzugehen. Nicht mit Gewalt, sondern mit klugen Worten, mit Akzeptanz, Toleranz und mit Intelligenz. Dadurch, dass wir immer wieder hinterfragen und nicht die Augen verschließen. Traurig, dass Bücher wie "Im Herzen der Gewalt" auf reellen Erlebnissen beruhen. Schade, dass wir solche Geschichten brauchen, um immer wieder über diese Themen nachzudenken. Ärgerlich, dass sie vermutlich nicht von den Menschen gelesen werden, die es tatsächlich nötig hätten.



Buchinfo:

S. Fischerverlage (2018)
Hardcover
224 Seiten
20,00 € 
ÜBERSETZUNG: Hinrich Schmidt-Henkel


Rezension: © 2018, Nanni Eppner

29.09.18

Mein Herz und andere schwarze Löcher | Jasmine Warga





Wenn dein Herz sich anfühlt wie ein gähnendes schwarzes Loch, das alles verschlingt, welchen Sinn macht es dann noch, jeden Morgen aufzustehen? Aysel will nicht mehr leben – sie wartet nur noch auf den richtigen Zeitpunkt, sich für immer zu verabschieden. Als sie im Internet Roman kennenlernt, scheint er der perfekte Komplize für ihr Vorhaben zu sein. Und während die beiden ihren gemeinsamen Tod planen, spürt Aysel, wie sehr sich auf die Treffen mit Roman freut, wie hell und leicht ihr Herz sein kann. Und plötzlich ist der Gedanke, das alles könnte ein Ende haben, vollkommen unerträglich ... Aysel beginnt zu kämpfen. Um ihr Leben. Um sein Leben. Und um ihre gemeinsame Liebe.
(Text & Cover: © S. Fischerverlage; Foto: © N. Eppner)

"Mein Herz und andere schwarze Löcher" steht schon seit Erscheinen des Hardcovers in meinem Regal. Mittlerweile ist es auch in der Taschenbuchausgabe erhältlich. Warum ich es immer wieder vor mir her geschoben habe, weiß ich gar nicht so genau. Der Klappentext ist ansprechend und auch die Optik des Romans ist wirklich hübsch. 

Gelesen war das fast 400 Seiten Buch innerhalb von zwei Tagen. Die Sprache der Autorin ist sehr flüssig, sehr eingängig. Nimmt Leser sehr gut mit. Aysel hat einen Humor, den ich gerne mag und der den Schreibstil trotz des heiklen Themas auflockert. Die Geschichte ist zu keinem Zeitpunkt bedrückend. 

Auf den ersten Blick handelt es sich um einen Roman um zwei Jugendliche, die ihrem Leben aus unterschiedlichen Gründen ein Ende setzen wollen. Beide haben mit Schuld zu kämpfen. Jeder auf seine eigene Art. Aysel trägt eine Last, die ihr von außerhalb auferlegt wurde, Roman belastet sich selbst. 

Im Epilog schreibt Jasmine Warga, dass es ihr weniger um den Suizid geht, als vielmehr um Menschen, die das gleiche empfinden, die uns verstehen. Dass es immer wen gibt, der uns so sieht, wie wir wirklich sind. So liest sich die Geschichte auch. Obwohl es um Suizid geht, darum das Leben auszulöschen, ist der Roman sehr lebensbejahend. Er sorgt dafür über die eigene Situation nachzudenken und filtert auf eine besondere Art positive Dinge heraus.

Es gibt so eine gewisse Voraussehbarkeit in der Geschichte, aber nichts desto trotz ist es ein Buch, das wundervoll ist. Das mit seinem eigenen Charme und vor allem dem der Protagonisten zu Herzen geht. 


Buchinfo:

384 Seiten
Taschenbuch
9,99 €
ÜBERSETZUNG: Adelheid Zöfel


Rezensionen: © 2018, Nanni Eppner

20.09.18

Borderland | Peter Schwindt




Vincent ist sechzehn Jahre alt und hat es alles andere als leicht: Seit dem Tod des Vaters lebt er mit seiner Mutter in einer schäbigen Sozialwohnung und kümmert sich eigentlich um alles. Dann bricht die Mutter zusammen und kommt ins Krankenhaus. Vincent muss also nur noch für sich selbst sorgen, was aber gar nicht so leicht ist. Er bekommt unverhofft Hilfe: Am Tag der Toten, dem Día de los muertos, lernt er am Grab seines Vaters Jane kennen. Durch sie begreift Vincent, dass zum Sound seines Lebens auch Freundschaft und Vertrauen gehören. Aber Jane verschwindet immer wieder … Wer ist dieses Mädchen eigentlich?
(Text & Cover: © S. Fischerverlage; Foto: © N. Eppner)


Das Leben verläuft nicht in geraden Linien, erfüllt keine Erwartungen, bietet aber immer wieder verschiedene Möglichkeiten einen Weg zu gehen. Ein Gedanke, den Peter Schwindt aufgreift und in seinem neusten Roman "Borderland" verarbeitet.

Wahrnehmung und Wirklichkeit verschwimmen im Roman, der mehr sein möchte, als eine Geschichte über Freundschaft oder das Miteinander jugendlicher Protagonisten. Vincent, ein Einzelgänger, ganz nett, ohne Fehl und Tadel, muss alleine auskommen, weil der Vater vor Jahren verstorben und die Mutter seitdem depressiv ist. Völlig problemlos und ohne Rücksicht auf eigene Bedürfnisse, kümmert er sich um Haushalt, um Finanzen, um seine Mutter, seine schulische Bildung und spielt nebenbei auch noch fantastisch Klavier. Klingt nach einem farblosen Charakter. Ist er leider auch. Sympathisch ja, aber ohne das gewisse Etwas, das mich an Protagonisten bindet.

Die Mädchen der Geschichte sind da eine ganz andere Liga. Mutig und stark, eigensinnig und kreativ. Nur schwer zu durchschauen, schwer zu greifen, lassen sie Vincent ganz schön blass aussehen. Sie spielen mit ihm - jede auf ihre Art. Sind mit ihm verbunden, in Freundschaft, in Liebe und doch sind genau sie es, die ihn in diesen Zwischenraum aus Realität und Fantasie ziehen. Sie ziehen ihn von den Füßen und stellen ihn wieder auf. Geben das, was sie können.

Ich weiß gar nicht so genau was "Borderland" sein soll. Ein Roman über Freundschaft und erste Liebe? Ein Roman über die Widrigkeiten des Lebens? Ein Roman über Wahrnehmung und Denken? Oder ein Roman über das Verhältnis zwischen Gut und Böse? Wäre das alles so miteinander verwoben, das daraus ein starkes Netz entstanden wäre, würde uns Schwindt eine starke Geschichte liefern. Aber eben das ist es was fehlt. Eine gute Basis. Eine solide Grundlage. So wurde leider von allem etwas zusammengestückelt, ohne die Tiefe herzustellen, die daraus entstehen hätte können. Geknüpft wird mit Sätzen und Inhalten, die sehr konstruiert wirken. Unecht. Aneinandergestückelt, obwohl der Autor sich viel Mühe gibt metaphorisch, fast poetisch zu klingen, was ihm hier und da sehr gut gelingt, was an anderer Stelle aber durch ziemlich flapsige Aussagen wieder zunichte gemacht wird.

Das Ende versöhnt mich ein bisschen mit der Tatsache, dass ich das Buch zwischendurch einfach gerne weggelegt hätte. Schwindt spielt mit den Möglichkeiten, die ihm gegeben sind, spielt mit seinen Lesern, lässt sie an der Wirklichkeit, an der eigenen Wahrnehmung zweifeln und schiebt dadurch die anfangs angesprochenen Thematik in den Vordergrund. Handwerklich gut gemacht, packend und so, dass ich auch endlich nicht mehr nur an der Oberfläche vorbeischramme, sondern darüber nachdenke wie das so läuft mit den verschiedenen Möglichkeiten unseres Lebens. 

Insgesamt konnte mich das Buch leider nicht überzeugen, bietet aber ein gewisses Identifikationspotential für andere LeserInnen, so dass der eine oder die andere Gefallen an der Story finden könnte.


Buchinfo:

272 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag
16,00 €


Rezensionen: © 2018, N. Eppner


17.09.18

[Reiseproviant] 6|18: Bücher, Familie, Leben




Familienreise:


Völlig schockiert habe ich gerade festgestellt, dass der letzte Reiseproviant im Juni online gegangen ist. Wird also endlich mal wieder Zeit für ein bisschen Geplauder rund um die Themen Bücher, Familie, Leben.

Im August habe ich überhaupt nicht gebloggt. Du ahnst sicher welchen Grund die Auszeit hat. Unser Baby ist geboren. Einen Tag vor dem errechneten Termin ist unser kleines Mädchen zur Welt gekommen und hat unser Leben um weiteres Elternglück bereichert. 






Seitdem geht es bei uns natürlich auch turbulent zu. Die Räubertochter liebt ihre kleine Schwester, aber die neue Familienkonstellation hat sie auch ein wenig aus der Bahn geworfen. Das ist ganz normal und wird sich auch wieder regulieren, ist aber auch ein wenig anstrengend, weil es viel Geduld und Einsatz der Eltern fordert. Das fällt mir nicht immer ganz leicht, denn wenn man stillende Mama ist, dann ist man irgendwie dauermüde und das erschwert das geduldig sein etwas.

Es ist aber tatsächlich so, dass ich nun das Gefühl habe doppeltes Glück zu verspüren. Eigentlich kann ich gar nicht erklären wie es sich anfühlt. Mutterglück ist etwas unfassbares. Etwas, dass sich weder greifen, noch beschreiben lässt, weil es mit so vielen Emotionen gepaart ist. 





Seit der Geburt der kleinen Raupe sind meine körperlichen Beschwerden nach und nach verschwunden. Ich kann endlich wieder richtig laufen und freue mich sehr darüber. Wir sind an einem Sonntag sogar schon 12 km gewandert. Das war allerdings sehr anstrengend und meinem Mann geschuldet. "Wir laufen nur etwa eine Stunde dahin. Das ist nicht weit." Die Höhenmeter hat er gänzlich unter den Tisch fallen lassen. Seit letzter Woche nehme ich an der Rückbildungsgymnastik teil, die bei meiner Hebamme Outdoor in einem Schlosspark stattfindet und richtig anstrengend ist, aber auch richtig viel Spaß macht, und einmal habe ich sogar schon wieder auf dem Pferd gesessen. Allerdings muss ich noch meine Abschlussuntersuchung nächste Woche abwarten, um wieder richtig mit dem Reiten loszulegen.





Wie war dein August? Genießt du, dass es noch sommerlich warm ist oder sehnst du dir den Herbst herbei?


Literarische Reise:


"Ja, ich schaffe es tatsächlich zu lesen. Viel sogar." Diese Aussage verwundert meine Gegenüber meist, aber es ist so. Ich bin jede Nacht eine Stunde wach, um die kleine Raupe zu stillen und während dieser Zeit lese ich. Eine Stunde ist ja reichlich Lesezeit und es gibt auch keine Ablenkung wie WhatsApp oder Instagram. Manchmal nutze ich die Zeit um Nachrichten zu beantworten, aber ich lasse immer häufiger das Handy aus, wenn ich stillen gehe. Um wirklich die Energie zu haben, die ich für zwei muntere Kinder brauche, achte ich darauf auch mittags eine kleine Pause einzulegen. Während dieser lese ich. Das ist für mich die beste Entspannung. Der Fernseher bleibt aus. Ich glaube ich habe das letzte Mal in der Nacht vor der Geburt der kleinen Raupe bewusst TV geschaut (aufgrund Vorwehen konnte ich nicht schlafen). 





Bis vor kurzem hatte ich einen kleinen Durchhänger. Man kann es schon fast Lesetief nennen. Trotz guter Bücher habe ich nicht richtig reingefunden und sehr unkonzentriert gelesen. Das ist schon öfter mal vorgekommen. Dann habe ich meist ein paar Tage gar nicht gelesen. Das hat mir aber nur bedingt geholfen. Vor kurzem hat Maria Christina Piwowarski vom Ocelot Bookstore Berlin auf Instagram über ihr Leseverhalten berichtet und gesagt, dass sie sich ein tägliches Leseziel setzt, dass sie dann erreichen muss. Das hört sich sehr gezwungen an und nicht so, als ob lesen Spaß macht, aber ich kann ihren Wunsch lesen zum täglichen Alltagsmuss zu machen sehr gut nachvollziehen. Zum Sport muss ich mich auch manchmal zwingen und bin nachher immer ganz glücklich es getan zu haben. Seitdem setze ich mir das Ziel täglich 30 Seiten zu lesen (+5 in einem Sachbuch) und siehe da: das Lesen klappt wieder viel besser. Zum Einen, weil ich eine bessere Leseroutine habe (was ich häufig mache, geht mir auch einfacher von der Hand), zum Anderen, weil ich viel besser in die Geschichte reinkomme. 

Welche Lesetipps / -tricks nutzt du in deinem Lesealltag?

Nach so vielen Buchstaben und Sätzen nun noch ein kleines Foto meines großen Neuzugangstapels. Ich habe nur einen klitzekleinen Abstecher in die Buchhandlung meiner Heimatstadt gemacht und das ist dabei rausgekommen.





Ich kann nur immer wieder betonen: #buylocal (ja, ich bestelle auch oft bei Sarah im Buchladen am Freheitsplatz, aber das ist für mich auch irgendwie local, weil ich fast alles in Anspruch nehmen kann, was ich im örtlichen Buchladen auch bekomme). 
Meine Buchhändlerin ist einfach wundervoll (vielleicht einer der Gründe warum ich bedingungslos kaufe was sie mir empfiehlt...). Wenn ich in den Laden komme wird mir zuallererst Kaffee und Tee angeboten und nach dem persönlichen Befinden gefragt. Während wir über geliebte Bücher sprechen und ich in den Regalen stöber, schaukelt Frau Schröder die Babyschale mit der quengelnden Raupe (ein echter Kraftakt) und zum Abschluss bekommt die Räubertochter, die gar nicht dabei war, noch ein Pixibuch geschenkt, bevor ich die beiden schweren Büchertaschen zum weit entfernt parkenden Auto getragen bekomme. Noch Fragen??!

Komm gut in die neue Woche und lass es dir gut gehen.


13.09.18

Das Gold der Krähen | Leigh Bardugo

ACHTUNG: Spoiler zu "Das Lied der Krähen"!




Sechs unberechenbare Außenseiter - ein unerreichtes Ziel - Rache! Das Abenteuer geht weiter! 
Ein Dieb mit der Begabung, die unwahrscheinlichsten Auswege zu entdecken
Eine Spionin, die nur »das Phantom« genannt wird
Ein Verurteilter mit einem unstillbaren Verlangen nach Rache
Eine Magierin, die ihre Kräfte nutzt, um in den Slums zu überleben
Ein Scharfschütze, der keiner Wette widerstehen kann
Ein Ausreißer aus gutem Hause mit einem Händchen für Sprengstoff
Kaz Brekker und seinen Krähen ist ein derart spektakulärer Coup gelungen, dass sie selbst nicht auf ihr Überleben gewettet hätten. Statt der versprochenen fürstlichen Belohnung erwartet sie jedoch bitterer Verrat, als sie nach Ketterdam zurückkehren. Haarscharf kommen die Krähen mit dem Leben davon, Kaz' Geliebte Inej gerät in Gefangenschaft. Doch Kaz trägt seinen Spitznamen »Dirtyhands« nicht ohne Grund – von jetzt an ist ihm kein Deal zu schmutzig und kein Risiko zu groß, um Inej zu befreien und seinen betrügerischen Erzfeind Pekka Rollins zu vernichten.
(Text & Cover: © Droemer Knaur; Foto: © N. Eppner) 

Als ich vor kurzem Leigh Bardugos "Das Lied der Krähen" las, dachte ich das sei der beste Fantasy Roman, der mir in diesem Jahr untergekommen ist. Bis ich "Das Gold der Krähen" in die Finger kam und innerhalb weniger Lesestunden verschlang. Das Finale der Dilogie um Kaz Brekker und seine Bande toppt den Auftaktroman sogar noch.

"Das Lied der Krähen" endet schon so spannend, dass es außer Diskussion steht, ob es in "Das Gold der Krähen" wohl aufregend weitergeht. Inej ist in Gefangenschaft, Nina stand unter Jurda Parem, Jesper hat finanzielle Schwierigkeiten, Wylan sieht aus wie Kuwai, Matthias Herz schlägt möglicherweise doch für Nina und Kaz lebt einzig dafür Pekka Rollins zu Fall zu bringen. 

Ausreichend Sprengstoff, um eine fantastische, extrem spannende Geschichte zu zünden. 

Bardugo gelingt es die Gegenwart der Protagonisten so zu gestalten, dass auf keiner einzigen Seite Langeweile aufkommt. Immer wieder führt sie uns auf falsche Fährten, lässt uns bangen, hoffen, bangen und wieder hoffen, und überrascht mit unerwarteten Ereignissen. Kaz Brekker ist längst ein Teil von Bardugo geworden. Das spürt man in jeder seiner Handlungen. Pfiffig durchdacht mit einer sehr besonderen Schläue, lenkt Bardugo ihre Figuren durch die Geschichte. 

Und sie macht noch etwas anderes. Sie nimmt uns LeserInnen mit in die Vergangenheit. Offenbart private Geschichten der ProtagonistInnen. Reist in deren Inneres. Erzählt deren persönlichen Lebensweg. Die Umstände, die dafür gesorgt haben, dass so nette Mädchen wie Inej zuerst in einem Freudenhaus und später im dreckigen Barrel landeten. Ein geschickter Schachzug der Autorin und Beleg ihres handwerklichen Könnens, denn so wird die Verbindung zwischen Charakteren und LeserInnen immer enger, immer vertrauter. Ich glaube ich habe schon lange keine Figuren mehr so sehr gemocht wie diese sechs Außenseiter und das, obwohl sie stehlen, betrügen und töten.

Noch ausgereifter, noch lebendiger als in "Das Lied der Krähen" sind die Dialoge. Sie sprühen Funken, liefern den Humor der Verzweifelten, der Wagemutigen, die bereit sind alles aufs Spiel zu setzen, um etwas zu verändern. Worte, die zwischen Menschen fallen, die durch Leiden und Hoffnung miteinander verbunden sind. Die etwas erlebt haben, dass sie unwiderruflich aneinanderschweißt.

Ich bin so begeistert von Leigh Bardugos Glory or Grave-Romanen, dass ich kaum weiß wie ich die passenden Worte finden soll. Fast alle scheinen mir zu lapidar, zu abgedroschen, zu flach, um zu beschreiben wie gerne ich diese beiden Bücher gelesen habe. Und deshalb hoffe ich, dass ihr einfach meinem Aufruf folgt, wenn ich sage: Lest "Das Lied der Krähen"! Lest "Das Gold der Krähen"!




Buchinfo:

Droemer Knaur (September 2018)
592 Seiten
Klappenbroschur
16,99 €
ÜBERSETZUNG: Michelle Gyo


Weitere Rezensionen zum Buch:

Favolas Lesestoff (erscheint am Wochenende)

06.09.18

[Blogtour] Die Schwestern von Mitford Manor: Unter Verdacht - "Tea Time" in den 20ern. Eine fotografische Inszenierung




London, 1920: Für die 19-jährige Louisa geht ein Traum in Erfüllung. Sie bekommt eine Anstellung bei den Mitfords, der glamourösen und skandalumwitterten Familie aus Oxfordshire. Endlich kann sie der Armut und dem Elend der Großstadt entfliehen und dafür auf ein herrschaftliches Anwesen ziehen. Louisa wird Anstandsdame und Vertraute der sechs Töchter des Hauses, allen voran der 17-jährigen Nancy, einer intelligenten jungen Frau, die nichts mehr liebt als Abenteuer und gute Geschichten. Als Florence Nightingale Shore, eine Krankenschwester und Freundin der Familie, am helllichten Tag ermordet wird, beginnen Nancy und Louisa eigene Ermittlungen anzustellen. Schnell erkennen sie, dass nach den Wirren des Krieges jeder etwas zu verbergen hat.(Text & Cover: Piper)



Jessica Fellowes ist die Nichte des "Downton Abbey" - Autors Julian Fellowes und hat dadurch sozusagen die Liebe zur englischen "Tea Time" in den Genen. Sie ist Verfasserin der Begleitbücher zur Serie und hat nun eine Zeitreise in die 20er gewagt, die in Form eines Romans mit kriminalistischem Plot erschienen ist. Jessica Fellowes war so freundlich mir einige Fragen zum Thema "Tea Time" zu beantworten und dir und mir dadurch einen kleinen Einblick in die Vergangenheit zu verschaffen. 
Take a cup of tea and enjoy.







Was there a uniform time for the daily tea hour?

Jessica: Generally tea was served at about 4pm each day. 






Did you really only drink tea or another drink? (What about coffee?)


Jessica: We really only drank tea! Coffee was for breakfast and after dinner.




Das "Tea Time" Getränk ist schwarzer Tee. 
Dieser wurde entweder lose oder in kleinen Beuteln aufgegossen und verblieb dann während der kompletten Mahlzeit in der Kanne. Damit er nicht zu stark wurde, stand heißes Wasser bereit, das immer wieder nachgegossen wurde.
Zum Tee trank man üblicherweise Milch. Seit Generationen dreht sich alles um die Frage: zuerst die Milch oder zuerst der Tee? 





Was there a special dress code?



Jessica: Before the First World War, there was a sort of mania for changing clothes several times a day. I have often wondered if the upper classes simply didn't have enough to do! There would be one outfit for breakfast, another for the walk, then change for luncheon. Tea might be taken in teagowns (the loosest outfit of the day and the only one you didn't require your maid to help you with because there was no corset, hence the French 'cinq a sept' phrase for the best time to meet your lover...). Then, of course, white tie in the evenings and finally a change into your nightgown for bed. But the war blew this away and afterwards people only changed for dinner. Tea would be quite relaxed, a time to sit back after a day of work or riding, to talk and play with the children.




Ob man wohl auch ein Buch zur "Tea Time" mitbringen und darin lesen durfte, statt an den Gesprächen teilzunehmen?




Was there dinner with tea? If yes, which meal is typical for Tea Time?



Jessica: There is sometimes a confusion with the language around the meals, which is class based. The upper class would have breakfast, luncheon, tea and dinner. The working classes had breakfast, dinner, tea and supper...! Tea for the working classes was the bigger meal of the evening, supper was more likely a bit of bread and butter with a cup of tea or cocoa (like hot chocolate). But upper class tea was a cup of tea poured from a teapot, with a slice of cake (always eaten with the fingers, never a fork). 




Typische Gebäckstücke zur "Tea Time" waren beispielsweise Gewürzkuchen, süße Brote mit getrockneten Früchten, Hefegebäck oder Plätzchen wie die auf dem Foto abgebildeten Fat Rascals (sehr lecker. Das Rezept dazu findest du hier)





Were the children allowed to participate?



Jessica: Absolutely, in fact tea was when the children came down from the nursery to spend an hour with with their parents. (In an upper-class household.)




Wie im Roman "Die Schwestern von Mitford Manor", in dem Protagonistin Louisa eine Anstellung als Kindermädchen findet, wurden auch in der Realität in der Upper Class die Kinder von Mädchen oder Kinderfrauen betreut (eine Betreuung durch einen Mann wäre undenkbar gewesen). 
Die "Tea Time" war die Zeit, in der Kinder un Eltern gemeinsame Zeit verbrachten. Da konnte es auch schon mal zu kleinen Kleckereien auf der Teetafel kommen ;)





How was it stocked? With everyday dishes or rather festive?


Jessica: An aristocratic house would have different sets of china for various levels of occasion (grand dinners, family suppers and so on), and there would be a tea set – co-ordinating teapot, cups and saucers, small plates for the cake. But even a more modest household would have its own set of cups and saucers with a teapot. 









Weitere Stationen der Blogtour:



03. 09.: Interview mit Autorin Jessica Fellowes bei lovelymix
04.09.: Create the Cover bei pigletandherbooks
05.09.: Die Mitford Familie - Eine Reise durch die Zeit bei Ivybooknerd
06.09.: "Tea Time" in den 20ern - eine fotografische Inszenierung bei Fantasie und Träumerei
07.09.: Ideen zur geplanten Mitford Manor Verfilmung bei Booklovin



Text & Fotos: © 2018, Nanni Eppner



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