31.10.18

Bannwald | Julie Heiland




Ich hasse den Wald. Ich hasse ihn aus tiefstem Herzen. Er tut so, als wäre er mein Zuhause. Aber das ist er nicht. Er ist mein Gefängnis.
Sie können nicht töten – als Anhänger der weißen Magie erschaffen sie nur. Seit Generationen lebt der friedliche Stamm der Leonen gefangen im Wald, gewaltsam unterdrückt vom Stamm der mörderischen Tauren.
Als die 17-jährige Robin auf den jungen Tauren Emilian trifft, ist sie sich sicher, dass er sie töten wird. Doch Robin gelingt es zu fliehen – scheinbar. Erst später wird ihr bewusst: er hat sie laufen lassen. Warum?
Als Robin dann ein Reh mit der bloßen Kraft ihrer Gedanken tötet, ist sie zutiefst erschüttert. Was ist mit ihr?
Robin trägt ein Geheimnis in sich, und es gibt nur einen, der davon weiß – ihr größter Feind.
Wie es dazu gekommen ist? Wie es immer zu so etwas kommt. Die Starken wittern die Macht und bezwingen die Schwachen. Wir, der Stamm der Leonen, sind Anhänger der weißen Magie. Die Magie der Natur. Wir heilen, wir erschaffen, wir tun Gutes.
Die anderen, der Stamm der Tauren, haben sich der schwarzen Magie verschworen. Sie herrschen kaltblütig, sie vernichten, sie töten. Auch uns. Aber das werde ich nicht länger zulassen.
(Text & Cover: © Fischerverlage; Foto: © N. Eppner)


Vor einiger Zeit habe ich "Pearl" von Julie Heiland zu lesen begonnen und es nach wenigen Seiten abgebrochen. Zu kitschig, zu vorhersehbar. Daher war meine Skepsis, ob sie mich mit "Bannwald" ihrem Debüt überhaupt begeistern kann, ziemlich groß. 

Anders als "Pearl" konnte mich "Bannwald" relativ schnell fesseln und bis zum Ende gut unterhalten, obwohl mir zwischendurch der Sog, der dazu führte, dass ich die ersten 100 Seiten inhalierte, wieder verloren ging. Am Ende gibt es jedoch einige offene Fragen, mit denen Julie Heiland ihre LeserInnen neugierig macht auf die beiden Bände, die noch folgen. "Bannwald" ist rein handwerklich der perfekt als Auftakt einer Trilogie.

Da hat Julie Heiland, die schon kreatives Schreiben unterrichtete, bevor sie selbst überhaupt einen Roman veröffentlichte, einiges richtig gemacht. 

Der Bau ihrer Welt hat mich allerdings etwas irritiert bzw. hat mich das Setting nicht so sehr eingenommen, wie ich es mir gewünscht hätte. Anfangs hatte ich häufig das Gefühl, dass ich einem Logikfehler aufgesessen bin, aber Heiland gibt erst nach und nach Informationen zur Welt der Sternenvölker preis und fühlt damit die Lücken, die ich vermutete. Warum ich damit nicht so warm wurde, kann ich gar nicht so richtig sagen. Ist vielleicht einfach Geschmackssache.

Die Figuren sind okay, aber nichts außergewöhnliches. Es gibt welche, die man mag, und welche, die unsympathisch sind. Besonders gut gelungen ist die Art wie wir sie kennenlernen. Häppchenweise, immer mal auf einer falschen Fährte wandelnd. 

Heiland kann spannend schreiben - keine Frage - dennoch ist "Bannwald" kein volle Sternezahl - Buch für mich, sondern einfach nette Unterhaltung.


Buchinfo: 

352 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag
16,99 €




Rezensionen: © 2018, Nanni Eppner

20.10.18

[Fantasy Neuerscheinungen 2018] Oktober - Dezember






 Ich kann gar nicht glauben, dass ich heute schon den letzten Neuerscheinungsbeitrag für 2018 schreibe. Ist mir doch so, als habe das Jahr gerade erst begonnen. Gefühlt habe ich mich gerade erst daran gewöhnt 2017 durch 2018 zu ersetzen und schon steuern wir auf 2019 zu. Nur noch etwas mehr als zwei Monate, dann ist schon wieder Weihnachten.

Wer sich schon Gedanken über den Bücherwunschzettel fürs Weihnachtsfest macht, ist hier also genau richtig. Im folgenden Beitrag stelle ich einige Bücher vor, die ich noch nicht gelesen habe, deren Beschreibung mich aber so sehr anspricht, dass ich in Erwägung ziehe sie zu lesen.

Vielleicht ist ja auch was für dich dabei.

Da Bücher kein Ablaufdatum haben, empfehle ich dir auch in älteren Neuerscheinungsbeiträgen zu stöbern. Hier findest du die Listen für 2018, 2017 und 2016.





Berlin: Rostiges Herz | Sarah Stoffers | Amrûn


Eigentlich schreibe ich ja immer meine eigenen Gedanken zu den einzelnen Büchern auf, aber ich finde, dass der Klappentext zu diesem Roman so spannend klingt, dass ich ihn unbedingt im Original übernehmen möchte (Text: © Amrûn):
Berlin, die rastlose Stadt am Meer. Hier ragen die Türme der Zauberer bis in den Himmel. Im Schein der Glühlichter werden rauschende Partys gefeiert. Zucker wird in Gold aufgewogen und die Geheimpolizei wacht über den zerbrechlichen Frieden zwischen Zauberern und Erfindern. 
Die Erfinderin Mathilda liebt ausgerechnet Rosa, die Tochter des magischen Großmeisters von Berlin. Genau wie der Zauberlehrling Fidelio. Beide wollen Rosa auf deren Geburtstagsparty ihre Gefühle gestehen, doch sie sind nicht die einzigen mit Plänen für den Abend. Ein Mörder hat sich unter die Gäste gemischt. Die Erfinder planen eine Rebellion gegen die Zauberer. Und tief unter der Stadt liegt ein uraltes Geheimnis verborgen.
Ich finde das klingt so interessant. So als ob das Buch voller Ideen und überraschenden Handlungen steckt, dass ich es unbedingt lesen möchte.


"Aubrine. Erhebe deine Stimme" | Mia Faber | Amrûn


Ein weiterer dystopischer Titel aus dem Amrûn Verlag, der nach unvorhersehbaren Handlungen klingt.

Als Setting dient eine Erde, die perfekt klingt. Umweltverschmutzung und Gewalt gehören der Vergangenheit an. Alles scheint in Ordnung.

Verbrecher wurden in Strafkolonien auf dem Mond verlegt und sind somit keine Gefahr mehr. Doch dann bricht Aubrine, eine junge Frau, aus dem Gefangenenlager aus, um ihr Recht zu fordern und ihre Stimme zu erheben.

So viel zum Inhalt. Seit ich den Klappentext gelesen habe, frage ich mich was es sein kann, dass diese Aubrine dazu bringt auszubrechen, was sie überhaupt erst ins Gefängnis gebracht hat und gegen was sie nun aufbegehren möchte, wenn die Welt doch nun perfekt ist.




Vor Theos Fenster hält ein Dreimaster und heraus steigt ein waschechter Pirat. Theo wird von ihm und seiner Crew auf die Sieben Weltmeere entführt, um dort so manches Abenteuer zu bestehen.

Obwohl ich dem Alter der Zielgruppe entwachsen bin, lese ich sehr gerne Phantastik für Kinder. Von diesen Büchern des Genres erwarte ich eine fantasievolle Geschichte, die Lust auf Abenteuer macht, in der es um Mut geht und darum, wie Kinder über sich selbst hinauswachsen und ihre Ängste besiegen können. 

All das erhoffe ich mir von "Theo und das Geheimnis des schwarzen Raben". Der Klappentext macht Hoffnung, dass diese Erwartungen erfüllt werden.



"Codename Rook. Die übernatürlichen Fälle der Agentin Thomas" | Daniel O'Malley | Blanvalet



Als Mynfanwy Thomas aus der Bewusstlosigkeit erwacht, ist sie umgeben von Leichen und findet einen Brief, den sie scheinbar selbst geschrieben hat. Darin steht, dass sie eine Rook ist. Eine Agentin, die gegen übernatürliche Bösewichte kämpft.

Klingt ein bisschen nach einer Story á la Men in Black und soll auch ähnlich humorvoll sein. Phantastik mit Humor und Urban Fantasy sind nicht immer was für mich, aber dieses Buch klingt ganz unterhaltsam.








"Dungeon Planet" | Tobias O. Meißner | PIPER



Tobias o. Meißner zählt zu meinen erklärten Lieblingsschriftstellern der Phantastik. Er hat einen starken Schreibstil von literarischer Qualität. Übt - mal mehr, mal weniger offensichtlich - Kritik an der Gesellschaft, an Systemen und Strukturen. Nichts was man eben mal runterliest, aber etwas, das lange im Kopf bleibt.

Ideal also, um endlich auch mal Science Fiction auszuprobieren. Ein Untergenre, an das ich mich bisher noch nicht so recht rangetraut habe, weil ich immer ein bisschen Sorge habe, dass es mir zu technisch ist. Zu überladen mit Computergedöns und Themen, die mich nicht interessieren.

In seinem neusten Roman dreht sich alles um die Gameshow Dungeoncrawler, die auf dem Planet Laurel stattfindet und die Teilnehmer in düsteren Ebenen an die Grenzwege zwischen Leben und Tod führen. Nicht jeder Teilnehmer überlebt das Spiel. Protagonist Jephron scheint verrückt, als er auf die Bitte einer Teilnehmerin sie zu begleiten eingeht, und wieder ins Spiel einsteigt.



"Die Krone der Dunkelheit" | Laura Kneidl | PIPER



Die noch sehr junge deutsche Autorin Laura Kneidl hat schon etliche Romane geschrieben, eine gute Basis an Fans und dadurch und ihre Sympathie eine gewisse Social Media Präsenz erarbeitet. 

Auch mir ist sie so ins Auge gestochen und ich habe schon einen ihrer Romane gelesen, der mir sprachlich ganz gut gefiel, aber nicht so ganz mein Thema getroffen hat. Nun gibt es mit "Die Krone der Dunkelheit" einen High Fantasy Roman, der schon Anfang des Monats erschienen und einige richtig gute Kritiken bekommen hat. 

Prinzessin Freya lebt in Thobria, der Welt der Menschen, in der Magie verboten ist. Seit Jahren ist sie auf der Suche nach ihrem Zwillingsbruder, der entführt wurde. Eine Spur führt sie nach Melidrian, einem Nachbarland, das von schrecklichen Kreaturen bewohnt wird.

Zeitgleich kommt eine weitere Protagonistin ins Spiel. Eine Rebellin, die zur Strafe ebenfalls nach Melidrian reisen muss. 

Zwei starke Frauen Figuren vor einer Welt, die zur Bedrohung wird. 



"Die Sprache der Dornen" | Leigh Bardugo | Knaur Fantasy




In diesem Jahr habe ich von Leigh Bardugo die Dilogie "Das Lied der Krähen" und "Das Gold der Krähen" gelesen und ich kann jetzt schon sagen, dass es zwei absolute Jahreshighlights waren.

Umso erfreulicher, dass ein weiteres Buch der Autorin erscheint, dass in der Welt der Krähen spielt.m.. ....

"Die Sprache der Dornen" ist eine Sammlung von Geschichten. Geschichten wie sie abends am Lagerfeuer erzählt werden. Magisch, märchenhaft und voller Spannung. 

Ein Buch, das mir genau richtig erscheint für den kommenden Winter.



FORTSETZUNGEN:




 






 



"Seidenkrieger 02: Die Götter von Dara" | Ken Liu | Knaur Fantasy







"Eiswelt" | Jasper Fforde | Heyne


Eine Welt, in der Eiszeit herrscht und die Menschheit im Winterschlaf liegt. Bewacht von den Winterkonsuln, die darauf acht geben, dass die Bestien aus der Dunkelheit nicht bis zu den Menschen vordringen. 

Protagonist Charlie ist ab sofort auch einer der Winterkonsuln. Hat dort eine Stelle angenommen. Ein Kampf um Leben und Tod, den er nur gewinnt, wenn er nicht einschläft.


Bei schlafen muss ich immer sofort an Dornröschen denken und daher erwarte ich eine etwas märchenhafte Geschichte. Nicht romantisch, blumig, märchenhaft mit Glitzerfeen, sondern düster und gefährlich, voller Spannung.


"Wie Eulen in der Nacht" | Maggie Stiefvater | Knaur Fantasy


Maggie Stiefvater ist für mich eine der Autorinnen, die aus einer scheinbar harmlosen Geschichte einen Roman voller Atmosphäre und neuer Ideen schaffen kann und Figuren entwirft, die im Gedächtnis bleiben wollen. 

Auch "Wie Eulen in der Nacht" wird als atmosphärischer Roman angekündigt. Düster - atmosphärisch.

Thematisch hat sich Maggie Stiefvater an Wunder herangewagt. Sie kreiert eine Familie, die Wunder wirkt. Doch was, wenn man in ein Wunder eingreift?

Ich glaube, dass es hier neben einer magischen Geschichte viel um Schicksal geht. Ein Thema, das man spannend umsetzen kann.



"Waffenschwestern. Das erste Buch des Ahnen" | Mark Lawrence | S. Fischerverlage TOR



Eine der besten Figuren der Phantastik ist Jorg von Ankrath. Protagonist in "Der Prinz der Dunkelheit". Böse, unsympathisch, düster. Ein Charakter ohne Charakter. Scheinbar. Denn hinter seinem Verhalten steckt so viel mehr. 

Als ich gelesen habe, dass Mark Lawrence neue Trilogie bei Fischer TOR veröffentlicht wird, bin ich in große Freude ausgebrochen. Wie genial ist es, dass es endlich was Neues von ihm in deutscher Übersetzung gibt? Meine Erwartungen sind selbstverständlich sehr hoch.

Vor allem, da diesmal eine Frau im Mittelpunkt steht. Eine Mörderin. Eine Figur, die den Leser herausfordern wird, weil sie aufgrund Verhalten und Denkweise in keine Schublade passt. Ich glaube hier kommt richtig was auf uns zu.





FORTSETZUNGEN:



 


"Die Phileasson Saga 06: Totenmeer" | Bernhard Hennen & Robert Corvus | Heyne
"Die Licanius Saga 02: Das Echo der Zukunft" | James Islington | Knaur Fantasy









"Schwarzschwinge 01: Im Zeichen des Raben" | Ed McDonald | Blanvalet



Das Cover macht mich neugierig. Düster, schwarz-grau Töne und ein Rabe. Bote der Totenwelt.

Auch der Inhalt dreht sich um Mord, um Rache, um Bestrafung, um den Tod. Protagonist Ryhalt Galharrow ist da in etwas reingeraten, dass er gerne abstreifen würde. Vor allem, seit er seine Jugendliebe wiedergetroffen hat. Doch kann er sich einfach so von dem abwenden, was er bisher getan hat oder steckt er schon so tief drin, dass die Götter andere Pläne mit ihm haben?

Ich hoffe die Geschichte ist so düster wie ich es mir wünsche. Dann passt das Buch perfekt in die Winterzeit.





Fortsetzungen:




"Das Erbe der Weitseher 03: Beschützer der Drachen" | Robin Hobb | Penhaligon



Welches Buch sollte ich dringend noch auf meine Wunschliste setzen? Welches der vorgestellten landet nun auf deiner?

09.10.18

Der Zopf | Laetitia Colombani




Die Lebenswege von Smita, Giulia und Sarah könnten unterschiedlicher nicht sein. In Indien setzt Smita alles daran, damit ihre Tochter lesen und schreiben lernt. In Sizilien entdeckt Giulia nach dem Unfall ihres Vaters, dass das Familienunternehmen, die letzte Perückenfabrik Palermos, ruiniert ist. Und in Montreal soll die erfolgreiche Anwältin Sarah Partnerin der Kanzlei werden, da erfährt sie von ihrer schweren Erkrankung.
Ergreifend und kunstvoll flicht Laetitia Colombani aus den drei außergewöhnlichen Geschichten einen prachtvollen Zopf.
(Text & Cover: © S. Fischerverlage; Foto: © N. Eppner)


Drei Frauen, drei Schicksale. Drei Kämpfe ums Überleben, um Anerkennung, um Bedürfnisse, um Rechte, die ihnen abgesprochen werden, weil sie Frauen sind.

Smita lebt in einem indischen Slum. Sie leert die Toilettenvorrichtungen reicher Menschen, sitzt abends kotzend und stinkend am Straßenrand und wünscht sich nichts sehnlicher, als ihrer Tochter dieses Schicksal ersparen zu können. Doch das Kastensystem ihrer Religion spricht dagegen. Wessen Eltern in eine Kaste hineingeboren sind, der hat auch dort zu bleiben. Regelverstöße werden bestraft. Meist sind es die Frauen, die diese Strafe austragen müssen. Hat ein Mann gegen die Gesetze verstoßen ist es seine Frau, seine Tochter, seine Schwester, die eine entsprechende Bestrafung hinnehmen muss. Wenn ich Bestrafung sage, meine ich legale Vergewaltigung. Manchmal von mehreren Männern über Tage hinweg.

Ich war schockiert, als ich das gelesen habe. Welchen Luxus genießen wir doch in der westlichen Welt. In unserer Demokratie, in der wir mitentscheiden können, in der wir eine Wahl haben und in der wir Frauen zumindest annähernd alles erreichen können, was wir wollen. Ich muss gestehen, dass mir dieses Ausmaß menschenverachtenden Verhaltens nicht bewusst war.

Dass es auch in scheinbar modernen Gesellschaften immer noch einen tiefen Graben zwischen Ansprüchen, Anerkennung und Leistungen von Männern und Frauen gibt, verdeutlicht uns die Geschichte von Sarah. Als Partnerin in einer Kanzlei gibt sie alles und noch viel mehr. Sie verleugnet Mutter zu sein, lebt für ihren Beruf, organisiert ihre Familie im Hintergrund mit Hilfe eines Kindermädchens (in dem Fall Kinderbübchen) und verheimlichte sogar ihre Schwangerschaften. Ausschlaggebend für diese Handlungen ist ihre Angst davor, dass ihr das Mutter sein, ja sogar das Frau sein, als Schwäche ausgelegt werden könnte. Basierend auf Vorurteilen wie Frauen sind schwach, Mütter haben zu viele Fehltage, sie konzentrieren sich nicht auf ihren Job, sondern auf ihre Familie usw. Vorurteile, die Sarahs Kompetenzen völlig überschatten und zeigen, dass es immer noch in vielen Bereichen eine Unterteilung gibt, dass es hier zwar kein Kastensystem, aber ein Schubladendenken gibt und nicht der Mensch als Mensch im Fokus steht.

Giulia ist die Tochter eines italienischen Unternehmers. Seit Generationen stellen die Männer ihrer Familie Perücken aus italienischem Echthaar her. Ein Unfall ihres Vaters stellt Giulia vor die Frage, ob sie weiterhin den Vorgaben der patriarchischen Familienkonstellation unterliegt oder ob sie die Zügel in die Hand nimmt und etwas wagt, was gegen die Tradition der Familie spricht.

Laetitia Colombani hat einen sehr bewegenden Roman geschrieben, der die Missstände zum Thema Gleichberechtigung deutlich aufzeigt. Dabei geht es nicht nur um feministische Gedanken, sondern prinzipiell um Gleichheit aller Menschen. Dass es Frauen in verschiedenen Formen nach wie vor härter trifft als Männer ist jedoch eine traurige Tatsache über die geredet werden muss, um etwas zu ändern. Dafür brauchen wir Bücher wie "Der Zopf", die nicht nur über klare Fakten reden, sondern mitten ins Herz treffen. Die emotional bewegen und dadurch aufrütteln.

Mich hat "Der Zopf" extrem berührt. Als Mutter zweier Töchter ist mein Alltag begleitet von Ängsten um sie und dem Wunsch, dass sie ihr Leben einmal so leben können, wie sie es sich wünschen. Ohne sich verstellen zu müssen, weil sie Frauen sind. Der Weg dorthin ist nach wie vor steinig, aber Bücher wie "Der Zopf" geben Hoffnung, dass ein Umdenken möglich ist und auch erfolgen kann.

Buchinfo:

288 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag
20,00 €
ÜBERSETZUNG: Claudia Marquardt


Rezensionen: © 2018, Nanni Eppner

03.10.18

Im Herzen der Gewalt | Édouard Louis




In seinem autobiographischen Roman ›Im Herzen der Gewalt‹ rekonstruiert der französische Autor Édouard Louis die Geschehnisse einer dramatischen Nacht, die sein Leben für immer verändert. Auf der Pariser Place de la République begegnet Édouard in einer Dezembernacht einem jungen Mann. Eigentlich will er nach Hause, aber sie kommen ins Gespräch. Es ist schnell klar, es ist eine spontane Begegnung, Édouard nimmt ihn, Reda, einen Immigrantensohn mit Wurzeln in Algerien, mit in seine kleine Wohnung. Sie reden, sie lachen. Aber was als zarter Flirt beginnt, schlägt um in eine Nacht, an deren Ende Reda Édouard mit einer Waffe bedrohen wird. Indem er von Kindheit, Begehren, Migration und Rassismus erzählt, macht Louis unsichtbare Formen der Gewalt sichtbar. Ein Roman, der wie schon ›Das Ende von Eddy‹ mitten ins Herz unserer Gegenwart zielt – politisch, mitreißend, hellwach.
(Text & Cover: © S. Fischerverlage; Foto: © N. Eppner)


Édouard Louis kann schreiben. Kann Menschen, Emotionen, Gefühlen eine Stimme geben, ohne seine eigene zu verlieren, obwohl er Texte schreibt, die von Gewalt erzählen, die er am eigenen Leib erlebt hat. Sein Debütroman "Das Ende von Eddy" ist angelehnt an seine eigenen Erlebnisse in dem kleinen Dorf, in dem er aufgewachsen ist. Hass und Wut wurden ihm entgegen geschleudert. In der eigenen Familie. Im Bekanntenkreis. 

"Im Herzen der Gewalt" ist ein komplett autobiografischer Text, der eins der schlimmsten Erlebnisse in Louis' Leben erzählt. Aus einem kleinen Flirt wird ein Akt der Gewalt. Louis wird bedroht, vergewaltigt, misshandelt und sieht dem Tod ins Auge. Bis dato hätte ich mir nicht annähernd vorstellen können, was er mitgemacht hat, was dies in ihm ausgelöst hat. Doch Louis schreibt so genial, so eindringlich, so poetisch und gleichzeitig radikal klar und deutlich, dass ich mir zumindest ein wenig ein Bild davon machen kann. Durch die Tat, die er über sich ergehen lassen muss, verliert er sich selbst. Findet sich in seiner Kindheit wieder. In Situationen, die er längst verdrängt hatte. Er vereinfacht uns beiden ihn zu verstehen. Nicht jedoch das, was ihm passiert ist.

Um nicht nur seine Geschichte, sondern viele damit verbundene Fragen wie z.B. woher kommen Gewalt und Hass? - aufs Papier zu bringen, lässt er seinen Roman aus verschiedenen Perspektiven erzählen. Da ich anfangs nicht genau wusste, wer eigentlich meine Gesprächspartner sind, hatte ich ein wenig Schwierigkeiten in den Roman hineinzufinden. Doch Louis gelingt es so mühelos jedem Erzähler einen eigenen Ton zu geben, so dass es nach einiger Zeit kein Problem mehr ist, diese zu unterscheiden. Warum er seine Schwester so ungern sieht, ist mir auf jeden Fall klar. Ich finde sie anstrengend, nervig und ihre Ansichten, die Kritik, die sie an ihrem Bruder ausübt, unverschämt und traurig.

Wie kommt es, dass Hass, Wut, Gewalt so plötzlich über uns hereinbrechen? Über Opfer, aber auch über Täter? Ich bin fast gewillt an die Schlange zu glauben, die den Hass in unsere Herzen sät, so wenig ist er in den meisten Fällen nachvollziehbar. Schon gar nicht, wenn er sich gegen vermeintliche Randgruppen richtet. Wenn er zu Homophobie, Fremdenfeindlichkeit oder, oder führt. 

Louis reibt seine LeserInnen auf. Hinterlässt Schmerz und Traurigkeit. Aber eben das benötigen wir, um aus der Lethargie des Wohlbefindens herauszukommen. Uns geht es gut, also vergessen wir schnell diejenigen, denen es nicht so gut geht. Vergessen achtsam zu sein und den Verlauf der Welt im Blick zu haben. Hass, Wut und Gewalt sind überall. Im kleinen, wie im großen zu finden und es ist an uns dagegen anzugehen. Nicht mit Gewalt, sondern mit klugen Worten, mit Akzeptanz, Toleranz und mit Intelligenz. Dadurch, dass wir immer wieder hinterfragen und nicht die Augen verschließen. Traurig, dass Bücher wie "Im Herzen der Gewalt" auf reellen Erlebnissen beruhen. Schade, dass wir solche Geschichten brauchen, um immer wieder über diese Themen nachzudenken. Ärgerlich, dass sie vermutlich nicht von den Menschen gelesen werden, die es tatsächlich nötig hätten.



Buchinfo:

S. Fischerverlage (2018)
Hardcover
224 Seiten
20,00 € 
ÜBERSETZUNG: Hinrich Schmidt-Henkel


Rezension: © 2018, Nanni Eppner

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