21.05.19

Niemals ohne sie | Jocelyn Saucier




Die Cardinals sind keine gewöhnliche Familie. Sie haben den Schneid und die Wildheit von Helden, sie haben Angst vor nichts und niemandem. Und sie sind ganze dreiundzwanzig. Als der Vater in der stillgelegten Mine eines kanadischen Dorfes Zink entdeckt, rechnet der Clan fest mit einem Anteil am Gewinn – und dem Ende eines kargen Daseins. Aber beides wird den Cardinals verwehrt, und so schmieden sie einen explosiven Plan, der, wenn schon nicht die Mine, so wenigstens die Ehre der Familie retten soll. Doch der Befreiungsschlag scheitert und zwingt die Geschwister zu einem Pakt des Schweigens, der zu einer Zerreißprobe für die ganze Familie wird.
(Text & Cover: © Insel; Foto: © N. Eppner)


2016 habe ich Jocelyn Saucier für mich entdeckt. Ihr Debüt "Ein Leben mehr" hat mich bewegt, bereichert, etwas mit mir gemacht. Kein Wunder, dass ich ein weiteres Buch der Kanadierin geradezu herbeigesehnt habe. Solche Geschichten, wie die Sauciers, machen süchtig. Kein Wunder, dass ich in Jubel verfiel, als ich las, dass eben dieses weitere Buch 2019 erscheinen würde. 

Leider sind ihre Bücher viel zu kurz, also auch viel zu schnell vorbei und eigentlich möchte ich mich nun, nach dem Lesen gerne in ein Loch verkriechen, um weiterhin Zeit mit den Cardinals zu verbringen. Auch die Cardinals haben etwas an sich, das süchtig macht. 

Die Cardinals, das sind 21 Kinder, Mutter und Vater. 

Sie sind mehr als eine Familie. Sie nennen sich bei Namen, die nur sie kennen. Sie sind ein eigenständiges System, eine Gruppierung aus Menschen, verbunden durch Blut und Geheimnisse. Sie sind der ganze Stolz ihres Vaters, der sein Leben lang so nah am Glück vorbei gearbeitet hat und ihrer Mutter, deren eigenständige Persönlichkeit sich völlig in der Mutterrolle aufgelöst hat. Die den ganzen Tag gekocht und versorgt, vor sich hin gearbeitet und gegeben hat, was sie konnte, und am Abend, wenn alles schlief ihre Runde gedreht hat, um mit Stolz und Liebe auf ihre Kinder zu blicken. 21 an der Zahl und keins verloren. Oder doch? 


"'Die Sehnsucht nach der Vergangenheit ist eine seelische Krankheit.'" (S. 136) 

Ich muss aufpassen, dass sich meine Worte nicht überschlagen. Vor Begeisterung. Weil ich so viel erzählen möchte über die Cardinals, die mich so beeindruckt haben. Weil jeder für sich so interessant ist und weil so viel in dem Buch steckt, das gerade mal 255 Seiten dick ist. So viel zwischen den Zeilen, zwischen den Worten, zwischen den Blicken, die sich die Cardinal Kinder zuwerfen, wenn sie glauben, dass sie unbeobachtet sind.

Die Cardinals gegen den Rest der Welt. In ihrem kleinen Örtchen, der verhuschten Kleinstadt, die staubig und dem Zerfall nahe, so sehr mit sich selbst beschäftigt ist, dass die Cardinals Narrenfreiheit haben. Die in ihrer Banalität, auf ihrem Weg die klassische äußere Form zu verlieren, nahe an der Grenze zum heruntergekommenen, die perfekte Kulisse bietet, für eine Familie, die so eng zusammengeschweißt ist, dass niemand diesen Ring betreten kann.

Doch dann gibt es erste Risse in der Naht. Die Cardinals geben Eindringlingen die Schuld, aber der Zerfall beginnt von innen. In den eigenen Reihen. Denn auch in diesem System gibt es Missverständnisse, Kränkungen, Sehnsüchte, die von innen heraus zerstören, was man sich für immer bewahren möchte. Familiensysteme sind schon etwas ganz eigenes. Haben ihre eigenen Geheimnisse. Ihre eigenen Strukturen. Ihre eigene Art mit Dingen umzugehen, einander zu lieben und zu schützen. Und über allem steht die Mutter, wie ein Schatten, wie ein Geist, der alles überwacht, alles sieht, scheinbar Gedanken lesen und Emotionen über Entfernungen zu spüren vermag.

"Sie war mit Ambitionen aufgewachsen, die in unserem vollgerümpelten Haus verkümmerten, weshalb sie ständig versuchte, ihm zu entfliehen, aber sie kam trotzdem immer wieder zu uns zurück, frisch wie eine Rose, lächelnd und leichtfüßig, bis Geronimo ihr ein weiteres Mal die Flügel ausriss." (S.175)

Wieder hat mich Saucier beeindruckt. Mit ihrer Wortwahl, mit ihrem Erzählstil, in dem sie verschiedene Erzähler zu Wort kommen lässt, den Ball von einem Cardinal zum nächsten spielt, und damit verdeutlicht was ein Blickwinkel doch ausmacht. Und mit der Geschichte an sich. Ich glaube ich kann mich nicht satt reden an dem, was ich im Buch entdeckt habe und noch weniger an meiner Begeisterung. Große Leseempfehlung für "Niemals ohne sie".


Buchinfo:

Insel (März 2019)
255 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag
20,00 €
ÜBERSETZUNG: Sonja Finck und Frank Weigand


Rezensionen: © 2019, Nanni Eppner

15.05.19

Fitz Fups muss weg | Lissa Evans




Durch die Kellertreppe fällt Phine in ein Land voller merkwürdiger bunter Bewohner, die von einem missmutigen Herrscher unterdrückt werden. Fitz Fups ist groß, rot und sieht seltsamerweise genauso aus wie das Lieblingskuscheltier von Phines Schwester.
Zusammen mit ihrem nervigen Cousin, einer sprechenden Plastikkarotte und einem Plüschelefanten mit Hang zur Dramatik stürzt Phine sich in ein spannendes Abenteuer.
Denn eins ist klar: Fitz Fups muss weg und das so schnell wie möglich!
(Text & Cover: © Mixtvision; Foto: © N. Eppner)


Bücher und Geschichten sind wichtig. Für Erwachsene, aber noch mehr für Heranwachsende. Bücher helfen zu verstehen. Bücher inspirieren. Bücher geben der Fantasie einen Freiraum, um sich zu entfalten. All das bringt "Fitz Fups muss weg" mit. Auf eine sehr unterhaltsame, witzige und intelligente Art und Weise, die mich mehr als begeistert hat.

Phine ist ein aufgewecktes Mädchen mit wachem Verstand, deshalb ist ihr schnell klar, dass während des Gewitters in einer Fantasiewelt gelandet ist. Nicht in irgendeiner, sondern einer ihr sehr wohl vertrauten. Einer Fantasiewelt, die bedroht wird von einem mächtigen Herrscher, der seinen Willen durchsetzen möchte, und dabei eine ganze Welt ins Verderben reißt.

Kommt dir vielleicht bekannt vor? Ja richtig, Fitz Fups ist ein grausamer Diktator. Naja, ganz ernst zu nehmen sind seine Vorstellungen wie die Welt um ihn herum funktionieren soll eigentlich nicht, aber trotzdem folgen alle seinen Befehlen. Aus Angst? Aus Unwissenheit? Aus Lethargie oder Faulheit eigene Gedanken zu fassen? Fitz Fups und seine Untertanen erfüllen damit alles, was wir auch aus der Realität, aus der Historie über diktatorische Systeme wissen. "Fitz Fups muss weg" erklärt auf spielerische und humorvolle Art, was eine Diktatur bedeutet und wie wichtig es ist, nicht einfach hinter vorgegebenen angeblichen Wertvorstellungen herzulaufen oder blindlings die Lebensvorstellungen anderer mitzugehen oder nachzuahmen.

Phine ist nicht die einzige Hauptperson des Kinderbuches, das absolut Erwachsenentauglich, ja eigentlich von Jederfrau und Jedermann gelesen werden sollte. Es gibt da noch diesen Jungen, der vor allem Angst hat, der immer auf Nummer sicher gehen will, der deshalb nie an der frischen Luft spielt, der keine wilden Spiele und schon gar nicht mit anderen Kindern spielt. Der ein therapeutisches Spielzeug hat, dem er sein Leid klagt und das ihn in Stresssituationen beim Atmen unterstützt. Ein ganz armes Würstchen. Was ist eine Kindheit ohne Abenteuer? Ohne auf Bäume klettern? Ohne in Pfützen springen? Ohne Fahrrad fahren mit Beinen in der Luft? Vor allem ohne andere Kinder? 

Doch dann passiert etwas seltsames und der Junge nimmt all seinen Mut zusammen. Mutig sein ist toll. Anderen beistehen können noch viel besser. Und Abenteuer sind ganz großartig. So großartig, dass ein aufgeschrammtes Knie gerne in Kauf genommen wird. Im Zweifel nimmt man sich eben einen Lifecoach zur Seite (Insider, den du erst verstehst, wenn du das Buch gelesen hast).

"Fitz Fups muss weg" ist so ein großartiges Buch. Humorvoll, stark, wertvoll (auch pädagogisch wertvoll, aber auf sehr angenehme Weise). Ich wünsche diesem Buch ganz, ganz viele begeisterte Leserinnen und Leser jeden Alters. 


Buchinfo:

Mixtvision (2019)
320 Seiten
15,00 €
ab 9 Jahre
ÜBERSETZUNG: Elisa Martins


Rezensionen: © 2019, Nanni Eppner 

12.05.19

Mama | Eine Liebeserklärung (mit Gewinnspiel)

Im vierten Monat meiner Schwangerschaft bekamen wir eine schockierende Nachricht. Diagnose Krebs. Meine Mama sollte Krebs haben. Lungenkrebs. Unvorstellbar. Sie hat doch nie geraucht. Und doch war es Tatsache.

Von nun an musste ich mich auf zwei Dinge einstellen, die unterschiedlich und doch sehr gleich sind: Mama werden und evtl. meine eigene Mama verlieren.




Ein Auf und Ab der Gefühle. Immer wieder teilten wir die Freude darüber, dass ein neuer Mensch in unser Leben tritt. Immer wieder die Angst, dass wir einander verlieren. 

Wie gemein Krebs sein kann, wusste ich schon. Von meinem Opa. Nie wieder wollte ich dabei zusehen, wie ein Mensch vor meinen Augen verschwindet. Aufgefressen wird. Die Worte sagt:"Das schlimmste ist, dass ich nicht sehe, wie die Kinder aufwachsen."

Immer wieder machten uns die Ärzte Hoffnung, immer wieder lehrte uns die Realität das Gegenteil. 

An einem Tag fuhr ich zum Kontrolltermin zur Gynäkologin, um mir Freudestrahlend anzuschauen wie sehr mein Kind strampelt. Wie lebensfroh. Wie sehr schon Räubertochter, obwohl noch nicht mal auf der Welt. Am anderen Tag fuhr ich zum CT, zur Chemo, zu Kontrolluntersuchungen in die Onkologie, um zu sehen wie sich etwas in meiner Mama ausbreitet, das versucht sie ganz und gar an sich zu reißen.





An einem Sonntag fuhren wir ins Krankenhaus einer nahe gelegenen Kleinstadt. Ich am Morgen mit meinem Mann, meine Mama mehrere Stunden später, begleitet von meinem Bruder. 

Kurz vor Mitternacht kam die Räubertochter zur Welt. Energisch und laut atmete sie sich direkt in unser Herz. Unfassbar welche Magie eine Geburt ist. Kaum greifbare Emotionen überströmten mich. Ich war Mama. Von nun an würde ich Mama sein. Solange ich lebte. 

Die Hebamme sagte mir, dass meine Mama ebenfalls im Krankenhaus sei und bot an, auf der Station anzurufen. Ihr Herz wurde immer schwacher, aber ich war mir sicher, das es ganz stark schlug, als sie die Räubertochter in ihren Armen hielt. Als erster Mensch, außer der Hebamme und uns, ihren Eltern.




Vier Monate lang konnte sie uns noch begleiten. Konnte der Räubertochter so viel Liebe schenken, wie mir in meiner eigenen Kindheit. Sie war eine Kümmererin. Immer. Manchmal eine Glucke. Aber vor allem war sie immer für mich da. So wie ich für sie. Fast jeden ihrer letzten Tage haben wir an ihrem Bett gesessen. Die Räubertochter und ich. Ich habe ein Foto aus dem Krankenhaus. Die Krankheit hat sie zu diesem Zeitpunkt schon stark gezeichnet, aber sie lacht. Weil sie die Räubertochter im Arm hält. Ein Foto, das der Räubertochter ein Leben lang zeigen wird, dass es einen Menschen gab, der sie so sehr geliebt hat wie wir.

Auf ihrer Beerdigung haben wir "Weißt du wieviel Sternlein stehen?" gesungen. Auf der Taufe der kleinen Raupe (Kind Nr.2) auch. Mama hat es mir früher vorgesungen. Ich singe es jeden Abend meinen Kindern. Das ist die Brücke zwischen uns vieren. Unsere Verbindung. 




Den Weg der Sterbebegleitung mit einem Säugling zu gehen war eine schwere Entscheidung. Ich habe noch gestillt, hätte aber Milch abpumpen können. Ich wollte so oft bei meiner Mama sein, wie es möglich war und ich wollte, dass meine Mama ihre Enkeltochter sieht, so oft es eben ging.

Manchmal sehe ich meine Traurigkeit in der Räubertochter, an manchen Tagen tritt sie hervor. Sie hat eine Spieluhr, die wir zur Zeit der Erkrankung und des Abschied nehmens immer gehört haben und wenn diese Spieluhr spielt, muss sie weinen, obwohl sie damals nicht älter als vier Monate war. Und manchmal müssen wir beide gegen unsere Angst des verlierens ankämpfen. Aber trotzdem glaube ich, das diese Entscheidung die richtige war.




Meine Mama fehlt mir sehr. Ihr Verlust hat ein Loch gerissen, das nicht einfach so zuwächst. Mir fehlt es, dass sie mir Suppe kocht, wenn ich krank bin, dass sie mich "Mein Kind" nennt, mir übers Haar streichelt und mir erklärt wie sie Dinge versteht. Mir fehlen ihre Ratschläge zum Kinder erziehen und mir fehlt ein Mensch, der meine Kinder genauso liebt, wie mein Mann und ich. 




Fast jeden Tag erzähle ich meinen Kindern von ihr. Was wir gemacht haben, als ich klein war. Was sie uns für Geschichten erzählt hat. Welche Bücher sie uns vorgelesen hat. Wie witzig sie war und dass sie Pferde so sehr geliebt hat wie wir. Und ich bin nur deshalb eine Mama, wie ich sie bin, weil ich genau das von meiner Mama mitbekommen habe.

"Meine Oma Bärbel wohnt im Himmel. Das ist ganz weit weg. Die kann nicht mehr zu uns kommen. Die hat da ein Pferd. Das heißt Merlin." 





G E W I N N S P I E L



Gewinne eine Ausgabe des wunderschönen Bildbands "Mama" von Hélène Delforge und Quentin Gréban, den zarte und berührende Worte und Bilder über Mutterschaft zieren.

Welches Lied verbindet dich und deine Mama oder verbindest du mit deiner Mama?





Teilnahmebedingungen:

  • Beantworte meine Frage im Kommentarfeld.
  • Teilnehmen dürfen alle aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die über 18 Jahre alt sind. Wer jünger ist, benötigt das Einverständnis seiner Eltern.
  • Der Gewinnspielzeitraum ist vom 12.05.2019 - 19.05.2019 um 23:59 Uhr
  • Der / die GewinnerIn wird in diesem Beitrag bekannt gegeben. Wer per Mail benachrichtigt werden möchte, hinterlässt mir bitte die entsprechende eMail Adresse.

Weitere Beiträge zum Buch "Mama", zum Thema Mutterschaft und die Chance auf den Gewinn eines Exemplars von "Mama" findest du auf:

Kathrineverdeen
Lesenslust
Stefanie Scharl - Illustartionen
Katze mit Buch
Bücher ohne Ende




Text & Fotos: © 2019, Nanni Eppner

10.05.19

Mama | Hélène Delforge und Quentin Gréban





Mama.
Ein Name, getragen von Milliarden von Frauen, zu allen Zeiten und auf allen Kontinenten dieser Erde. Ein Wort, das Liebe ausdrückt, Zärtlichkeit, Verbundenheit, manchmal Warten, Abwesenheit. Doch wenn sie ihr Kind im Arm halten, sind alle Mamas gleich. Nämlich einzigartig.
Eine Liebeserklärung an alle Mamas dieser Welt.
(Text& Cover: © arsEdition; Foto: © N. Eppner)


Mama zu sein umfasst so viele Gefühle. Für mich unbeschreibliche Gefühle, die ich kaum alle zusammentragen könnte. 

Mama zu sein ist individuell. Jede Mama empfindet es anders. Nicht jede Mama hat das Glück ihren Kindern allzeit mit Liebe begegnen zu können, nicht jede Mama hat das Glück ihren Kindern ein geborgenes und sicheres Umfeld bieten zu können und manchmal ist das Mama sein im Alltag auch unfassbar schwer. 

Hélène Delforge und Quentin Gréban haben all diese unterschiedlichen Gefühle und Empfindungen in wunderschönen, sehr berührenden Texten und Bildern zusammengetragen. Herausgekommen ist "Mama", das im haptisch passenden Großformat gedruckt wurde.





Poetisch, sanft, bewegende - so empfinde ich nicht nur die Texte, sondern auch die Bilder. Ihnen wohnt eine ganz eigene Zartheit inne, die ausdrückt wie schwer dieses Spagat aus Liebe und Angst ist, das mich als Mutter begleitet. Dem Wunsch alles zu geben und der Schwierigkeit dies zu leisten.

Sowohl Texte, als auch Bilder haben mich zu Tränen gerührt. Ich habe das Buch in einem Stück durchgeblättert. in einem Stück durchgelesen und dann noch einmal Häppchenweise. Ich fühle mich verstanden. Ich habe geweint aus Freude, aus Gefühlen, die mir wohl vertraut sind, aber auch aus Traurigkeit, weil Mutter sein manchmal auch unfassbar schwer sein kann. Besonders dann, wenn es durch äußere Gegebenheiten wie z.B. Gewalt oder Not beeinflusst wird.





"Mama" ist ein ganz besonderes Buch. Eins, das ich all meinen Freundinnen, die Kinder haben, empfehlen werde. Aber auch all den Freundinnen, die keine eigenen Kinder haben, denn es ist auch aus der Perspektive selbst das Kind einer Mutter zu sein, wunderschön und berührend. Und auch allen Freunden und Bekannten, denn dieses Buch vermittelt ein Verständnis dafür welchen (auch emotionalen) Turbulenzen Eltern jeden Tag ausgesetzt sind und wie schwer Elternschaft dann sein kann, wenn nicht alles glatt läuft. Vielleicht schafft das Buch ein bisschen mehr Respekt, ein bisschen mehr Empathie im Miteinander.


Augen offen halten!
Am Sonntag, 12.05.2019 gibt es anlässlich des Muttertags einen weiteren Beitrag zum Buch + Gewinnspiel!!


Buchinfo:

arsEdition (2019)
64 Seiten mit Illustrationen
20,00 €
ÜBERSETZUNG: Anna Taube


Rezensionen: © 2019, Nanni Eppner

08.05.19

Das Haus der Malerin | Judith Lennox




Surrey, 1970: Rose Martineau führt mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern in Walton-on-Thames ein beschauliches Leben. Doch die Idylle wird durch zwei unerwartete Ereignisse jäh bedroht. Zum einen erbt sie ein Haus in den dichten Wäldern von Sussex, das ursprünglich ihrer bislang vollkommen unbekannten Großtante Sadie gehört hatte – einer Künstlerin, die eines Tages spurlos verschwand. Wer war diese Frau, und warum wurde nie von ihr erzählt?Zum anderen bringt ein Medienskandal Roses Bilderbuchehe ins Wanken. Rose stürzt sich in Nachforschungen über Sadie und geht nach und nach einem düsteren Familiengeheimnis auf den Grund. Beflügelt durch die Erkenntnisse um die starke Persönlichkeit ihrer Großtante, wagt auch sie schließlich einen Neuanfang …(Text & Cover: © Piper; Foto: © N. Eppner)

Ich habe schon einige Bücher von Judith Lennox gelesen. Manche waren stärker, andere schwächer. "Das Haus der Malerin" gehört für mich definitiv zu ihren starken Erzählungen. 

Im Vordergrund stehen Rose Martineau und ihre Großtante Sadie. Rose, deren Ehe durch einen Skandal zu zerbrechen droht, erfährt erst nach dem Tod der Großmutter, das diese eine Schwester hatte. Bis dato wurde Sadie einfach verschwiegen. Rose macht sich auf die Suche nach der verschollenen Künstlerin. Ein schwieriges Unterfangen, denn Sadies Spur endet im Nirgendwo. Sie beginnt ihre Suche im geerbten Haus der Großtante. Einem Bauwerk, das seit Generationen im Besitz der Familie ist, und manches düstere Geheimnis mit sich herum trägt.

Judith Lennox hat zwei weibliche Figuren erschaffen, die jede für sich selbst die Kämpfe ihrer Generation austragen muss. Rose, die bisher immer auf den Schultern ihres Mannes ruhen konnte, die sich als Einheit mit ihrer Familie verstand, wurde mit Füßen getreten und sieht sich plötzlich einer ganz neuen Unabhängigkeit gegenüber, die in den 70er Jahren noch für sehr viel Aufruhr sorgte.  Sie muss sich neu orientieren und vor allem sich selbst neu definieren. Mit Rose hat Lennox einen authentischen Spiegel des Frauenbilds der 70er Jahre bzw. den Problemen und Widrigkeiten mit denen Frauen in diesem Jahrzehnt zu kämpfen hatten, geschaffen. 

Sadie wurde von ihrem Verlobten verlassen. Man unterstellt ihr eine tiefe, nahe an einer Depression angelehnte Traurigkeit. Auch für Sadie wird Unabhängigkeit zum Thema. Sie möchte als Künstlerin leben können, widmet sich ganz der Kunst, ist nicht auf der Suche nach einem Mann und strahlt dadurch ein gewisses Selbstbewusstsein aus, das manch einer als Aufforderung zur Jagd versteht.

Wenn man am Roman ganz unbedingt etwas kritisieren möchte, dann höchstens, dass er an manchen Stellen etwas zu glatt, zu reibungslos verläuft. Man könnte sich mehr Ecken und Kanten, mehr Hürden für die Protagonistinnen wünschen, aber im Grunde nimmt es dem Roman gar nichts. Die in den Familien, in den zwischenmenschlichen Beziehungen, verborgenen Geheimnisse sind düster und unvorhersehbar und holen mich an Punkten ab, die ich so nicht erwartet hatte. "Das Haus der Malerin" ist zu jeder Zeit spannend und hat mich so sehr gefangen genommen, dass ich das Buch in Kürze durchgelesen habe. 




Buchinfo:

Piper Pendo (2018)
Hardcover mit Schutzumschlag
480 Seiten
20,00 €
ÜBERSETZUNG: Mechtild Ciletti

07.05.19

[Hörspiel] Die Spürhasen Bande | Karsten Schäfers





Die Spürhasen-Bande
- das sind Polly, Kiki und Finn. Die drei Freunde leben in einem Wald im Taunus. Hier beginnen stets ihre Abenteuer, die sie an viele weit entfernte Orte führen.

Jetzt fragt man sich vielleicht, wie ein Kaninchen, ein Hase und ein Eichhörnchen durch das ganze Land reisen können?

Nun, es ist ganz einfach, sie haben einen Zauberspiegel! Mit dem können sie nicht nur an jeden beliebigen Ort, sondern sogar durch die Zeit reisen. Mit seiner Hilfe erleben die Drei viele spannende Abenteuer an verschiedenen Schauplätzen, wie z.B. Frankfurt am Main oder Hamburg, und erfahren so ganz nebenbei Wissenswertes und Erstaunliches über Land und Leute.
(Text & Cover: © Karsten Schäfer, Foto: © N. Eppner)

Polly, Kiki und Finn sind drei befreundete Nagetiere. Ihre Neugier sorgt dafür, dass sie einen Spiegel entdecken, mit dem sie blitzschnell durch die Gegend und sogar durch die Zeit reisen können. Doch leider ist er defekt und so machen sich die drei Freunde auf den Weg die fehlenden Edelsteine zu finden, die das Reisen ermöglichen. Neben weiteren Figuren wie den Uhu Bartolomäus, der ziemlich (alt-)klug ist, gibt es außerdem einen Allwissenden Erzähler, der eine gute Stütze ist, um den Überblick zu behalten.

Polly, Kiki und Finn sind sympathische Protagonisten zu denen die kleinen Hörerinnen und Hörer schnell Zugang finden können. Obwohl es Tiere sind, bieten sie dank alltäglicher Themen, die nebenbei eingeworfen werden (z.B. Unsicherheiten, Ängste, was Jungs können, können Mädchen auch), Identifikationspotential. Ihre Sprecher haben angenehme, ruhige Stimmen. Sehr Kindgerecht.

Den Einstieg in die erste Folge finde ich nicht so richtig glücklich. Das Zeitreise Szenario, das die Kinder anlocken soll, ist etwas platt und nicht zeitgemäß mit einem Ritter und Burgfräulein. Natürlich ist es der entsprechenden Zeit (Mittelalter) angepasst, aber es hätte mir besser gefallen, wenn es etwas moderner und lockerer geschrieben wäre und in Zeiten, in denen Feminismus ganz groß geschrieben wird, sollten Erzählungen davon weggehen mit solch veralteten Genderklischees zu sympathisieren. 

Der erste Band ist eine Einführung in die Idee der Zeitreise und dadurch mit vielen Erklärungen ausgestattet, was ihn etwas trocken wirken lässt. Ich denke, das wird in den Folgebänden besser, wenn es erst einmal an aktive Zeitreisen nach Frankfurt und Hamburg geht. 

Die Idee hinter der Spürhasen Bande finde ich super. Eine schöne Möglichkeit Kindern Geschichte beizubringen. Ich würde mir allerdings etwas mehr Leichtigkeit wünschen. Einige Dialoge wirken doch sehr aufgesetzt. Empfohlen werden die Hörspiele für Kinder ab 5. Ich denke, dass sie von jüngeren Kindern nicht verstanden werden, sondern sogar eher für Kinder ab 6 oder 7 Jahren geeignet sind.

Alles in allem ein solider Einstieg in eine Reihe, mit der Kinder einen ersten Gefallen an Geschichte finden können.

Alle weiteren Infos findest du hier.


29.04.19

Die dunklen Lande | Markus Heitz





1629. Der 30 Jährige Krieg mit seinen Konflikten erschüttert Europa und tobt besonders gnadenlos in Deutschland.
Die junge Abenteurerin Aenlin Kane reist in die neutrale Stadt Hamburg, um das Erbe ihres berühmten Vaters Solomon Kane zu ergründen. Zusammen mit ihrer Freundin Tahmina, einer persischen Mystikerin, gerät sie in die Wirren des Krieges. Sie nehmen einen folgenschweren Auftrag der West-Indischen Compagnie an: Eine zusammengewürfelte Truppe soll sich durch die Linien nach Süddeutschland durchschlagen, bis nach Bamberg, wo grausamste Hexenprozesse die Scheiterhaufen brennen lassen - doch es kommt vieles anders. Zu viel für einen Zufall!
Aenlin und Tahmina wissen um das Böse und die Dämonen, die sich auf der Erde tummeln und die Wirren des Krieges zu ihrem Vorteil nutzen. Schon bald geht es um mehr als einen Auftrag der Compagnie.
Und der Anführer der Truppe, Nicolas, hat ein düsteres Geheimnis …
(Text & Cover: © Droemer Knaur; Foto: © N. Eppner)


Richtig unterhaltsam, so empfand ich das Lesen von "Die dunklen Lande". Rasant, actionreich, mit einer passenden Prise Humor, flüssig und spannend. Reicht das schon, um dich zu überzeugen das Buch zu kaufen? Nicht? Dann also mehr Details.

"Die dunklen Lande" ist versehen mit zwei richtig coolen Protagonistinnen. Wer denkt, das männliche Autoren keine starken Heldinnen schreiben können, der / die wird hier eines besseren belehrt. Aenlin und Tahmina bringen alles mit, was ich mir von weiblichen Figuren in einem phantastischen Abenteuerroman wünsche. Sie sind stark, mutig und behaupten sich in einer Männerdominierten Welt. Heitz spielt lange Zeit damit dem Leser nicht klar darzustellen, ob die beiden eine Liebesbeziehung haben. Ich glaube, dass der Autor sehr viel Freude damit hatte die beiden Charaktere zu entwerfen und deren Szenen zu schreiben. Das Herzblut, das ihnen zugrunde liegt, springt förmlich aus den Seiten.

Neben den starken Frauen gibt es ein paar sehr skurrile Herren. Draufgänger, Außenseiter, Nichtsnutze und Helden. Nicht tiefgründig, aber sehr dynamisch. Manch einer von ihnen trägt ein Geheimnis, das sich nicht erahnen lässt.

"Die dunklen Lande" ist eine sehr gelungene Mischung aus historischem Abenteuer und Fantasy. Markus Heitz studierte Germanistik und Geschichte und hat daher solides Grundwissen, um den Roman im Deutschland des 17. Jahrhunderts anzusiedeln. Durch den Einfluss realer Gegebenheiten wie Lebensstil der Figuren, Denkweise, Kleidung und Waffen, bekommt der Roman die nötige Authentizität, um lebendig und eingängig zu werden. 

Wer Heitz Schreibstil bisher nur von der Zwerge Reihe kennt, wird sich wundern wie klar und gradlinig der Autor in diesem Roman schreibt. Es ist nicht mit der Komplexität und Erzählkunst der Zwerge Bücher zu vergleichen, aber sehr kurzweilig und mitreissend geschrieben. Der Roman dient als Grundlage für ein Album der deutschen Metalband Blind Guardian. Im November erscheint "The Dark Lands", das eine Art Fortsetzung von "Die dunklen Lande" sein wird. Ein spannendes Experiment, das ich auf jeden Fall weiterverfolgen werde. Dass die CD in meinem Player landen wird, versteht sich von selbst.


Buchinfo:

460 Seiten
Klappenbroschur
16,99 €


Rezensionen: © 2019, Nanni Eppner

19.04.19

Roma Nova | Judith C. Vogt




Dämonische Kreaturen lauern am Rande des Mare Nostrums, darauf harrend, den Planeten Rom für immer von der Sternenkarte zu löschen. Sie überfallen das Raumschiff des Legaten Lucius Marinus, um die Sklavin und Seherin Morisa zu befreien und zu sich in den Hades, ein zerstörerisches Sternensystem um ein Schwarzes Loch, zu holen. Von dort aus plant Morisa ihre Rache an ihrem ehemaligen Herrn und dem gesamten Römischen Imperium.
(Text & Cover: © Bastei Lübbe; Foto: N. Eppner)


"Roma Nova" ist mein Einstieg in die Science Fiction für Erwachsene. Ich habe wenig Erfahrung mit diesem Genre und war mir lange Zeit unsicher, ob es was für mich ist, aber "Roma Nova" hat mir gezeigt, dass es ganz egal ist, in welchem Umfeld gute Geschichten spielen.

Dennoch ist gerade in diesem Roman das Setting sehr interessant. "Römer im Weltall" mit diesem Slogan wird das Buch vielerorts beworben. Klingt irgendwie abgefahren und sehr der Fantasie entsprungen. An den Haaren herbeigezogen? Ist es gar nicht. Die Römer waren gar nicht so viel anders, als heutige Gesellschaftsgruppen. Gruppen, Strukturen, Machtverhältnisse die es immer gegeben hat und vermutlich auch immer geben wird, wenn nicht doch irgendwann ein großes Umdenken stattfinden wird.

Genau das war es auch, was mich am Roman reizte. Aufmerksam geworden durch einen Podcast, in dem das Autorenpaar Judith und Christian Vogt über Bücher, über ihre Bücher sprechen, und die Autorin erklärt, dass sich deutliche Parallelen zeigen. Parallelen in der Struktur der Gesellschaft, im System der Politik, aber auch im Kleinen. Allzeit vorhanden ist die Gier nach Macht und das Ausspielen derselbigen, sobald man sie besitzt. Wer in einer Position über wem anders steht, spielt das aus. Psychologie, die auch in "Roma Nova" deutlich zum Einsatz kommt.

Der Einstieg ins Buch fiel mir etwas schwer. Ich wurde recht zügig mit einer komplexen Denkweise, einer Unbekannten Daseinsform mit nicht sehr leicht greifbaren Ideen und vielen weiteren Personen konfrontiert. Namen kamen mir bekannt vor aus dem Lateinunterricht (endlich macht er sich bezahlt! Ist aber absolut kein Muss, um das Buch zu verstehen), aber es sind direkt recht viele. 

Nach kurzer Orientierungslosigkeit konnte mich der Roman schnell in seinen Bann ziehen. Festgelage, die beherrscht wurden von Hemmungslosigkeit und eben jenem Ausspielen der eigenen Macht. Menschen werden benutzt wie Gegenstände, man suhlt sich darin eine provokative Außenwirkung auf andere zu haben. Reichtum steht über Schönheit über Charakter. Die Protagonisten sind zunächst unangenehme Zeitgenossen. Judith Vogt spielt mit ihren Lesern, lässt sie nicht einmal ahnen, wer Gut und wer Böse ist.

Später gibt es dann einen Twist. Mit dem Auftauchen der Kämpfe in einer Arena, treten auch Heldenfiguren auf. Klassisch, aber nicht herkömmlich und schon gar nicht sympathisch und doch gibt es schon schnell Figuren, denen ich wünsche, dass sie auch die letzte Seite überleben.

Zum konkreten Inhalt möchte ich gar nicht zu viel verraten. Fakt ist: Römer in der Science Fiction funktioniert. Meiner Meinung nach sehr gut. Es gibt viele Dinge, die an historische Sagen und Fakten angelehnt sind, die aber dank des Phantastik Hintergrunds des Romans viel mehr Freiraum bekommen. Nicht nur in der Handlung, sondern auch im Denken. Ich habe mir sehr oft Gedanken darüber gemacht wie angesprochene Themen in der Realität ablaufen und sehr viele Parallelen entdeckt.

"Roma Nova" hat mich gefordert. Im positiven Sinn. Ich musste mich auf einiges einlassen, dass ich aufgrund meines Wissens über Geschichte anders im Kopf hatte, und ich musste mich einigen unangenehmen Themen stellen, die der Gesellschaft, in der ich lebe, auch in der Realität begegnen. Aber ich bin auch unterhalten worden. Sehr gut sogar. Mit vielen spannenden Handlungen, überraschenden Wendungen und interessanten Charakteren. von mir gibt es für "Roma Nova" eine ganz klare Leseempfehlung.


Buchinfo:

623 Seiten
Taschenbuch



Rezensionen: © 2019, Nanni Eppner

06.04.19

Mein Märzlesestapel oder Wie ich es geschafft habe, so viel zu lesen





Seit der Geburt der kleinen Raupe habe ich nicht mehr so viel gelesen wie im März. Dabei ist es gar nicht so, dass ich im letzten Monat mehr Zeit hatte. Ich habe einfach einen für mich passenden Rhythmus gefunden. 

Für mich passend - sind die Schlüsselworte. Das mysteriöse Geheimnis hinter dem großen Stapel aus fast überwiegend tollen Büchern. 

Im Folgenden erzähle ich dir etwas über mich und mein Leseverhalten. Vielleicht kannst du das ein oder andere für dich mitnehmen und so dein Lesevergnügen erhöhen.




1. Ziele definieren.


Was erwarte ich vom Lesen? Lese ich rein aus Vergnügen? Zur Unterhaltung? Möchte ich mich qualitativ hochwertig weiterbilden?

Eigentlich lese ich ja (auch) gerne anspruchsvollere Romane und dicke Schmöker. Aktuell passt das aber nicht zu meiner Lebenssituation. Ich bin mit meinen Gedanken ständig bei Dingen, die meine Familie betreffen, muss organisieren, planen und hab den Kopf gerade einfach nicht frei für Literatur, die mich zu komplexem Denken herausfordert. Ich lese ja eh querbeet und finde, dass man ruhig mal die eigene Blase verlassen und auch mal Gewohnheiten ablegen oder ändern kann.

Ich möchte nicht umswitchen zu banalem Kitsch, aber ich brauche gerade einfach Bücher, die mich schnell einnehmen, die mich mitreißen, die spannend sind und in die ich schnell (wieder) hereinfinde.

Seit ich "umgedacht" habe, kann ich mich ganz anders auf die von mir ausgewählten Romane einlassen. Im März habe ich z.B. die Krimiautorin Ingrid Noll für mich entdeckt (dank der Empfehlung von Kerstin). Alltagskrimis über scheinbar harmlose Menschen, mit Tiefe und übelst gutem Sarkasmus. Endlich habe ich Lucy Clarkes "Die Bucht, die im Mondlicht versank vom SuB befreit, das dort schon seit über einem Jahr vor sich hin darbte, genau wie "Phönix" von Michael Peinkofer. Zwei richtig spannende Romane mit unverhofftem Ablauf.





2. Leserhythmus dem Tagesrhythmus anpassen


Ich bin Frühaufsteherin. Wenn es eben geht, verlasse ich um 5 Uhr das Bett (vorausgesetzt ich habe nicht die ganze Nacht ein weinendes Kind geschaukelt. Dann muss ich noch die eine Stunde weiterschlafen bis die kleine Raupe wach wird). 

Ich nehme mir eine halbe Stunde der Zeit, in der noch alles im Haus ruhig ist. In der ich noch voll konzentriert und von nichts abgelenkt bin.

Abends bringe ich die Kinder recht zeitig ins Bett. Meist bin ich dann selbst ziemlich ko und lege mich dazu. 

Nachdem ich vorgelesen und gesungen habe, wird das Licht gelöscht. Ist die Räubertochter dann noch wach, hört sie ein Hörspiel und ich lese im Dunkeln auf dem Reader. Sind beide Kinder eingeschlafen, kann ich nochmal das Licht anmachen und lesen. TV (haben wir im Schlafzimmer eh nicht) und Handy bleiben aus. Dass Social Media, das Internet und Whats App Lesekiller sind, muss ich dir ja nicht mehr erklären ;)





3. Lesezeit bestimmen


Ich setze mir immer ein bestimmtes Ziel an Lesezeit. 

Ich lese täglich 30 Seiten.
Manchmal ist es schwer in ein Buch reinzukommen. Ich dümpel dann so vor mich hin. Leg es wieder zur Seite. Nehme es vielleicht wieder, um ein paar Seiten zu lesen und leg es dann wieder weg.
Habe ich erst einmal 30 Seiten gelesen, bin ich ganz anders in einer Geschichte drin, als nach nur 5 Seiten. Meistens lese ich dann sogar noch mehr und falle nicht in diesen Rausch der Unzufriedenheit, der mich manchmal ergreift, wenn ich zu lange an einem Buch lese.

Ich lese immer bis zu einer bestimmten Uhrzeit.
Durch die Kinder ist unser Tag ziemlich durchgetaktet. Tatsächlich mehr, als vor der Elternzeit, als der Tagesablauf noch sehr von zur Arbeit gehen bestimmt war. 
Vor allem die kleine Raupe hat die Angewohnheit so vorhersehbar zu sein wie ein Schweizer Uhrwerk. Nach ihr könnte ich tatsächlich die Uhr stellen. Sie hat jede Nacht zur gleichen Zeit Hunger (+- 10 Minuten), schläft jeden Tag zur gleichen Zeit und wird morgens immer um 6.15 Uhr (+- 10 Minuten) wach. Für den Körper ist so eine Regelung ziemlich gut und deshalb versuche ich abends auch immer zur gleichen Zeit einzuschlafen. Manchmal möchte ich mein Buch schon früher zur Seite legen und mich doch einfach nur berieseln lassen. Dann sage ich dem inneren Schweinehund den Kampf an und ziehe meine Lesezeit durch.





4. Kleine Auszeiten schaffen


Früher habe ich gerne beim Frühstück gelesen. Beim Kinderwagen fahren. Während der Laptop eine neue Seite lädt. Oder oder.
Das hat jedoch eher zu Frust, als Produktivität geführt.

Heute nehme ich mir über Tag eine bewusste kleine Auszeit. Dann, wenn ich weiß, dass ich noch entspannt genug bin, um schnell ins Buch zu finden, und die Kinder auch mal 10-15 Minuten ohne mich spielen können. Das ist meist am Morgen, wenn die kleine Raupe nochmal schläft und die Räubertochter beschäftigt ist (Tipp: kaufe einen Wasserfarbkasten ;)). 
Dann brühe ich mir einen Kaffee auf, breche mir zwei Stück dunkle Schokolade ab und setze mich ganz gemütlich mit meinem Buch in meinen Lesesessel. Haben wir am Vormittag zu viel zu tun oder sind bei den Pferden, genehmige ich mir diese Auszeit am Nachmittag. Das gibt mir zudem Energie, um hundert weitere MAMA!!!-Rufe durchzustehen.





Manches davon klingt für dich nach Arbeit und du fragst dich, ob mir lesen so überhaupt noch Freude macht?


Oh ja! Mehr, als in den letzten Monaten, als ich nur 2-3 Bücher gelesen habe. 
Für mich ist lesen extrem wichtig. Wenn ich nicht lese, bin ich unglücklich. 
Es hilft mir Kraft zu tanken, mich wohl zu fühlen, nicht festzufahren und meine Perspektive zu erweitern. Und es wird einem im Leben nun mal nichts geschenkt. Auch kein großer Stapel gelesene Bücher.

Meine Highlights im März waren übrigens "Fitz Fups muss weg", ein richtig witziges, charmantes und einfallsreiches Kinderbuch, das mit einer Leichtigkeit den Unsinn von Diktatur erklärt und ganz wundervoll über Mut erzählt und "Lempi. Das heißt Liebe", die fein erzählte Geschichte einer Tragödie zwischen Krieg und Menschlichkeit.





Hast du besondere Lesegewohnheiten, Tipps oder Rituale? Oder bist du eher Typ "Es kommt wie es kommt"?

Über deinen Kommentar freue ich mich sehr.

30.03.19

Sag den Wölfen, ich bin Zuhause | Carol Rifka Brunt




New York, 1987: Eigentlich gibt es nur einen Menschen, der June Elbus je verstanden hat, und das ist ihr Onkel Finn Weiss, ein berühmter Maler. Als Finn viel zu jung an einer Krankheit stirbt, deren Namen ihre Mutter kaum auszusprechen wagt, steht in Junes Leben kein Stein mehr auf dem anderen. Auf Finns Beerdigung bemerkt June einen scheuen jungen Mann, und ein paar Tage später bekommt sie ein Päckchen. Darin befindet sich die Teekanne aus Finns Apartment – und eine Nachricht von Toby, dem Fremden. Wer ist dieser Mann, der behauptet, Finn ebenso gut zu kennen wie June selbst? Zunächst ist June misstrauisch, doch dann beginnt sie sich heimlich mit Toby zu treffen, und sie erfährt, dass es gegen Trauer ein Heilmittel gibt: Freundschaft und Zusammenhalt.
(Text & Cover: © Eisele Verlag; Foto: © N. Eppner)

Ich hätte fast das komplette letzte Drittel durch weinen können. Vor Rührung. Aus Zuneigung. Aus Sympathie. Vor Traurigkeit. Carol Rifka Brunt hat mich auf vielen verschiedenen Ebenen berührt.

June ist ein Mädchen, das nicht mit dem Schwarm schwimmt. Sie interessiert sich fürs Mittelalter, stellt sich häufig vor, dass sie dort lebt, träumt sich ihre eigene Realität. Bisher war das kein großes Problem für sie. Ihre Eltern haben diesen Spleen nicht sehr ernst genommen, an Freundschaften mit Gleichaltrigen war sie nicht sehr interessiert. Alles, was sie an Zwischenmenschlichem benötigte, hat sie bekommen. Von ihrer Schwester Greta und ihrem Onkel Finn. 

Doch dann stirbt Finn und zwischen ihr und Greta ist eine tiefe Kluft entstanden, die June nicht erklären kann. Und plötzlich ist da niemand mehr, der June versteht.

Finn ist an Aids gestorben. In den 80ern in New York. Bei mir schaffen diese Tatsachen sofort eine Verbindung zum Film "Philadelphia", in dem ebenfalls ein homosexueller Mann an Aids stirbt. Ein Schock. Ein Skandal. Für mich war der Film der erste Berührungspunkt zum Thema Aids. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass man auch bei uns noch glaubte, dass es eine Krankheit ist, die Schwule bekommen. Eine Krankheit, die Schwule als solche enttarnt. Und damit sind sie ja auch irgendwie selbst Schuld, dass sie erkrankt sind. Eine Denkweise, die ich mir heute nicht mal mehr Ansatzweise vorstellen kann, die es aber tatsächlich mal gegeben hat. Carol Rifka Brunt gibt die Denkweise der 80er Jahre sehr gut wieder, ohne den Zeigefinger darüber zu erheben. 

Finns Familie trauert. Mit der Trauer kommt die Wut. Mit der Wut die Suche nach einem Schuldigen. In diesem Fall ist es Toby. Finns Freund. "Finns spezieller Freund", wie es Junes Eltern ausdrücken, denn natürlich wird nicht offen darüber gesprochen, dass Finn schwul war. June und Greta werden vor ihm gewarnt. Er ist ein Mörder. Finns Mörder und auf gar keinen Fall soll er auch noch zur Gefahr für die beiden Mädchen werden. Doch dann lernen Toby und June sich kennen. Und stellen fest, dass sie einiges teilen. Nicht zuletzt die Sehnsucht nach Finn.

Die einzige, die scheinbar nicht um Finn trauert, ist Greta. Ihr war er schon länger ein Dorn im Auge. Sie war eifersüchtig auf ihn. Auf die Art, wie er sich gab. Auf die Art, wie er gemocht wurde. Dass er June so sehr liebte und vor allem, dass June diese Liebe erwiderte. Mit Finn war June so glücklich, dass sie Greta nicht mehr brauchte. Greta, die mutig, stark und selbstbewusst der Welt begegnet. Und in deren Herz ein Loch ist, in das ganz genau ihre Schwester hinein passt.

Auf den ersten Blick scheinen Homosexualität, Intoleranz und der Umgang mit Aids die zentralen Themen dieses Romans zu sein, der sich irgendwo im Jugendbuchgenre bewegt, aber definitiv trotz jugendlicher Protagonisten auch für Erwachsene geschrieben wurde. Um dabei zu helfen Toleranz in die Welt zu tragen. Um mit Aufklärung und Wissen für Verständnis zu sorgen.

Wenn ich ganz genau hinschaue, dann gibt es aber gar keine zentralen Themen. Wie kaum einer anderen Autorin oder Autor, ist es Carol Rifka Brunt gelungen eine Geschichte zu entwerfen, die ein großes Komplex umfasst. Das Zusammenleben von Menschen. Auf vielen verschiedenen Ebenen wird sie ihren Protagonisten gerecht. Schreibt vom Miteinander und vom Auseinander reißen. Von Löchern im Herz, vom Vermissen, von Zuneigung, von Abneigung, Wut und Neid, vom Wünschen, Hoffen, verlieren, verfluchen und vergeben. Poetisch und klug und so lesenswert, dass ich hoffe, dass ganz viele Leserinnen und Leser Zugang dazu finden.


Buchinfo:

448 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag
22,00 €
ÜBERSETZUNG: Frauke Brodd


Rezensionen: © 2019, Nanni Eppner

27.03.19

Die Bucht, die im Mondlicht versank | Lucy Clarke





Als Jacob sich von seiner Mutter Sarah verabschiedet, um zu einer Strandparty zu gehen, ist alles wie immer. Am nächsten Morgen ist nichts mehr, wie es war: Jacob ist verschwunden. Vor genau sieben Jahren verschwand auch Marley an diesem Strand, der Sohn von Sarahs bester Freundin Isla. Später wurde er tot geborgen. Verzweifelt sucht Sarah nach Spuren und stößt dabei auf viele Fragen: Wo war ihr Mann in der Nacht, als Jacob verschwand? Warum sind Jacobs Klamotten in Islas Haus? Und was verschweigt der Fischer, der damals Marleys Leiche fand? Stück für Stück setzt sich ein Bild der Ereignisse zusammen, das Sarah dazu zwingt, sich endlich einer Wahrheit zu stellen, vor der sie so viele Jahre lang die Augen verschlossen hat.
(Text & Cover: © Piper; Foto: © N. Eppner)


"Die Bucht, die im Mondlicht versank" hat mich so unglaublich mitgerissen, dass ich fast der Versuchung erlegen wäre die letzten Seiten zu lesen, nur um herauszufinden was tatsächlich mit Jacob, der von einem Moment auf den anderen - scheinbar spurlos - verschwunden ist. Zum Glück habe ich es nicht getan, denn mir wäre dieses feine Spiel, das Lucy Clarke mit ihren Leserinnen und Lesern treibt, entgangen.

Wenn ich nach einem Buch suche, das fesselt, das in die Tiefen der menschlichen Psyche eindringt und dabei leicht und flüssig zu lesen ist, ist Lucy Clarke für mich einer DER Namen. Bisher hat sie mich noch mit keinem ihrer Romane enttäuscht. 

Vor 7 Jahren ertrank der 10-jährige Marley, heute, auf den Tag genau, verschwindet der 17-jährige Jacob. Marley und Jacob sind wie Brüder aufgewachsen, ihre Mütter Sarah und Isla sind seit Jahren beste Freundinnen. Bis zu diesem Sommer, der alles veränderte. 

Von Abschnitt zu Abschnitt führt uns Lucy Clarke an die Geschichte der beiden Frauen heran. Bringt uns die Abgründe, die hellen wie dunklen Seiten von Freundschaft und Familie näher. Lässt glauben, hoffen und verzweifeln. Welche kleinen Nuancen sind es, die einen Stein ins Rollen bringen, so dass er ein Leben grundlegend ins Wanken bringen kann? Wie schwer wiegt eine Unwahrheit? Wie schwer Neid? Wie schwer Vertrauen?

Immer dann, wenn ich glaube die Figuren zu kennen, belehrt mich Clarke eines besseren. Immer dann, wenn ich dachte zu wissen, was mit Jacob passiert ist, bin ich wieder in eine Falle getappt. Ich kann mich identifizieren mit den Gefühlen der beiden Mütter. Die Liebe zum eigenen Kind ist etwas so großes, ungreifbares und der Gedanke ein Kind zu verlieren, lässt mich erschaudern. Wie weit würde ich selbst gehen? Eine Frage, die mich beim Lesen umtrieb.

Aber "Die Bucht, die im Mondlicht versank" ist nicht nur für Eltern spannend. Es ist ein Roman für Alle, die sich mit Zwischenmenschlichem auseinandersetzen wollen. Mit Beziehungen, deren Schwierigkeiten und dem Weg des Schicksals. Was wäre wenn... ist eine Frage, mit der sich Sarah und Isla, die im Roman abwechselnd zu Wort kommen, immer wieder auseinandersetzen müssen.




Buchinfo:

Piper (2017)
416 Seiten
Klappenbroschur
15,00 €
ÜBERSETZUNG: Claudia Franz



Rezensionen: 2019, © Nanni Eppner

23.03.19

Im siebten Sommer | Rowan Coleman | Piper





Eines Tages beschließt Rose, dass das Leben zu kurz ist, um in einer unglücklichen Ehe zu leben. Sie schnappt sich ihre Tochter und fährt in das idyllische Millthwaite. Dort sucht sie Frasier, einen attraktiven Kunsthändler, in den sie sich vor sieben Jahren unsterblich verliebte. Sie sah ihn nie wieder – und alles, was sie von ihm besitzt, ist eine Postkarte aus diesem Ort. Schnell stellt sich heraus, dass Fraiser hier nicht mehr wohnt. Auf der Suche nach ihrer großen Liebe trifft Rose jedoch auf einen anderen Mann, der eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielen wird. Und Rose begreift: Es ist nie zu spät, um glücklich zu sein.
(Text & Cover: © Piper; Foto: © N. Eppner)


Von allen Büchern, die in meinem Regal stehen, hat "Im siebten Sommer" das schrecklichste Cover. Eins, dass überhaupt nicht zum Inhalt passt, denn meiner Meinung nach suggeriert es, das hinter den kitschigen, bunten Herzchen ein ebenso kitschiger, flacher Roman steckt. Lieber Piper Verlag, dieses Cover ist leider ein Griff ins Klo. 

Der Inhalt hingegen, konnte mich richtig begeistern. Wie ich es von Rowan Coleman gewohnt bin, steckt auch hier hinter einem zunächst seicht wirkenden Roman, eine gut durchdachte Geschichte mit viel Tiefgang.

Es ist schwierig etwas zum Buch zu sagen, ohne zuviel zu verraten, aber die Grundidee der Autorin dreht sich um die Wertigkeit eines Menschen. Darum, wie sehr wir in uns selbst vertrauen und wie stark wir uns von anderen Menschen manipulieren lassen.

Rose denkt, dass sie es nicht verdient hat, glücklich zu sein. Dass sie es nicht wert ist. Warum sonst sollte ihr Vater sie verlassen haben, ohne sich jemals wieder zu melden? Warum sonst muss ihr Ehemann sie so oft rügen? Sie begeht einen Fehler nach dem anderen und muss nun eben mit den Konsequenzen leben. Es ist ein langer Prozess bis sie begreift, dass es gar nicht an ihr liegt, dass sie gar nicht so viel Verantwortung trägt wie sie glaubt bzw. dass sie endlich die Verantwortung für ihr Leben übernehmen muss, um glücklich sein zu können. Wenn nicht für sich, dann auf jeden Fall für ihre Tochter, die ein bisschen anders ist, als andere Kinder. Die sich nicht so leicht in die Gesellschaft einfügen kann und die es - wie jeder Mensch - verdient hat, geliebt zu werden.

Rowan Coleman hat wieder einmal eine zauberhafte Geschichte mit Tiefgang geschrieben. Sympathische Figuren mit Ecken und Kanten bieten einen vertrauensvollen Zugang zum Roman, der spannend und einfühlsam zugleich ist. 



Buchinfo:

Piper (August 2017)
528 Seiten
Taschenbuch
9,99 €
ÜBERSETZUNG: Marieke Heimburger

Rowan Coleman auf Fantasie und Träumerei:

Zwanzig Zeilen Liebe
Wolken wegschieben



Rezensionen: © 2019, Nanni Eppner

17.03.19

Phönix | Michael Peinkofer






Die 15-jährige Callista und ihr 16-jähriger Freund, der Jäger Lukan, leben in einem kleinen Dorf, deren Bewohner ein einfaches, bäuerliches Leben führen. Tagsüber scheint alles friedlich, doch mit Anbruch einer jeden Nacht beginnt der Schrecken: Geheimnisvolle Wesen, die noch niemand je zu Gesicht bekommen hat, gehen im Dunkel des Waldes auf die Jagd nach Menschen. Als Callistas kleiner Bruder verschwindet und sie und Lukan sich aufmachen, ihn zu suchen, offenbart sich ihnen die erschütternde Wahrheit. Denn die Welt, die sie zu kennen glaubten, existiert nicht. Und ihre Feinde sind ebenso unberechenbar wie mächtig ...
(Text & Cover: © Piper; Foto: © N. Eppner)


Michael Peinkofers Geschichten wirken auf den ersten Blick immer etwas unscheinbar. Doch dann - bamm! - schlägt er zu. Mit vielen unverhofften Gedankengängen und Handlungssträngen. So erging es mir schon mit dem Auftakt von "Die Legenden von Astray" und so empfand ich es auch wieder mit "Phönix".

Mit dem Wunsch mal wieder ein wenig lockere Jugendfantasy zu lesen, griff ich nach dem Auftakt dieser Trilogie. Sehr schnell fand ich ins Geschehen, schwieriger wieder hinaus, denn Peinkofer beendet fast jedes Kapitel so spannend, dass ich noch eins und noch eins und noch eins lesen musste. Dabei baute er eine Spannung auf, die so sehr auf mich überging, dass ich tatsächlich nachts nicht gut schlafen konnte, weil ich noch so unter Strom stand.

Peinkofer schafft in "Phönix" eine Welt, die stark vom Glauben der Figuren bestimmt wird. Sie folgen starren Regeln und wer sich nicht daran hält muss mit brutalen Konsequenzen rechnen. Callista und Lukan fühlen sich dadurch eingeengt. Es ist kein böser Wille, der sie über die Stränge treibt, sondern eher Handeln aus reinem Menschenverstand. Natürliche Neugier lässt sie Dinge hinterfragen, die von ihren Mitmenschen einfach hingenommen werden. Als sie ein Geheimnis entdecken, dass all das, was sie bisher geglaubt haben, in Frage stellt, stoßen sie vor allem auf eins: Unverständnis. Bald schlägt diese in Wut und Hass um und es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als zu fliehen.

Michael Peinkofer stellt in Band 1 den Glauben der Bewohner der von ihm erschaffenen Welt in den Vordergrund und schafft damit ein Exempel, dass sich gut in real existierende Glaubensgemeinschaften übertragen lässt. Es ist schon ein Sektenähnliches Verhalten, das die Bürger von Callistas Dorf an den Tag legen. Ihnen wird jede Möglichkeit genommen sich mit einer Außenwelt - sollte diese denn existieren, denn das ist eine der großen Fragen dieser Geschichte - in Verbindung zu setzen. Durch den Glauben bewegen sie sich in einem Rahmen, der ihnen wenig Spielraum lässt, der zeitgleich aber auch eine gewisse Sicherheit bietet, die mit dem Aufkommen von Callistas und Lukans Entdeckung komplett über den Haufen geworfen wird. Damit ist die Wut der Mitbürger ein Stück weit nachvollziehbar.

Mir hat der Auftakt der "Phönix" - Trilogie richtig gut gefallen. Peinkofer hält so manche Überraschung bereit, die für mich wirklich unvorhersehbar waren. Das Ende bietet einen Cliffhanger, der mich ziemlich neugierig auf Band 2 macht. Einzig die Liebesgeschichte, die im Roman beschrieben wird, wirkt auf mich aufgesetzt und unnötig. Aber ich empfinde sie nicht als so wichtig, dass es mein Lesevergnügen eintrübt.




Buchinfo:

Piper IVI (Oktober 2017)
352 Seiten
Paperback
15,00 €



Rezension: © 2019, Nanni Eppner

13.03.19

Sieben Heere 02: Revolution | Tobias O. Meißner





Das Land Akitanien wurde von einer gewaltigen Armee überrollt. Doch während die meisten Gemeinden nur hilflos mit ansehen, wie sich die in allen Belangen übermächtigen Gegner in ihrer Heimat niederlassen, ist es dem kleinen Dorf Hagetmau überraschend gelungen, sich gegen die Invasoren zur Wehr zu setzen. 140 Soldaren wurden durch kluges Vorgehen vernichtend geschlagen und in den Sümpfen verscharrt. Ohne es beabsichtigt zu haben, ist die kleine Ortschaft nun das Zentrum einer Revolution geworden. Ehemalige Außenseiter werden zu Symbolfiguren, besonnene Bürger zu Kämpfern. Doch die Zeit des Triumphes ist noch lange nicht gekommen. Mehrere Tausend Soldaren machen sich auf, um ihre Kameraden zu rächen, in ihren Reihen gefürchtete Gryphenreiter. Um diesen Kampf zu gewinnen, braucht Hagetmau weitaus mehr als nur eine List ...
(Text & Cover: © Piper; Foto: © N. Eppner)


Tobias O. Meißner ist für mich eine wichtige Persönlichkeit der Literatur. Seine Romane werden der Phantastik zugeordnet, beschäftigen sich aber mehr als manch belletristischer Roman mit wichtigen Themen des Weltgeschehens, üben Kritik an Systemen, sozialen Strukturen und Politik.

"Revolution" ist der zweite Teil der "Sieben Heere" - Trilogie, die sich u.a. damit beschäftigt wer oder wie Gut und Böse bestimmt werden, bzw. nicht kategorisch zu bestimmen sind. Wie schwer es ist vermeintlich Gutes zu tun und wie schnell ein Seitenwechsel vonstatten gehen kann.

Im Roman steht der Ort Hagetmau exemplarisch für eine Gruppe, die in ihrer (Meinungs-) Freiheit eingeschränkt wird und zum Befreiungsschlag ansetzt, um dann wiederum andere Dörfer in ihre Revolution mit einzubeziehen.

Revolution ist nun wirklich kein von der Phantastik erdachtes Thema, sondern brandaktuelles Weltgeschehen. In Band 1 "Sieben Heere" lässt Meißner so langsam das Fünkchen zur Revolution entflammen, in "Revolution" lodern die Flammen schon haushoch und zeigen deutliche Eigenschaften eines Feuers. Es wärmt und zerstört.

"Es gab Dinge, die passten nicht zusammen, prallten aufeinander und erzeugten ein Verhängnis." (S. 66)

Während die Hagetmauer bisher auf Dorfbewohner trafen, die bereitwillig gegen die Besatzung der Soldaren kämpften, erleben sie zum ersten Mal Gegenwehr. Erste Dörfer zeigen ein stoisches Ertragen von Ungerechtigkeit und Ungleichheit. Leben lieber mit Abstrichen, als sich aufzuraffen und für Freiheit zu kämpfen. Klug oder nicht? Eine Situation, in der sich der wahre Charakter zeigt bzw. Charaktereigenschaften nach Außen gekehrt werden.

"Sieben Heere: Revolution" fordert durch eine gewisse Handlungsironie, durch eine fast unschuldige Naivität zum Nachdenken auf. Gewalteinwirkung, um Gewalt zu beenden - das ist so banal ironisch, dass man sich fragt, warum es in der Realität überhaupt angewendet wird. Oder rechtfertigt die Befreiung aus Gewaltvollen, intoleranten oder eingrenzenden Strukturen oder Systemen etwa den Einsatz von Gewalt oder Menschenleben?

Selten habe ich mir in einem phantastischen Roman so viele Notizen gemacht, wie in diesem. Meißner führt die Absurdität der Kriegsführung so eindeutig vor Augen, dass ich mich frage, warum dies nicht allen anderen Menschen auf der Welt bekannt ist. Egal, um welchen Krieg es sich handelt. Egal, um was gekämpft wird. Die Strukturen sind immer gleich, beginnend bei einer Person oder einer kleinen Gruppe, die sich im Recht fühlt, die sich mehr Macht wünscht, die glaubt zu wissen was für andere gut ist. Meist ist es Habgier, die zum Vorstoß führt, darauf folgt Rache, eine Umkehr der Strukturen und letztendlich die Schädigung des eigenen Volkes. Diejenigen, die nichts damit zu tun haben, sind diejenigen, die es ausbaden. 




Buchinfo:

Piper (April 2017)
416 Seiten
Paperback
16,99 €


Reiheninfo:

1. Sieben Heere
2. Sieben Heere: Revolution
3. Sieben Heere: Befreiung

Rezension: © 2016, Nanni Eppner

10.03.19

Gut Greifenau 01: Abendglanz | Hanna Caspian




Downton Abbey in Hinterpommern von 1913 bis 1919 - Der erste Teil der großen Familien-Saga über eine Grafen-Familie zwischen Tradition und wahrer Liebe am Vorabend des 1. Weltkriegs
Mai 1913: Konstantin, ältester Grafensohn und Erbe von Gut Greifenau, wagt das Unerhörte: Er verliebt sich in eine Bürgerliche, schlimmer noch – in die Dorflehrerin Rebecca Kurscheidt, eine überzeugte Sozialdemokratin. Die beiden trennen Welten: nicht nur der Standesunterschied, sondern auch die Weltanschauung. Für Katharina dagegen, die jüngste Tochter, plant die Grafenmutter eine Traumhochzeit mit einem Neffen des deutschen Kaisers – obwohl bald klar ist, welch ein Scheusal sich hinter der aristokratischen Fassade verbirgt. Aber auch ihr Herz ist anderweitig vergeben.
Beide Grafenkinder spielen ein Versteckspiel mit ihren Eltern und der Gesellschaft. So gut sie ihre heimlichen Liebschaften auch verbergen, steuern doch beide unweigerlich auf eine Katastrophe zu …
(Text & Cover: © Droemer Knaur; Foto: © N. Eppner)

Wie schön ist es in einem Buch zu versinken. Mit einem Buch in der Zeit zu reisen und dort auf Menschen und ihre Geschichten zu treffen. Genau so habe ich den ersten Teil der "Gut Greifenau" - Trilogie erlebt. Obwohl die Figuren und deren Schicksale fiktiv sind, wirken sie sehr dynamisch und der Zeitspanne realistisch nachempfunden. Geschichten, wie sie wirklich passiert sein könnten.

Konstantin ist der älteste Sohn des Grafen, hat Landwirtschaft studiert und möchte das Erlernte gerne umsetzen. Er schwärmt vom Einsatz moderner Technik und möchte den Betrieb nach dem Tod des Großvaters, der sehr patriarchisch über Familie und Angestellte geherrscht hat, gerne so umkrempeln, dass mehr Ertrag, bei weniger finanziellem und körperlichem Einsatz, möglich ist. Eine gleichgesinnte Seele findet er in der Dorflehrerin Rebecca Kurscheidt, die ebenfalls versucht altbackenen Traditionen und Konventionen den Garaus zu machen. Sie bietet Lese- und Schreibförderunterricht für Mädchen an und setzt sich dafür ein, dass die ältesten Söhne der gräflichen Pächter zur Erntezeit nicht im Unterricht fehlen, sondern ihrer eigenen Bildung nachgehen können. 

Mit Rebecca kann Konstantin Pläne für die Zukunft schmieden. Eine Zukunft, in der Bildung und Wirtschaft im Vordergrund stehen und modernisiert werden. Doch in einem Punkt sind sich die beiden nicht einig: Rebecca ist gegen monarchische Strukturen, wünscht sich wie viele andere auch, dass der Adel abgeschafft und Pächter frei über ihre Höfe bestimmen können. Das geht gegen alles, was Konstantins Familie bisher gelebt hat, so dass Rebecca ihnen ein Dorn im Auge ist. Sie wissen jedoch nicht, dass Konrads Herz für die junge Lehrerin schlägt. Noch nicht mal sie weiß es, denn Konstantin lässt sie glauben, dass er Albert Sonntag ist, der Kutscher der Familie, und nicht der Erbsohn.

Albert Sonntag ist ganz neu auf dem Gut. Macht einen sympathischen Eindruck auf die Familie und aufs Gesinde. Vor allem die jungen Mädchen im Haus finden Gefallen am attraktiven Kutscher. Doch der hat keinen Sinn für Liebeleien, ist er doch einzig aus einem besonderen Grund nach Greifenau gekommen. Einem Geheimnis, dessen Auflösung er sich im Dorf Greifenau verspricht und das seit Jahren seine Gedanken beherrscht.

Nesthäkchen Katharina steht unter der Fuchtel der strengen Mutter, deren Familie entfernt mit dem russischen Zaren verwandt ist. Deshalb ist es besonders wichtig, dass Katharina sich dementsprechend benimmt und nicht unter, ja im Idealfall eher über ihrem Stand heiratet. Für Katka ist sowohl das eine, als auch das andere nicht einfach. Sie kann sich nur schlecht beherrschen, trägt ihr Herz auf der Zunge und verliert es prompt an einen nicht standesgemäßen jungen Mann. Als sie Opfer einer Tat wird, die heute als sexuelle Belästigung bezeichnet würde, zeigt sich, wie schwer es die junge Frau hat. Ihre Anschuldigungen werden ganz und gar unter den Teppich gekehrt, denn das sind die Opfer, die man für die Familie bringen muss.

"Abendglanz" ist eine spannende Einführung in das Leben der 1910er Jahre. Sowohl der gräfliche Alltg, als auch das der "einfachen Leute" wird bildlich beschrieben und ließ mich beim Lesen gänzlich vergessen, dass ich mich eigentlich in meinem eigenen Haus gut 100 Jahre später befinde. Der Einblick, den die Autorin in dieses Zeitalter gibt, hat mir sehr gut gefallen. Missstände in der Gesellschaft, Schwierigkeiten mit Reformen, Gesetzesgestaltung und Hierarchien sind gut recherchiert und in interessante Geschichten verpackt worden. Die Figuren haben vielfältige Charaktereigenschaften, die nicht nur zu Sympathien bei den LeserInnen führen. Eine gute Mischung an liebenswerten Figuren und Ekelpaketen, gibt dem Roman dieses Etwas, das mich an die Schicksale der einzelnen Charaktere fesselt.

Der erste Band endet mit fiesen Cliffhangern und dem Beginn des ersten Weltkriegs, der sicherlich auf vielerlei Arten Einfluss auf das Leben der Grafenfamilie und der Bewohner des Dorfes Greifenau nimmt. Ich bin so gespannt, wie es weitergehen wird.



Buchinfo:

Droemer Knaur (November 2018)
560 Seiten
Taschenbuch
9,99 €

Reiheninfo:

1. Gut Greifenau. Abendglanz (11|2018)
2. Gut Greifenau. Nachtfeuer (12|2018)
3. Gut Greifenau. Morgenröte (03|2019)



Rezensionen: © 2019, Nanni Eppner

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