27.04.18

Die Phantasie der Schildkröte | Judith Pinnow




Was passiert, wenn ein Kind das Leben einer Erwachsenen in die Hand nimmt?
Edith ist Mitte vierzig und wohnt allein in einer kleinen Wohnung in Köln. Ihr Leben verläuft in sehr engen Bahnen. Tagsüber arbeitet sie bei einer Versicherung, abends schaut sie Fernsehen. Außer zu ihrer Mutter, mit der sie sich pflichtschuldig einmal im Monat trifft, um sich von ihr kritisieren zu lassen, hat sie kaum Kontakte. Das ändert sich, als sie mit einer Zehnjährigen im Aufzug stecken bleibt. Die Kleine beginnt ein raffiniertes Spiel mit ihr, der Beginn einer sehr ungewöhnlichen Freundschaft. Jeden Tag muss Edith eine neue Aufgabe erledigen, und ihr Leben verändert sich dabei mehr als sie es je für möglich gehalten hätte.
Eine poetische Geschichte über die Kraft des Wünschens.
(Text & Cover: © S. Fischerverlage; Foto: © N. Eppner)


Wer ein herziges Wohlfühlbuch sucht, das dazu anregt die eigene Lebenseinstellung zu überdenken, der sollte unbedingt zu "Die Phantasie der Schildkröte" greifen. 

Ediths Leben ist sehr geregelt. Sie weiß ganz genau, wann welche Aktivität ansteht, wann sie welche Sendung anschaut und wann sie welches Essen zubereitet. Das vereinfacht ihr Leben. Zumindest augenscheinlich, denn passiert etwas Unverhofftes, dann wirft es sie so sehr aus der Bahn, dass sie nicht weiß, wie sie damit umgehen oder die Situation retten soll. Was das betrifft ist sie dem Held ihrer Lieblingsfernsehserie "Monk" gar nicht mal unähnlich.

Eines Morgens begegnet sie im Fahrstuhl einem Mädchen. Einem sehr dreisten kleinen Mädchen, das ihr von nun an eine ganze Flut an irrsinnigen Aufgaben stellt, die Ediths Leben gehörig auf den Kopf stellen. 

Ich habe "Die Phantasie der Schildkröte" so richtig gern gelesen. Das Buch hat mir einfach große Freude bereitet und lässt die Herzen aufgehen. Judith Pinnow hat einen herrlichen Humor. Nimmt ihre Protagonistin Edith gern mal ein bisschen hoch und neigt zu einer gewissen Ironie, die mich daran erinnert, dass ich nicht alles im Leben so kritisch betrachten und manche Sichtweise auflockern sollte. Manchmal ist es nicht schlecht sich an der Perspektive eines Kindes zu orientieren. Unvoreingenommen und neugierig zu sein.

Edith ist eine wunderbare Protagonistin. Sie ist unsicher, weil sie von ihrer Mutter ständig kritisiert wird und mit wenig bis keiner positiven Verstärkung aufgewachsen ist. Vor Männern hat sie eine gewisse Scheu, denn die haben in ihrem Leben keine Rolle gespielt. Sie hat weder Kontakt zum eigenen Vater, noch zu dem der Mutter, denn die beiden liegen seit Jahren im Clinch. 

Das kleine Mädchen, das Schneewittchen genannt werden möchte, ist so etwas wie Ediths Lebensretterin. Sie hilft ihr sich dem Leben zu stellen. Dinge anzugehen, die sie vorher mehr oder weniger geschickt umschifft hat. Es ist, als komme mehr und mehr Farbe in Ediths Leben. Als könne sie klarer sehen. Bunter denken. 

Wir alle haben unsere kleinen Schneckenhäuser, die wir uns über Jahre aufgebaut haben. Komfortzonen, in denen wir uns wohl und sicher fühlen. Doch was machen sie wirklich mit uns? Bereichern sie unser Leben? Sorgen sie dafür, dass wir uns gut fühlen? Oder ist es einfach nur bequem dort zu verweilen? 

"Die Phantasie der Schildkröte" regt zum Nachdenken an. Möchte, dass wir uns und unseren Lebensweg einmal genauer betrachten. Wo sind wir sehr eingefahren? Wo können wir einen Schritt nach vorn wagen? Wo müssen wir mal wieder über unseren Schatten springen, um etwas zu erleben? Wer etwas wagt, wer Ängste besiegt, wer Mauern überwindet, gewinnt an Kraft, Mut und Stärke. Das ist nicht immer leicht, aber genau das, was unser Leben, unsere eigene Persönlichkeit bereichert und wachsen lässt.


Buchinfo:

S. Fischer (2017)
416 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag
19,99 €

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Rezension: © 2018, Nanni Eppner



Kommentare:

  1. Ohhh, das ist ein Tine-Buch, oder? Oder? ODER????

    Es wandert auf jeden Fall sofort auf meine Wunschliste, die übrigens ganz schön lang ist. ;)

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    1. Ja, das dürfte dir auch gefallen :)

      Same here :D Und nicht nur die Wunschliste. Auch der SuB platzt gerade aus allen Nähten. Wir müssten mal wieder lesemarathonisieren ;)

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  2. Vielleicht bekommen wir im Mai oder Juni doch noch einen Lesetag bei dir hin?
    Du kannst ja mal in deinen Kalender gucken.
    Eigentlich MÜSSEN wir das noch schaffen.

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