05.09.17

Der Junge auf dem Berg - John Boyne




Als Pierrot seine Eltern verliert, nimmt ihn seine Tante zu sich in den deutschen Haushalt, in dem sie Dienst tut. Aber dies ist keine gewöhnliche Zeit: Der zweite Weltkrieg steht unmittelbar bevor. Und es ist kein gewöhnliches Haus: Es ist der Berghof – Adolf Hitlers Sommerresidenz.
Schnell gerät der Junge unter den direkten Einfluss des charismatischen Führers. Um ihm seine Treue zu beweisen, ist er zu allem bereit – auch zum Verrat.
(Text & Cover: © S. Fischer; Foto: © N. Eppner)


Vor vielen Jahren habe ich mit Begeisterung den sehr bewegenden Roman "Der Junge im gestreiften Pyjama" gelesen. Ich habe mir das Buch von meinem damals 14-jährigen Nachbarsjungen ausgeliehen, der den Roman als Schullektüre gelesen hat und sehr berührt war von dem fiktiven Bericht des kleinen jüdischen Jungen Bruno. Neben der Geschichte war es vor allem der naive Erzählton des 9-jährigen Protagonisten, der zu starkem Mitgefühl und der Unbegreiflichkeit der Gräueltaten des zweiten Weltkriegs, geführt hat.

Diesen naiven Ton greift Boyne nun wieder auf, trifft aber nicht so recht die gleiche Nuance. Es kommt zu einer deutlich blasseren Schattierung was den Protagonisten betrifft, der sehr kluge Bücher liest, sehr viel Verständnis für seinen Vater, einen Kriegsveteranen aufbringt und einen recht guten Blick auf sein Umfeld hat und dann wiederum fast dümmlich daherkommt.

Pierrot, so lautet sein Name, scheint relativ glücklich zu sein, obwohl er im Waisenhaus landet und obwohl seine Kindheit überlagert war vom Schatten, den der Vater aus dem ersten Krieg mit nach Hause gebracht hat. So richtig gut geht es ihm dann, als er auf dem Berghof der Tante einzieht. Denn der gehört dem netten Herrn Hitler, der sich um Pierrot, der nun Peter heißt, kümmert und seine Klugheit erkennt.

Gemeinsam mit Binea vom Blog Literatwo habe ich ausgiebig über das Buch diskutiert. Wir beide hatten uns einen ähnlich bewegenden Roman wie "Der Junge im gestreiften Pyjama" erhofft und sind ein wenig enttäuscht, das Boyne diesem nicht so Recht das Wasser reichen kann. 

Es ist nicht nur der Erzählton, der hier eher disharmonisch wirkt, sondern vor allem Pierrot, der farblos und blass bleibt. Er gerät in die Fänge eines Mannes, der weiß wie Manipulation abläuft. Hitler lässt Pierrot nach seiner Pfeife tanzen, ohne dass dieser merkt, dass er sich am Abgrund der Menschlichkeit bewegt. Sein Handeln führt zum größten Schockmoment des Romans.

Boyne zeigt, dass es keinem bestimmten Hintergrund bedarf, um der Manipulation eines Menschen zu erliegen. Es ist egal, ob du ein gutes oder schlechtes Leben führst, ob du arm oder reich bist, glücklich oder traurig - prüfe genau welchen Parolen du folgst, bevor du sie ebenfalls in die Welt hinausschreist. Binea und ich waren uns nicht sicher, ob Boyne will, dass wir Mitleid mit Pierrot haben oder ob wir ihn einfach nur hassen sollen. Letztendlich ist er ein dummer Junge, der einem Mann nachgeeifert hat, der viel, viel, viel zu viele Menschen in den Tod gestürzt hat. 

Die Darstellung Hitlers ist sehr glaubwürdig. Obwohl er eine historische Persönlichkeit ist, ist er in seinem Charakter zeitlos. Aktuell gibt es wieder viel zu viele Fanatiker wie ihn und viel zu viele dumme Jungen (und Mädchen) jeden Alters, die Religionen, fanatischen Überzeugungen und politischen Betrügereien folgen, ohne sich einen eigenen Überblick zu verschaffen. Wir alle sind manipulierbar, doch wir können uns davor schützen. Indem wir mit offenen Augen durch die Welt gehen, indem wir uns für unsere Mitmenschen interessieren und durch Aufklärung. Und genau dafür brauchen wir Bücher wie "Der Junge auf dem Berg".


Buchinfo:

S. Fischer (2017)
304 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag
16,99 €
ÜBERSETZUNG: Ilse Layer
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© Rezension: 2017, Nanni Eppner

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