13.06.19

Die Stille zwischen den Sekunden | Tania Witte



Nur knapp ist Mara einem Bombenattentat in der U-Bahn entgangen. Ihre Mitschüler nennen sie seither „Das Mädchen, das überlebt hat“ und erwarten Betroffenheit von ihr. Aber Mara hat ganz andere Sorgen. Ihre Freundin Sirîn meldet sich immer seltener und scheint plötzlich komplett unerreichbar. Je mehr Mara ihr zu helfen versucht, desto mehr Unverständnis und Ablehnung erntet sie. Was verheimlichen alle vor ihr? Erst als sich ihr Schwarm Chriso in die Suche einschaltet, kommt die erschütternde Wahrheit ans Licht.
(Text & Cover: © Arena; Foto: © N. Eppner)


Ich bin durch. Richtig durch. Nicht nur mit dem Buch, sondern auch mit den Nerven. Krass, was Tania Witte da aufgebaut hat. Ich bin ein bisschen sprachlos. Meine Emotionen stehen Kopf. Ich bin geplättet.

Es ist etwas schwierig das Buch so zu besprechen, wie es verdient hätte besprochen zu werden, ohne zu viel zu verraten. Tania Witte nimmt eine Spur auf, die ich zu Beginn nicht vermutet hätte. Das Ende ist so unerwartet wie logisch und macht es dadurch zu etwas ganz Besonderem.

Auch innerhalb der Geschichte gibt es viel Unerwartetes. Viel zu entdecken. Auf direktem Weg, aber auch zwischen den Zeilen. Protagonistin Mara soll so viel Normalität erfahren, wie nach diesem Schock eben möglich ist. Es ist etwas ganz schreckliches passiert, aber das Leben geht weiter. Muss weiter gehen.

Mara betreibt ein Kochblog. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin Sirin. Sirin stammt aus einer Flüchtlingsfamilie. Ihr Bruder ist Opfer eines Krieges geworden, an dem die Familie nicht beteiligt ist, der sie aber trotzdem betrifft. Sirins Vater versucht das beste aus dem neuen Leben in Deutschland zu machen, Sirin und ihre Brüder sind ganz gut integriert, haben Freunde, haben ein neues Zuhause gefunden. Doch Sirins Mutter ist schwer traumatisiert. 

Die Verarbeitung eines Traumas geschieht auf unterschiedliche Art. Sirins Mutter sieht sich immer wieder mit Erinnerungen konfrontiert. Anschläge wie der, dem Mara entkommen ist, rufen Erinnerungen wach. Dunkle, schwarze Erinnerungen, die sie nicht verdrängen konnte. Verdrängung ist ein weiterer Weg, den ein Trauma gehen kann. 

Tania Witte baut geschickt unterschiedliche, sehr wichtige Themen in ihren Roman ein, ohne dass es wie eine Aneinanderreihung oder Aufzählung wird. Anfangs war mir das nicht ganz klar und ich fragte mich, warum sie so ein gewichtiges Ereignis wie einen Terroranschlag als Einstieg wählt und dann sofort zum Alltag übergeht. Aber dann habe ich Stück für Stück verstanden, was sie mit ihrer Geschichte eigentlich erzählen möchte. Ich möchte nicht alle Themen explizit ansprechen, denn ich möchte keiner Leserin, keinem Leser die Möglichkeit nehmen, die Freude daran, die verschiedenen Themen selbst zu entdecken und mit eigenen Gedanken zu erfassen.

Es gibt immer verschiedene Wege mit Ereignissen, mit Erlebtem umzugehen. Es gibt immer verschiedene Perspektiven, immer verschiedene Wege zu handeln. Schwarz-weiß-denken sollte keinen Raum bekommen. Schwarz-weiß-denken führt zu Unverständnis, zu Intoleranz, zu Hass. 

Mit "Die Stille zwischen den Sekunden" schafft Tania Witte ein Komplex für Toleranz. Es gibt Chriso, diesen Jungen, der im Internet oberflächlich wirkt und davon profitiert sich über andere lustig zu machen, der aber im real life ganz anders ist. Das eine ist Darstellung, das andere ist Charakter. Es gibt eine kurdische Familie, die lebensfroh erscheint, die aber Dinge ansehen und erleben musste, die ich meinem ärgsten Feind nicht wünsche. Es gibt Mara.

Auch jetzt noch bekomme ich Gänsehaut, wenn ich an die Geschichte denke. Es ist schon ein wenig her, dass ich das Buch gelesen habe, aber ich musste es erst ein wenig sacken lassen, bevor ich meine Gedanken dazu in Worte fassen konnte. Erst im Nachhinein fällt mir auf wie handwerklich gut gemacht dieser Roman ist. Zurecht hat Tania Witte ein Stipendium für ihre Arbeit an diesem Buch erhalten. Es ist so fein verästelt, so sensibel, so emotional, aber auch auf seine eigene Art manipulativ. Ohne, dass wir es merken lenkt uns Tania Witte so, dass der Schock am Ende umso größer ist. Dass unsere Gedanken sich um andere Dinge drehen, als das, was uns letztendlich emotional in den Graben reißt. 

"Die Stille zwischen den Sekunden" ist ein richtig, richtig gutes Buch, das psychologisch arbeitet und mich emotional zerrissen hat. Ein Roman, den ich sehr gerne weiterempfehle.



Buchinfo:

Arena (2019)
296 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag
15,00 €


Rezensionen: © 2019, Nanni Eppner

10.06.19

Ein Sommer in Sommerby | Kirsten Boie




Mit Kirsten Boie aufs Land und mitten hinein ins Abenteuer: Die zwölfjährige Martha und ihre jüngeren Brüder Mats und Mikkel müssen die Ferien bei ihrer Oma auf dem Land verbringen. Und diese Oma ist ein bisschen seltsam: Sie wohnt allein in einem abgelegenen Haus, verkauft selbstgemachte Marmelade, hat kein Telefon und erst recht kein Internet. Aber Hühner, ein Motorboot und ein Gewehr, mit dem sie ungebetene Gäste verjagt. Als die Idylle bedroht wird, halten die Stadtkinder und ihre Oma zusammen und erkennen, worauf es im Leben wirklich ankommt.
(Text & Cover: Oetinger; Foto: N. Eppner)

"Ein Plädoyer für mehr Achtsamkeit im Umgang mit der Natur" schreibt der Oetingerverlag über Kirsten Boies Kinderbuch "Ein Sommer in Sommerby", worin ich absolut zustimme. Doch es geht nicht nur um einen achtsamen Umgang mit der Natur, sondern auch darum wie wichtig es ist Kindern Vertrauen und Respekt gegenüber zu bringen. Sommerby zeigt wie einfach es sein kann Kindern zu vermitteln wie wertvoll sie sind und ist die richtige Lektüre für Eltern, die sich gerne in Erziehungsratgebern verlieren.

"Ein Sommer in Sommerby" ist ein Buch für Jedermann. Ein Herzensbuch, das von Herzen kommt. 

Seit Jahrzehnten beweist Kirsten Boie, die 2006 mit dem Bundesverdienstkreuz und 2007 mit dem Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für ihr Lebenswerk ausgezeichnet, dass sie Kinder und Jugendliche ernst nimmt. Dass sie sich ihrer Sorgen annimmt und ihnen eine Stimme gibt.

In "Ein Sommer in Sommerby" verknüpft sie zwei Themen, die mir besonders am Herzen liegen. Der achtsame Umgang mit der Natur und wie wertvoll diese für Kinder und ihre Entwicklung ist. 

Als Martha, Mats und Mikkel zur Oma aufs Land, auf eine kleine Landzunge an der See, müssen, ahnen sie nicht, dass die Oma noch nie Pommes gegessen hat, keinen Fernseher benutzt und nur dann Essen hat, wenn im Vorfeld etwas dafür getan wird. Eier gibt es nur dann, wenn Mikkel die Hühner versorgt. Ein abendliches Bauernfrühstück nur dann, wenn die Oma Kartoffeln ausgemacht hat und andere Lebensmittel kauft die Oma in der Stadt, nachdem sie dort Geld durch den Verkauf von Marmelade bekommen hat. Die wiederum kann sie nur machen, wenn vorher Beeren gepflückt wurden. 

Der Kreislauf der Natur steht im Vordergrund all des Denkens und Tuns der Oma und schon bald haben auch die drei Kinder dies verinnerlicht und merken wie viel sie daraus mitnehmen können und wie viel Freude es bereitet, selbst geerntetes Obst und Gemüse zu essen. Dass es auch in der Natur manchmal etwas schwierig ist, bemerken sie spätestens bei der Maulwurfbeerdigung.

Als sie sich so richtig wohl fühlen und Martha sich vielleicht ein kleines bisschen verliebt, was sie dank fehlendem WLAN nicht mal auf Instagram teilen kann (aber das was ihre Freundinnen dort teilen, entspricht ja auch nicht immer ganz der Wahrheit, sondern ist ein bisschen aufgehübscht), da wird es plötzlich gefährlich auf Omas Land. Ein Bösewicht, der Omas Grundstück kaufen will, um dort all die schönen Bäume, Blumen und Wiesen zu vernichten und zu bauen, treibt sein Unwesen und schreckt nicht mal vor einer Kuscheltierentführung zurück.

Doch zum Glück haben Martha, Mikkel und Mats schon Freunde gewonnen und weil die Oma zwar stur ist, aber doch ein gutes Herz hat, bekommen sie Hilfe von den Bewohnern der Stadt und setzen sich zielstrebig zur Wehr.

Kirsten Boie schreibt wirklich frei vom Herzen weg. Ganz authentisch, ohne ihre Geschichte mit einem Filter zu belegen. Ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage, dass "Ein Sommer in Sommerby" ein bisschen Astrid Lindgren Atmosphäre hat. Aber eben in Kirsten Boie Ton, der hier wieder einmal ganz, ganz großartig zu Papier gebracht wurde.


Buchinfo:

Oetinger (2018)
320 Seiten
Hardcover
ab 10 Jahre
14,00 €


Rezensionen: 2019, Nanni Eppner

06.06.19

The first Empire 02. Zeitenfeuer | Michael J. Sullivan




Immer auswegloser erscheint der Aufstand der Menschen gegen ihre falschen Götter, die Fhrey. Die Magie des Feindes ist zu mächtig, die Clans der Menschen zu zerstritten. Da fasst Stammesführerin Persephone einen verzweifelten Plan: Sie will die Hilfe eines Volkes erbitten, das wie kein zweites die Kunst des Waffenschmiedens beherrscht. Doch die Dherg, vor langer Zeit unter die Erde vertrieben, knüpfen ihre Hilfe an eine unmögliche Bedingung. Persephone soll den Dämon vertreiben, der in den Tiefen der verlassenen Stadt lauert, älter und grauenhafter als die Zeit selbst …
(Text & Cover: Knaur Fantasy; Foto: N. Eppner)


Ach wie hab ich mich auf "Zeitenfeuer" gefreut. Hat mich Teil 1 "Rebellion" doch so sehr begeistern können, dass ich es in Kürze verschlang. Doch was passiert in der Fortsetzung? Gefühlt nichts.

Immer dann, wenn die Geschichte an Fahrt aufnimmt, wird der Lesefluss von Arion unterbrochen, die Suri mit schier endlosen philosophischen Lehrstunden über "die Kunst" in Grund und Boden redet.

Während mich in "Rebellion" die Charaktere, die durch Ecken und Kanten, durch Schwächen und Makel ausgezeichnet begeisterten, wirkten sie im Vergleich dazu in "Zeitenfeuer" fast farblos und Schablonenartig. Die Zwerge z.B. erfüllen alle Klischees, die ich mir in den letzten Jahren über diese Fabelwesen angelesen habe.

Seinen Humor hat Sullivan glücklicherweise nicht verloren. Eine verfügt über eine feine Ironie, mit der er auch seine Figuren zeichnet und die mir oft wie ein Spiegel der westeuropäischen Gesellschaft erscheint.

Schade, dass Sullivan mich diesmal nicht überzeugen konnte. Band 3 "Göttertod" (erscheint im September 2019), werde ich wohl nicht mehr lesen.



Buchinfo:

624 Seiten
Taschenbuch


Rezensionen: 2019, Nanni Eppner

01.06.19

Kurt | Sarah Kuttner




»Ich bin mit zwei Kurts zusammengezogen. Einem ganzen Kurt und einem Halbtagskurt. Jana und Kurt haben sich entschieden, dass sie ihr Sorgerecht teilen, vor allem wenn Kurt schon extra aufs Land zieht. Und so pendelt das Kind nun wochenweise zwischen seinen beiden Oranienburger Zuhauses hin und her: zwei Häuser, zwei Kinderzimmer, unterschiedliche Regeln und alle Menschen, die er liebt.
Und dann bin da noch ich.«
Lena hat mit ihrem Freund Kurt ein Haus gekauft. Es scheint, als wäre ihre größte Herausforderung, sich an die neuen Familienverhältnisse zu gewöhnen, daran, dass Brandenburg nun Zuhause sein soll. Doch als der kleine Kurt bei einem Sturz stirbt, bleiben drei Erwachsene zurück, deren Zentrum in Trauer implodiert.
(Text & Cover: S. Fischerverlage; Foto: N. Eppner)

Seit MTVs Kuttner (Sendung), habe ich einen Narren daran gefressen, wie Sarah Kuttner redet. Scheinbar ungebremst. Und denke darüber nach wie man es schafft so schnell zu denken. Bewundere das.

Ich mag wie sie Dinge betrachtet und wie sie ihren Senf dazu gibt. Weil es so echt ist, so nah am Leben. So wie ich es auch gern sagen würde, aber einfach nicht schnell genug reagiere.

In "Kurt" gibt sie echt Alles. Genau so kann die Realität mit Kind sein, kann eine Beziehung, kann das Leben laufen. Die Dialoge sind großartig. Der kleine und der große Kurt sind es auch.
Ich liebe die zwei. Ich könnte ihnen stundenlang zuhören, zuschauen wie sie so unkompliziert miteinander umgehen. Albern sind. Ein Team.

Und deshalb muss ich das Buch zwischendrin kurz zur Seite legen. Durchatmen, noch mal Kraft tanken. Kurz bevor es zu Kurts Tod kommt. Ich will das nicht. Ich will nicht, dass er nicht mehr da ist. Ich will nicht, dass der große Kurt derartigen Schmerz erfährt. Ich will in meinem Kopf keine Parallele ziehen zum "was wäre, wenn meine eigenen Kinder...", aber ich wusste - all das wird passieren.

"'[...] Trauer kann einen verschwinden lassen, bis man nicht mehr zurückfindet.'" (S. 170)


Ich muss weiterlesen. Kuttner macht das mit mir. Zwingt mich dazu, weil ich ihrer Schreibe, ihrem Ton, ihrem Stil verfallen bin. Mit "Kurt" mehr als zuvor. Und es gibt auch all die vielen Menschen, die "Kurt" schon gelesen haben und die mich dazu auffordern den Mut aufzubringen. Weil Mut belohnt wird und Kuttner es irgendwie schafft aus Traurigkeit Glückseligkeit zu machen. Das darf ich nicht verpassen.

Tatsächlich hab ich dann keine einzige Träne geweint, obwohl Kurts Tod sehr traurig ist. Es ist ein Gefühl in mir gewachsen, dass keine Tränen möchte, aber tief in mir ganz fest kratzt. Mich wund reibt. Doch Kuttner kriegt die Kurve. Das Leben geht ja weiter, auch wenn da plötzlich wer fehlt. Ein doofer Spruch und trotzdem stimmt er. Was nicht stimmt, ist dass die Zeit Wunden heilt. Und irgendwie will man das ja auch gar nicht. Wollen Kurt und Lena das nicht. Sie wollen den kleinen Kurt nicht vergessen, wollen sich an ihn erinnern. Auf ihre Art.

Denn jeder trauert so wie er es will. Das ist gut so und das ist auch erlaubt. Und trotz dieser Trauer, trotz eines tiefen Schmerzes, der von nun an Bestandteil des eigenen Ichs ist, kann man zurück ins Leben finden. 

Kurt und Lena sind gute zurück-ins-Leben-Finder. Es gibt keine Vorlage für diesen Weg und er ist auch kein leichter, aber diese beiden machen das ziemlich super. Natürlich läuft nicht alles glatt - so ist das Leben nun mal - aber sie geben sich nicht auf und sie lassen zu, dass es mal krumme Tage gibt.

Der Verlust von Kurt vor allem eine Achse, um die sich Lenas und Kurts Beziehung dreht. In guten wie in schlechten Tagen. In Trauer und Glück. Und Glück ist es auch, was mich überkommt, als ich das Buch zuklappe. Große Leseempfehlung.


Buchinfo:

S. Fischerverlage (2019)
240 Seiten
gebunden
20,00 €


Rezensionen: 2019, Nanni Eppner



27.05.19

Hannah und ihre Brüder | Ronald H. Balson





Bei einer Gala wird ein angesehener jüdischer Bürger Chicagos vom hochbetagten Ben Solomon bedroht und beschuldigt, ein SS-Offizier zu sein. Obwohl alles auf eine Verwechslung hinweist, engagiert Ben die Anwältin Catherine Lockhart und ihren Ermittler Liam Taggart – er ist sich sicher, seinen Ziehbruder zu erkennen, der einst Bens Familie und seine Geliebte Hannah verriet. Bei ihrer Recherche stoßen Catherine und Liam auf das Schicksal dreier Kinder im kriegszerrütteten Polen, die wie Geschwister aufwachsen und einander als Feinde wiederbegegnen. Aber beschuldigt Ben den Richtigen?(Text & Cover: Aufbau Verlag; Foto: N. Eppner)


"Hannah und ihre Brüder" spielt während der tragischsten Zeit unserer deutschen Geschichte und erzählt von Verlusten und Schuld, von Familie und Liebe.

Catherine Lockhart lässt sich von Ben Solomon dazu überreden die riskanteste Gerichtsverhandlung ihres Lebens zu führen. Sie klagt Elliot Rosenbaum an nicht der zu sein, der er vorgibt zu sein, sondern Otto Piontek. Verbrecher des Nationalsozialismus. Es steht Aussage gegen Aussage und doch ist das Gleichgewicht zwischen den beiden Männern unverhältnismäßig. Ben wird von Gefühlen geleitet, scheint etwas neben der Spur und holt sich Ratschläge bei seiner toten Frau und Rosenbaum ist Milliardär, Gönner und angesehenes Mitglied seiner Heimat. Ein spannender Zweikampf, der eine Reise in die Vergangenheit voraussetzt, beginnt.

Bücher, in denen der zweite Weltkrieg, in denen Nationalsozialismus Gegenstand der Betrachtung ist, sind wichtig und umungänglich. Balson geht dieses Thema auf eher amerikanische Art an. Er selbst schreibt in seiner Danksagung, dass es ihm um den Roman an sich geht, um Liebe und Verlust, um Familie, dass er seine Geschichte aber in einem realen Setting einbetten wollte. Egal, wie es umgesetzt wird - Nationalsozialismus muss in unseren Köpfen bleiben, um nicht nochmal so viel Gewicht zu bekommen.

Die Härte dessen, was im zweiten Weltkrieg geschehen ist, bekommen wir in "Hannah und ihre Brüder" definitiv zu spüren. Balson hat gut recherchiert und bringt die historischen Fakten gut rüber. Ich hatte das Gefühl durch die Erzählung wieder ein bisschen mehr über den Nationalsozialismus zu erfahren. Noch mehr Struktur in mein Wissen zu bringen. Vor einigen Jahren bin ich in Lublin gewesen, habe einen der Schauplätze des Romans selbst besucht und konnte daher gut mit Ben in dessen Heimat reisen. Dennoch fehlte mir während großen Teilen des Romans eindeutig die Tiefe, die mich noch emotionaler mit der Geschichte verbunden hätte.

Der Aufbau des Romans ist richtig spannend. Immer dann, wenn ich fest davon überzeugt war, dass Ben Recht hat und kein alterndes Kriegsopfer ist, das durch Traumata in falsche Erinnerungen verstrickt ist, wechselt der Autor zu Rosenbaum, der glaubwürdig versichert nicht Otto Piontek zu sein. Ein Spannungsbogen, der zum Ende hin noch mal so sehr in die Höhe schnellt, dass ich alles um mich herum vergesse. Auf den letzten Seiten gelingt es Balson auch noch mit zwei Liebesgeschichten, die verschiedene Wege gegangen sind, meine emotionale Seite zu triggern und mich zu Tränen zu rühren. Alles in Allem ist "Hannah und ihre Brüder" eine spannende Geschichte, der es zwar etwas an Tiefe fehlt, die es sich aber trotzdem zu lesen lohnt.


Buchinfo:

Aufbau (2019)
498 Seiten
ÜBERSETZUNG: Gabriele Weber-Jaric 



Rezensionen: 2019, Nanni Eppner

21.05.19

Niemals ohne sie | Jocelyn Saucier




Die Cardinals sind keine gewöhnliche Familie. Sie haben den Schneid und die Wildheit von Helden, sie haben Angst vor nichts und niemandem. Und sie sind ganze dreiundzwanzig. Als der Vater in der stillgelegten Mine eines kanadischen Dorfes Zink entdeckt, rechnet der Clan fest mit einem Anteil am Gewinn – und dem Ende eines kargen Daseins. Aber beides wird den Cardinals verwehrt, und so schmieden sie einen explosiven Plan, der, wenn schon nicht die Mine, so wenigstens die Ehre der Familie retten soll. Doch der Befreiungsschlag scheitert und zwingt die Geschwister zu einem Pakt des Schweigens, der zu einer Zerreißprobe für die ganze Familie wird.
(Text & Cover: © Insel; Foto: © N. Eppner)


2016 habe ich Jocelyn Saucier für mich entdeckt. Ihr Debüt "Ein Leben mehr" hat mich bewegt, bereichert, etwas mit mir gemacht. Kein Wunder, dass ich ein weiteres Buch der Kanadierin geradezu herbeigesehnt habe. Solche Geschichten, wie die Sauciers, machen süchtig. Kein Wunder, dass ich in Jubel verfiel, als ich las, dass eben dieses weitere Buch 2019 erscheinen würde. 

Leider sind ihre Bücher viel zu kurz, also auch viel zu schnell vorbei und eigentlich möchte ich mich nun, nach dem Lesen gerne in ein Loch verkriechen, um weiterhin Zeit mit den Cardinals zu verbringen. Auch die Cardinals haben etwas an sich, das süchtig macht. 

Die Cardinals, das sind 21 Kinder, Mutter und Vater. 

Sie sind mehr als eine Familie. Sie nennen sich bei Namen, die nur sie kennen. Sie sind ein eigenständiges System, eine Gruppierung aus Menschen, verbunden durch Blut und Geheimnisse. Sie sind der ganze Stolz ihres Vaters, der sein Leben lang so nah am Glück vorbei gearbeitet hat und ihrer Mutter, deren eigenständige Persönlichkeit sich völlig in der Mutterrolle aufgelöst hat. Die den ganzen Tag gekocht und versorgt, vor sich hin gearbeitet und gegeben hat, was sie konnte, und am Abend, wenn alles schlief ihre Runde gedreht hat, um mit Stolz und Liebe auf ihre Kinder zu blicken. 21 an der Zahl und keins verloren. Oder doch? 


"'Die Sehnsucht nach der Vergangenheit ist eine seelische Krankheit.'" (S. 136) 

Ich muss aufpassen, dass sich meine Worte nicht überschlagen. Vor Begeisterung. Weil ich so viel erzählen möchte über die Cardinals, die mich so beeindruckt haben. Weil jeder für sich so interessant ist und weil so viel in dem Buch steckt, das gerade mal 255 Seiten dick ist. So viel zwischen den Zeilen, zwischen den Worten, zwischen den Blicken, die sich die Cardinal Kinder zuwerfen, wenn sie glauben, dass sie unbeobachtet sind.

Die Cardinals gegen den Rest der Welt. In ihrem kleinen Örtchen, der verhuschten Kleinstadt, die staubig und dem Zerfall nahe, so sehr mit sich selbst beschäftigt ist, dass die Cardinals Narrenfreiheit haben. Die in ihrer Banalität, auf ihrem Weg die klassische äußere Form zu verlieren, nahe an der Grenze zum heruntergekommenen, die perfekte Kulisse bietet, für eine Familie, die so eng zusammengeschweißt ist, dass niemand diesen Ring betreten kann.

Doch dann gibt es erste Risse in der Naht. Die Cardinals geben Eindringlingen die Schuld, aber der Zerfall beginnt von innen. In den eigenen Reihen. Denn auch in diesem System gibt es Missverständnisse, Kränkungen, Sehnsüchte, die von innen heraus zerstören, was man sich für immer bewahren möchte. Familiensysteme sind schon etwas ganz eigenes. Haben ihre eigenen Geheimnisse. Ihre eigenen Strukturen. Ihre eigene Art mit Dingen umzugehen, einander zu lieben und zu schützen. Und über allem steht die Mutter, wie ein Schatten, wie ein Geist, der alles überwacht, alles sieht, scheinbar Gedanken lesen und Emotionen über Entfernungen zu spüren vermag.

"Sie war mit Ambitionen aufgewachsen, die in unserem vollgerümpelten Haus verkümmerten, weshalb sie ständig versuchte, ihm zu entfliehen, aber sie kam trotzdem immer wieder zu uns zurück, frisch wie eine Rose, lächelnd und leichtfüßig, bis Geronimo ihr ein weiteres Mal die Flügel ausriss." (S.175)

Wieder hat mich Saucier beeindruckt. Mit ihrer Wortwahl, mit ihrem Erzählstil, in dem sie verschiedene Erzähler zu Wort kommen lässt, den Ball von einem Cardinal zum nächsten spielt, und damit verdeutlicht was ein Blickwinkel doch ausmacht. Und mit der Geschichte an sich. Ich glaube ich kann mich nicht satt reden an dem, was ich im Buch entdeckt habe und noch weniger an meiner Begeisterung. Große Leseempfehlung für "Niemals ohne sie".


Buchinfo:

Insel (März 2019)
255 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag
20,00 €
ÜBERSETZUNG: Sonja Finck und Frank Weigand


Rezensionen: © 2019, Nanni Eppner

15.05.19

Fitz Fups muss weg | Lissa Evans




Durch die Kellertreppe fällt Phine in ein Land voller merkwürdiger bunter Bewohner, die von einem missmutigen Herrscher unterdrückt werden. Fitz Fups ist groß, rot und sieht seltsamerweise genauso aus wie das Lieblingskuscheltier von Phines Schwester.
Zusammen mit ihrem nervigen Cousin, einer sprechenden Plastikkarotte und einem Plüschelefanten mit Hang zur Dramatik stürzt Phine sich in ein spannendes Abenteuer.
Denn eins ist klar: Fitz Fups muss weg und das so schnell wie möglich!
(Text & Cover: © Mixtvision; Foto: © N. Eppner)


Bücher und Geschichten sind wichtig. Für Erwachsene, aber noch mehr für Heranwachsende. Bücher helfen zu verstehen. Bücher inspirieren. Bücher geben der Fantasie einen Freiraum, um sich zu entfalten. All das bringt "Fitz Fups muss weg" mit. Auf eine sehr unterhaltsame, witzige und intelligente Art und Weise, die mich mehr als begeistert hat.

Phine ist ein aufgewecktes Mädchen mit wachem Verstand, deshalb ist ihr schnell klar, dass während des Gewitters in einer Fantasiewelt gelandet ist. Nicht in irgendeiner, sondern einer ihr sehr wohl vertrauten. Einer Fantasiewelt, die bedroht wird von einem mächtigen Herrscher, der seinen Willen durchsetzen möchte, und dabei eine ganze Welt ins Verderben reißt.

Kommt dir vielleicht bekannt vor? Ja richtig, Fitz Fups ist ein grausamer Diktator. Naja, ganz ernst zu nehmen sind seine Vorstellungen wie die Welt um ihn herum funktionieren soll eigentlich nicht, aber trotzdem folgen alle seinen Befehlen. Aus Angst? Aus Unwissenheit? Aus Lethargie oder Faulheit eigene Gedanken zu fassen? Fitz Fups und seine Untertanen erfüllen damit alles, was wir auch aus der Realität, aus der Historie über diktatorische Systeme wissen. "Fitz Fups muss weg" erklärt auf spielerische und humorvolle Art, was eine Diktatur bedeutet und wie wichtig es ist, nicht einfach hinter vorgegebenen angeblichen Wertvorstellungen herzulaufen oder blindlings die Lebensvorstellungen anderer mitzugehen oder nachzuahmen.

Phine ist nicht die einzige Hauptperson des Kinderbuches, das absolut Erwachsenentauglich, ja eigentlich von Jederfrau und Jedermann gelesen werden sollte. Es gibt da noch diesen Jungen, der vor allem Angst hat, der immer auf Nummer sicher gehen will, der deshalb nie an der frischen Luft spielt, der keine wilden Spiele und schon gar nicht mit anderen Kindern spielt. Der ein therapeutisches Spielzeug hat, dem er sein Leid klagt und das ihn in Stresssituationen beim Atmen unterstützt. Ein ganz armes Würstchen. Was ist eine Kindheit ohne Abenteuer? Ohne auf Bäume klettern? Ohne in Pfützen springen? Ohne Fahrrad fahren mit Beinen in der Luft? Vor allem ohne andere Kinder? 

Doch dann passiert etwas seltsames und der Junge nimmt all seinen Mut zusammen. Mutig sein ist toll. Anderen beistehen können noch viel besser. Und Abenteuer sind ganz großartig. So großartig, dass ein aufgeschrammtes Knie gerne in Kauf genommen wird. Im Zweifel nimmt man sich eben einen Lifecoach zur Seite (Insider, den du erst verstehst, wenn du das Buch gelesen hast).

"Fitz Fups muss weg" ist so ein großartiges Buch. Humorvoll, stark, wertvoll (auch pädagogisch wertvoll, aber auf sehr angenehme Weise). Ich wünsche diesem Buch ganz, ganz viele begeisterte Leserinnen und Leser jeden Alters. 


Buchinfo:

Mixtvision (2019)
320 Seiten
15,00 €
ab 9 Jahre
ÜBERSETZUNG: Elisa Martins


Rezensionen: © 2019, Nanni Eppner 

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