26.07.18

Nur einen Horizont entfernt | Lori Nelson Spielman




Mit zittrigen Fingern öffnet die TV-Moderatorin Hannah Farr einen Brief. Der Absender ist eine ehemalige Schulfreundin, die sie jahrelang gemobbt hat. Die Frau bittet sie nun um Vergebung. Dem Brief beigelegt sind zwei kleine runde Steine und eine Anleitung. Einen Stein soll sie als Zeichen dafür zurücksenden, dass sie ihrer früheren Klassenkameradin vergibt. Den anderen soll sie an jemanden schicken, den sie selbst um Verzeihung bitten möchte. Hannah weiß sofort, wer das sein könnte: ihre Mutter. Aber soll sie wirklich zurück zu den schmerzhaften Ereignissen von damals und die Auseinandersetzung mit dem Menschen suchen, der sie am besten kennt? Denn Hannah hat etwas getan, das das Leben ihrer Mutter für immer verändert hat …
(Text & Cover: © S. Fischerverlage; Foto: © N. Eppner)


Dies war der zweite Roman der Autorin Lori Nelson Spielman, den ich mit kritischen Augen zur Hand genommen und dann innerhalb kürzester Zeit weggelesen habe. Wie vor dem Lesen von "Morgen kommt ein neuer Himmel", hatte ich auch hier das Gefühl, dass ich einer Geschichte begegnen werde, die mir eigentlich gar nicht gefallen kann, weil sie sicher zu seicht, zu kitschig, zu banal sein und sowieso nur als leichte Sommerunterhaltung dienen wird. Und wieder wurde ich von Spielman eines besseren belehrt.

"Nur einen Horizont entfernt" ist großartig. Es ist gefühlvoll. Es stimmt nachdenklich und das auf eine Art, die ich beste Unterhaltung nennen würde. Die Charaktere sind sympathisch und unsympathisch. Sie haben Macken, Ecken und Kanten und dürfen Fehler machen. Sie sind authentisch, liebenswert und ganz nah an uns Lesern dran.

Lori Nelson Spielman nimmt sich in diesem Roman dem Thema Vergebung an. TV-Moderatorin Hannah wird von einer ehemaligen Schulkameradin darum gebeten ihr zu vergeben, dass sie Hannah früher gemobbt hat. Und auch wenn wir alle so leicht Sätze wie "Schwamm drüber" oder "ist längst Geschichte" von uns geben, ist es sicher keine einfache Sache zu vergeben. So richtig zu vergeben und nicht nur oberflächlich zu tun als ob. Denn zu vergeben bedeutet nicht nur sich mit den Taten des Gegenüber auseinanderzusetzen, sondern auch mit sich selbst.

Das passiert auch Hannah, denn plötzlich ändert sich ihre Position. Sie ist nicht mehr länger diejenige, die um Vergebung gebeten wird, sondern diejenige, die um Vergebung bittet. Ihre Mutter, zu der sie seit Jahren keinen Kontakt mehr hat. Von der sie sich in ihrer Jugendzeit so schmerzlich enttäuscht fühlte und deren Lebensgefährten sie etwas angehängt hat, dass vielleicht gar nicht der Wahrheit entspricht.

Spielman hat das Thema Vergebung mit all seinen Tücken und Härten so gefühlvoll und realistisch aufgezeichnet, dass es mir noch lange nachhängt. Ich bin mir sicher, dass ich in der Lage bin zu vergeben, ich weiß aber auch, dass ich sehr nachtragend bin und mich sehr schnell von Leuten distanziere, die meiner Meinung nach für mich falsch handeln. Spielman spiegelt unsere eigene Realität und ich bin mir sicher, dass jeder von uns beim Lesen an irgendeinen Menschen aus dem privaten Umfeld denken muss, den man gerne um Vergebung bitten würde, sich aber nicht traut. Oder von dem man sich wünschen würde, um Vergebung gebeten zu werden. Spielman schreibt vom Mut zu verzeihen, vom Mut auf Menschen zuzugehen und vom Mut sich mit den eigenen Wünschen und Träumen auseinanderzusetzen. Und das auf so wundervolle Art und Weise, dass ich ihren Roman "Und nebenan warten die Sterne" direkt hinterher inhaliert habe. In Form eines Hörbuchs, das ich dank Inhalt und Sprecherin ebenfalls empfehlen kann.


Buchinfo:
384 Seiten 
Taschenbuch
9,99 €
ÜBERSETZUNG: Andrea Fischer


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