14.01.19

Sonntags in Trondheim | Anne B. Ragde

ACHTUNG! "Sonntags in Trondheim" ist der vierte Teil der "Lügenhaus"-Reihe und daher enthält meine Rezension Spoiler zu vorangegangenen Bänden. Von mir gibt es eine Leseempfehlung für alle vier Bücher.




Einst auf einem Schweinezüchterhof in Trondheim zu Hause, lebt die Sippe der Neshovs inzwischen weit verstreut. Torunn vergeudet ihre Zeit mit einem Mann, der Schlittenhunde züchtet – zu denen sie eine bessere Beziehung unterhält als zu ihm. Torunns Onkel Margido widmet sich mit fast religiöser Hingabe seinem Bestattungsunternehmen. Und sein Bruder Erlend, ein schwuler Schaufensterdekorateur, ist zwar seit Jahren glücklich in Kopenhagen verheiratet, aber ein wenig hysterisch. Eines Tages geschieht etwas, das die Familie zwingt, wieder näher zusammenzurücken ...
(Text & Cover: © Randomhouse; Foto: © N. Eppner)


Wie schön war es die Neshov Sippe wiederzutreffen. Ein Gefühl wie Weihnachten, nur, dass ich selbst nicht involviert bin, sondern mir all die Dramen und Tragödien von Außen anschauen kann. Davon gab es in den ersten drei Bänden der "Lügenhaus"-Reihe ziemlich viele. In "Sonntags in Trondheim" geht es ein wenig beschaulicher zu. Ein wenig entspannter und gefühlt ein wenig glücklicher. Und weil ich der Familie nach drei Bänden so nah bin, freut mich das, als sei ich doch ein Teil von ihnen.

Anne B. Ragde hat mit den Neshovs eine Familie konzipiert, die auf den ersten Blick ziemlich verschroben wirkt. Bei genauerem Hinsehen aber Züge erkennen lässt, die in jedem Haushalt, überall auf der Welt, so oder so ähnlich ablaufen könnten.

Im Mittelpunkt steht Torunn, die vor einiger Zeit erfahren hat, dass ihr Vater ein Schweinezüchter in Norwegen ist und dass er und ihre Mutter nicht zusammenlebten, weil die Großmutter die Verbindung der Beiden nicht für gut hieß, so dass Torunns Mutter vom Hof gejagt wurde. Als der Vater stirbt, erfährt Torunn, dass sie die Erbin des Hofes ist. Das überfordert sie jedoch so sehr, dass sie erstmal wieder abhaut. Zurück in die Arme ihres langjährigen Freundes, der sie permanent mit jüngeren Frauen betrügt. 

Torunn neigt dazu an alten Gewohnheiten festzuhalten und erträgt diesen Zustand ihrer Beziehung eine ganze Weile, bis es ihr doch zu bunt wird. Sie kehrt zurück auf den Hof ihres Vaters, denn wie sollte man der Schwierigkeit gesunde Beziehungen zu führen anders auf den Grund gehen, als dorthin zurückzukehren, wo die Beziehung der Eltern noch vor der Geburt gekappt wurde. Für Torunn eine Möglichkeit zu sich selbst zu finden?

Außerdem lebt ihr Onkel Margido in der Nähe. Ein einsam wirkender Endfünfziger / Anfang sechziger, der voll und ganz in seinem Beruf als Bestatter aufgeht. Seine Tagesabläufe sind penibelst genau durchgeplant. Systeme, die ihm Orientierung und Halt geben während er täglich dem Tod begegnet. Als Torunn bei ihm auftaucht, bringt sie sein Leben durcheinander. Ein ganz neues, gar nicht mal so unangenehmes Gefühl.

Und dann gibt es noch den schwulen Erlend, der sich gemeinsam mit seinem Mann und zwei befreundeten Leihmuttern eine eigene Familie "gebastelt" hat. Ein Familiensystem wie er es nie gekannt hat. So perfekt, obwohl überhaupt nicht ans klassische Familiensystem angelehnt. Oder eben doch, weil Kinder ein ganzes Dorf brauchen, um behütet aufzuwachsen. Zwei Väter und zwei Mütter tun es für den Anfang aber auch.

Hach ja, es steckt so viel Liebe in den Figuren, in all ihren Lebenswegen, ihren Entscheidungen, in all den Zwickmühlen und Verästelungen, die das Schicksal für sie ersinnt. Die Figuren leben. In der Sprache, in den Handlungen und ganz schnell auch in den Herzen der Leser. 

Während die Atmosphäre in den ersten drei Teilen eher von einem dünnen Nebelschleier überzogen ist, fühlt es sich so an, als komme Licht in das Leben aller Figuren. Dadurch unterscheidet sich "Sonntags in Trondheim" von Ton und Ambiente von den vorherigen Büchern, was dem Lesevergnügen jedoch nichts nimmt.



Buchinfo:


btb (207)
352 Seiten
Paperback
Taschenbuch erscheint im April 2019
Übersetzung: Gabriele Haefs


Reiheninfo:

1. Das Lügenhaus
2. Einsiedlerkrebse
3. Hitzewelle
4. Sonntags in Trondheim
5. Die Liebhaber (ET: Februar 2019)



Rezensionen: © 2019, Nanni Eppner

05.01.19

Die 10. Buchsaiten Blogparade



Schon seit einigen Ausgaben nehme ich an der Buchsaiten Blogparade teil, die nun zum 3. Mal in Folge via Die Liebe zu den Büchern stattfindet.

Noch bis einschließlich Sonntag den 06. Januar kannst du deinen Beitrag dazu online stellen und in Petzis Kommentarfeld verlinken.

Auf Social Media Kanälen findest du den Beitrag unter #BSBP


1. Welches war das Buch in diesem Jahr, von dem ich mir wenig versprochen habe, das mich dann aber positiv überrascht hat?


"Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie" wollte ich zuerst gar nicht lesen, weil ich Anfang des Jahres die Nase voll hatte von diesen vermeintlichen Gute-Laune-Alles-wird-prima-wenn-wir-uns-alle-aneinander-kuscheln-Büchern. Glücklicherweise nahm ich es doch zur Hand und war schnell gefangen von den schüchternen, aber sehr liebevollen Charakteren. Von ihrem Wunsch füreinander da sein zu wollen und vor allem von ihrer Liebe zur Musik. Dieses Buch hat tatsächlich ganz viel Wohlgefühl in mir ausgelöst und mich mit ganz viel Herzlichkeit verzaubert.





2. Welches war das Buch in diesem Jahr, von dem ich mir viel versprochen habe, das mich dann aber negativ überrascht hat?


Das war auf jeden Fall "Familiäre Verhältnisse" von Sophie Bassignac. Ich hatte auf eine amüsante Geschichte mit einer verschrobenen Familie gehofft, aber der Roman war flach, uninteressant und die Witze einfach nicht lustig.

3. Welches war eure persönliche Autorenneuentdeckung in diesem Jahr und warum?


Das war für mich definitiv Nini Haratischwili. Wie sehr habe ich ihren Roman "Das achte Leben (Für Brilka)" gemocht. Diese Sprache, diese Inszenierung von Landesgeschichte innerhalb einer Familie erzählt über mehrere Generationen. Es ist nicht ihr Debüt und es ist auch schon die Taschenbuchausgabe, die mir in die Hände gefallen ist, aber besser spät als nie. Vor kurzem war ich dann auf einer Lesung der Autorin zu ihrem aktuellen Roman "Die Katze und der General" und war sehr beeindruckt von Nino. Eine sehr sympathische Frau. Sehr straight, sehr präsent. Ihre Sprache ist ein Traum. Sie redet so ausdrucksstark wie sie schreibt, was mir sehr imponiert. Ich freue mich darauf in diesem Jahr "Die Katze und der General" zu lesen.





4. Welches war euer Lieblingscover in diesem Jahr und warum?


Das Cover vom Kinderbuch "Bienen" von Piotr Socha.
Ich liebe den Zeichenstil des Autors. Noch schöner ist das Cover seines neuen Buches "Bäume", aber das besitzen wir leider noch nicht.





5. Welches Buch wollt ihr 2019 unbedingt lesen und warum?


Neben dem bereits genannten "Die Katze und der General", "Odinskind" von Siri Pettersen. Ein Fantasyroman einer norwegischen Autorin.
a) sprechen mich Cover und Klappentext an
b) lebe ich in dem Glauben, dass eine norwegische Fantasyautorin sicher eng verbunden mit der Mytholigie ist und
c) ist Norwegen das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse. Passt also ganz gut.





31.12.18

Die Chroniken von Azuhr 02: Die weiße Königin | Bernhard Hennen




Auf der Insel Cilia eskaliert der Konflikt zwischen der Liga der Stadtstaaten und den Herzögen des Schwertwaldes. Die militärische Übermacht der Liga ist erdrückend, und die Hoffnung der Waldbewohner ruht auf einer alten Sage, dass in der Stunde der größten Not die Weiße Königin, die ehemalige Herrscherin des Waldes, zurückkehren wird. Doch wie groß muss die Not werden, bis sich dies erfüllt? 
Milan Tormeno versucht, den Wirren des Krieges zu entgehen, denn in seinen Augen kämpft keine von beiden Seiten für eine gerechte Sache. Doch es droht eine weitere Gefahr: Überall auf der Insel erwachen Märengestalten zu neuem Leben. Erst allmählich begreift Milan, wie er dieser magischen Wesen Herr werden – und die Wirklichkeit verändern kann.
(Text & Cover: © S. Fischerverlage; Foto: © N. Eppner)


Im Mai 2018 hatte ich das Glück Bernhard Hennen bei einem Meet und Greet zu treffen und einen Ausschnitt aus "Die weiße Königin" vom Autor persönlich vorgelesen zu bekommen. Es war eins der eher märchenhaften, poetisch geschriebenen Kapitel, dem ich mit großem Vergnügen lauschte, das aber nichts über das Buch als Gesamtwerk verriet. Gedruckt war "Die weiße Königin" zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Spannung, Komplexität und Vielfalt der Ideen brachen völlig überraschend über mich ein, als ich den zweiten Teil der Chroniken von Azuhr zur Hand nahm.

Der Einstieg in den Roman hat mich erstmal ein wenig gefordert. Teil zwei knüpft nicht nahtlos dort an, wo Band eins endet und auch die Art der Handlungen und der Erzählton sind etwas anders, als im Auftakt der Trilogie. Und doch konnte mich Hennen ganz schnell wieder so sehr fesseln, dass ich alles um mich herum vergaß und in der Welt von Azuhr versank.

Auch in diesem Roman dreht sich die Achse des Denkens wieder um schwarz-weiß Strukturierung des Lebens. Nicht Alles lässt sich in einer Schublade ablegen, nichts ist, wie es scheint. Gut und Böse können kontrovers handeln und verschwimmen miteinander. Es gibt ganz klar Sympathien und Antipathien für Charaktere, aber diese lassen sich nicht eindeutig in guter Mensch, böser Mensch unterteilen.

Hennen geht dem Gedanken nach wie es überhaupt dazu kommt, dass ein eigentlich guter Wille durch Ausführung zu einem handeln wird, das sich negativ auswirkt. Auf den Handelnden oder andere Betroffene, die ebenfalls im Kreis des Handelns stehen. Gekoppelt ist dies mit dem Thema wünschen. Was wäre, wenn Wunschdenken in Erfüllung geht? Ist das, was ich mir von anderen wünsche auch deren Glück?

Neben fesselnder Spannung konnte mich eben auch begeistern, dass Hennen ganz viele Fragen in mir aufgeworfen hat. Gerade was Fremdbestimmung in Verbindung mit Glück angeht. All diese Anstöße zum Nachdenken sind in eine Welt verpackt, die von Brutalität und Hoffnung, von Härte und Träumereien bestimmt wird.

Die Handlungen geladen von überraschenden Wendungen, die ich so nicht erahnt, an anderen Stellen vergeblich erhofft habe. "Die weiße Königin" hat mir noch eine Spur besser gefallen, als "Der Verfluchte" und ich wünschte, ich könnte Band drei schon jetzt in Händen halten. Welch negative Auswirkungen mein Wunsch auf den Autor, seine sympathische Lektorin oder die Mitarbeiter des Verlags hat, mag ich mir nicht vorstellen...



Buchinfo:

624 Seiten
Paperback
16,99 €

Reiheninfo:

1. Die Chroniken von Azuhr 01: Der Verfluchte
2. Die Chroniken von Azuhr 02: Die weiße Königin
3. Die Chroniken von Azuhr 03: Der träumende Krieger (ET: 25.09.2019)



Rezensionen: © 2018, Nanni Eppner

30.11.18

Die Dämonenkriege | Michael Hammant




Als der Dämonenjäger Ryk bei einem Einsatz seine beiden Gefährten an einen Dämon verliert, den es seit Hunderten von Jahren eigentlich gar nicht mehr geben dürfte, schwört er Rache. Währenddessen gelingt es der Gestaltwandlerin Catara, den wegen Mordes an seinem Vater angeklagten Thronprinzen Ishan aus dem Kerker zu befreien. Doch damit beginnen die Probleme für die beiden erst, denn all die dunklen Vorkommnisse sind nur die Vorboten eines drohenden Kriegs, der die Welt der Schwebenden Reiche in ihren Grundfesten erschüttern wird ...
(Text & Cover: © Randomhouse; Foto: © N. Eppner)


Mit gemischten Gefühlen klappe ich "Die Dämonenkriege" zu. Der Grundriss des Inhalts ist recht klassisch. Krieg zwischen verschiedenen Völkern, die alle nach Macht streben. In der Phantastik schon vielmals erzählt, doch immer wieder individuell. Bei Michael Hammants Roman habe ich nicht das Gefühl etwas zu lesen, was schon da war, obwohl ein Vergleich mit einem anderen bekannten Fantasyroman über Dämonen nahe liegen würde. Aber nein, Hammant hat mehr Neues erschaffen, als ich es erwartet hätte.

Punkten kann er definitiv auch mit seinen Protagonisten. Starke Figuren mit gut ausgearbeiteten Charaktereigenschaften, die sie sehr echt wirken lassen. Besonders Catara, die Gestaltwandlerin, ist eine spannende Figur, die immer wieder in schwierige Situationen gerät und mich damit ganz schön in Atem gehalten hat.

Grundsätzlich ist die Spannung leider ein Problem des Romans. Es ist wie eine Berg- und Talfahrt. Hammant kann mich immer mal fesseln und kurz drauf habe ich wieder das Gefühl dahin zu trudeln. Es fühlt sich an, als müssten Lücken mit belanglosem Geplänkel gefüllt werden. Den Dialogen fehlt es teilweise an Schwung und ich wünscht man hätte das Buch an diesen Stellen gekürzt. Ob das in der Realität wirklich machbar ist, weiß ich natürlich nicht.

"Die Dämonenkriege" ist ganz nette Unterhaltung mit ausdrucksstarken Charakteren, aber es fehlt mir ein wenig Rasanz, um mich wirklich restlos zu fesseln.


Buchinfo:

Heyne (2018)
752 Seiten
Klappenbroschur
14,99 €



Rezensionen: © 2018, Nanni Eppner

26.11.18

Meine beste Bitch | Nataly Elisabeth Savina (Herausgeber: Tilmann Spreckelsen)




Faina hat das Abi hinter sich. Endlich weg aus der miefigen Kleinstadt, fort von der analytischen Psychiaterin-Mutter, die alles zu durchschauen scheint. Endlich nach Berlin, wo alles so flatterhaft, kirschsaft-flirty und funky-glitzernd ist. Das Studium an der Kunsthochschule kann warten. Faina stürzt sich in die Großstadt: Freiheit, Nachtleben, Kultur und hemmungslose Liebe. Denn da ist Julian. Der angehende Performancekünstler, der so aufregend anders ist, mit dem alles so intensiv ist, dem Faina verfällt. Sie ist wie in Trance. Und dann der Schock: Julian verliebt sich in ihre beste Freundin Nike und verrät ihre Verbindung. Rasend vor Wut und Enttäuschung verwüstet Faina Julians Wohnung und tilgt die beiden wichtigsten Menschen aus ihrem Leben. Doch dann geschieht ein Unfall, der ihre Beziehung unter neue Vorzeichen stellt.
(Text & Cover: © S. Fischerverlage; Foto: © N. Eppner)


Der Titel "Meine beste Bitch" gefällt mir nicht so gut. Der Inhalt des Romans dafür umso mehr. Es ist Fainas Geschichte des Erwachsen werdens. Diese spannende Suche nach der eigenen Persönlichkeit, das Ausleben von verrückten Ideen, der Weg an Grenzen und darüber hinaus. Der Wunsch nach Zugehörigkeit und zeitgleicher Abspaltung von den Eltern und dem "Normalen" Individuell sein, ins Auge stechen, aber nicht auffällig sein. Ein schwieriges Entwicklungsstadium an das ich mich noch gut erinnern kann. 

Eine Zeit, die wir alle früher oder später mehr oder weniger intensiv durchleben und die deshalb ganz häufig Thema in Jugendromanen ist. Wie gelingt es Nataly Elisabeth Savina ihren Roman herauszuheben? 

Der Erzählton ist nicht besonders auffällig, wenngleich sie auch so gut ist, dass ich den Roman in Kürze verschlungen habe. Eingängig, lässig, aber mit Niveau. Nicht banal, nicht künstlich, spricht Savina nicht nur die Altersstufe ihrer Protagonisten an, sondern auch mich, die ich schon einige Jahre älter bin, als Faina, Nike und Julian.

" 'Geist, Seele, Gehirn, hinter jedem einzelnen Wort verbirgt sich ein komplexe Welt - jeder Begriff ist an sich schon ein Gedicht. Die Normalität ist kein Zustand, sie ist nur eine Behauptung. [...]' " (S. 90)

Womit Savina mich fesseln konnte, sind die Möglichkeiten, die sie in den Raum wirft. Entsprechend Fainas Wunsch nicht zur Norm zu gehören und sich damit von ihrem Umfeld, Eltern, Lehrer etc. zu distanzieren, entspricht auch der Verlauf der Geschichte nicht der Norm. Savina beschreibt Handlungen und lässt trotzdem ganz viel Raum für eigene Gedanken. Es schwingt immer ein "aber es könnte auch" oder "was wäre wenn" mit. Ganz bewusst spricht sie nicht alles an, was möglich wäre, sondern überlässt es meinen eigenen Gedanken, was ich im Roman sehen möchte. Manchmal kommt es auch einfach darauf an, wessen Perspektive ich einnehme. Mit wem ich gerade sympathisiere 

Faina z.B hat das Gefühl, dass sie einzig mit Nike glücklich sein kann. Dass Nike ihre beste Freundin ist, weil sie mit ihr sein kann, wie sie wirklich ist. Aber ist diese "wirkliche" Identität auch die, die gut für Faina ist? Und besteht lediglich eine Freundschaft oder ist es Liebe, die zu Handlungen treibt, die eine Gradlinigkeit des Lebens durcheinanderwirbeln. Und ist dieses Durcheinanderwirbeln positiv oder negativ?

" 'Wir suchen uns aus, was wir glauben wollen. Und leben das, was wir glauben wollen. Das macht uns aus. Deshalb darfst du nie etwas Schlimmes über dich denken. Jeder kann sein eigenes Leben verhexen oder verzaubern. Nur mit der Kraft der eigenen Psyche." (S. 234)

Ich mag es sehr, dass mir so viele Möglichkeiten eröffnet werden. Dass ich verschiedene Wege einschlagen kann. Dass meine Gedanken gefordert und bespielt werden. Dass Savina gegen Eintönigkeit arbeitet. Damit setzt sie stilistisch das um, was uns Jugend, was uns genau diese Zeit, in der wir auf der Schwelle zum Erwachsen werden stehen, bietet: eine Vielzahl an Pfaden, die alle zu einem Ziel führen. Dazu, dass Erfahrungen und Erlebnisse uns prägen und unsere Persönlichkeit bilden.

Leseempfehlung für "Meine beste Bitch".


Buchinfo:
288 Seiten
Hardcover
16,- €


Rezension: © 2018, Nanni Eppner

20.11.18

Die Stimmen des Abgrunds | Peter V. Brett




Nach Das Leuchten der Magie ist Die Stimmen des Abgrunds der packende zweite Teil des fünften Bandes von Peter V. Bretts Dämonensaga, der im Original unter dem Titel The Coreerschienen ist. Der letzte Krieg zwischen Menschen und Dämonen steht unmittelbar bevor, und die einzige Hoffnung der Menschheit ruht nun auf Arlen, seiner Frau Renna und seinem Rivalen Jardir. Denn nur, wenn es ihnen gelingt, den Willen eines der mächtigen Dämonenprinzen zu brechen und ihn zu zwingen, sie in den Abgrund zu führen, werden sie die dort herangezüchtete Dämonenarmee aufhalten können. Aber noch ist der Sieg gegen die Dämonen nur ein Traum …
(Text & Cover: © Randomhouse; Foto: © N. Eppner)


Das ist es nun also. Das Finale einer meiner allerliebsten Lieblingsreihen der Phantastik. Jahrelang habe ich Arlen beim Kampf gegen die Dämonen begleitet und nun ist alles vorbei. Ich bin ein bisschen traurig, denn jede Begegnung mit dem tätowierten Mann war für mich ein Fest. 

In all den vielen Bänden, die Bretts Dämonenreihe ausmachen, ist der Autor so viele Wege gegangen, dass sich verschiedene Möglichkeiten eröffneten, um die Reihe abzuschließen und natürlich habe ich mir im Vorfeld viele Gedanken darüber gemacht wie er die Serie wohl abschließen, wie er das Dämonenproblem wohl lösen wird. Werden die Dämonen gänzlich ausgelöscht? Wird der Horc verschlossen? Oder wird die Menschheit weiterhin nach Anbruch der Dunkelheit in Angst und Schrecken leben müssen?

Es ist schwierig etwas über das Buch zu schreiben, ohne zu viel zu verraten. Was ich sagen kann: es war wieder eine große Freude mir Arlen und Jardir in den Kampf gegen die Dämonen zu ziehen, Renna zu begegnen und mit Leesha für Gerechtigkeit zu sorgen. Obwohl ich nicht zu 100 % mit Brett mitgehen kann, was die Entwicklung einiger Handlungen und Figuren angeht, hat mich der Autor auch mit diesem Band gut unterhalten und einen runden Abschluss geschaffen.


Buchinfo:

Heyne (2018)
560 Seiten
Klappenbroschur
14,99 €
ÜBERSETZUNG: Ingrid Herrmann-Nytko

Reiheninfo:

1. Das Lied der Dunkelheit (The Painted Man)
2. Das Flüstern der Nacht (The Desert Spear)
3. Die Flammen der Dämmerung (The Daylight War)
4. Der Thron der Finsternis (The Skull Throne)
5. Das Leuchten der Magie (The Core)
6. Die Stimmen des Abgrunds (The Core Part II)


Rezensionen: © 2018, Nanni Eppner

16.11.18

Barbarentage | William Finnegan




Vor fünfzig Jahren verfällt William Finnegan dem Surfen. Damals verschafft es ihm Respekt, dann jagt es ihn raus in die Welt – Samoa, Indonesien, Australien, Südafrika –, als Familienvater mit Job beim New Yorker dient es der Flucht vor dem Alltag … Barbarentage erzählt die Geschichte dieser lebenslangen Leidenschaft, sie handelt vom Fernweh, von wahren Abenteuern und den Versuchen, trotz allem ein Träumer zu bleiben. Ein Buch wie das Meer, atemberaubend schön.
(Text & Cover: © Suhrkamp; Foto: © N. Eppner)


Ein Buch übers Surfen lesen, obwohl ich ein Kind des Waldes und der Berge bin und mit dem Meer gar keine Verträge habe? Das nennt man wohl einen Blick über den Tellerrand. Einer, der sich gelohnt hat.

Auch Finnegan kommt eher zufällig zum Surfen. Es ergibt sich eben so. Und dann kommt er nicht mehr davon los. Die Frauen, die er liebt, die Menschen, denen er seine Freundschaft schenkt, wechseln, aber das Surfen bleibt. Klingt nach kitschig-romantischen Vorstellungen eines Traums, der ein lockeres Leben beinhaltet, geprägt von keine Lust auf Arbeit und nur Vergnügen im Sinn. Ist es aber nicht.

Es ist eine Leidenschaft, eine Sucht, die Finnegan überkam und ihn seitdem nicht mehr loslässt. Egal wohin er geht. Es ist das was ihn am Boden hält. In die Realität zieht und gleichzeitig dabei hilft zu entfliehen, wenn die eigenen Probleme zu schwer auf den Schultern lasten. Wenn Ignoranz verblendet und Ereignisse der Welt schneller mitreissen, als Finnegan in der Lage ist ein eigenes Urteil zu bilden.

Schon lange, bevor er Berichterstatter in Kriegsgebieten wird, ist er mit Krisen konfrontiert. Rassismus auf Hawaii, Apartheit in Südafrika, der Stimmung des Vietnamkriegs etc. Er muss hart für seinen Lebensunterhalt arbeiten und genauso hart für die Ausbildung der eigenen Identität inmitten all dieser belastenden Szenen.

Die Idole seiner Jugend sterben - Hendrix, Morrisson, Joplin - und hinterlassen ein Loch, dass er wie viele andere auch, mit dem Verlust und der Suche nach einer eigenen Identität füllen muss. Es ist das Surfen, das ihm eine Orientierung bietet. Das ihn fast umbringt, aber auch am Leben hält. Dafür sorgt, dass er immer wieder aufsteht.

Maria aus dem Ocelot Berlin hat auf Instagram über das Buch geschrieben, dass es eine Art Entschleunigung ist, "Barbarentage" zu lesen. Ja genau - so ist es! Finnegans Sprache ist nichts besonderes. Ist einfach, klar, ruhig. Bindet mich an ein Thema, das mich bisher gar nicht interessierte und nimmt mich mit in Zeiten für deren Ereignisse, für deren Gefühle, ich noch zu jung bin. Ich fühle mich informiert und unterhalten. Lasse mich anstecken von Finnegans Leidenschaft für seine Leidenschaft. Nur Surfen möchte ich nach wie vor nicht.


Buchinfo:

566 Seiten
Taschenbuch
18,00 €
ÜBERSETZUNG: Tanja Handels


Rezensionen: © 2018, Nanni Eppner

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