14.01.19

Sonntags in Trondheim | Anne B. Ragde

ACHTUNG! "Sonntags in Trondheim" ist der vierte Teil der "Lügenhaus"-Reihe und daher enthält meine Rezension Spoiler zu vorangegangenen Bänden. Von mir gibt es eine Leseempfehlung für alle vier Bücher.




Einst auf einem Schweinezüchterhof in Trondheim zu Hause, lebt die Sippe der Neshovs inzwischen weit verstreut. Torunn vergeudet ihre Zeit mit einem Mann, der Schlittenhunde züchtet – zu denen sie eine bessere Beziehung unterhält als zu ihm. Torunns Onkel Margido widmet sich mit fast religiöser Hingabe seinem Bestattungsunternehmen. Und sein Bruder Erlend, ein schwuler Schaufensterdekorateur, ist zwar seit Jahren glücklich in Kopenhagen verheiratet, aber ein wenig hysterisch. Eines Tages geschieht etwas, das die Familie zwingt, wieder näher zusammenzurücken ...
(Text & Cover: © Randomhouse; Foto: © N. Eppner)


Wie schön war es die Neshov Sippe wiederzutreffen. Ein Gefühl wie Weihnachten, nur, dass ich selbst nicht involviert bin, sondern mir all die Dramen und Tragödien von Außen anschauen kann. Davon gab es in den ersten drei Bänden der "Lügenhaus"-Reihe ziemlich viele. In "Sonntags in Trondheim" geht es ein wenig beschaulicher zu. Ein wenig entspannter und gefühlt ein wenig glücklicher. Und weil ich der Familie nach drei Bänden so nah bin, freut mich das, als sei ich doch ein Teil von ihnen.

Anne B. Ragde hat mit den Neshovs eine Familie konzipiert, die auf den ersten Blick ziemlich verschroben wirkt. Bei genauerem Hinsehen aber Züge erkennen lässt, die in jedem Haushalt, überall auf der Welt, so oder so ähnlich ablaufen könnten.

Im Mittelpunkt steht Torunn, die vor einiger Zeit erfahren hat, dass ihr Vater ein Schweinezüchter in Norwegen ist und dass er und ihre Mutter nicht zusammenlebten, weil die Großmutter die Verbindung der Beiden nicht für gut hieß, so dass Torunns Mutter vom Hof gejagt wurde. Als der Vater stirbt, erfährt Torunn, dass sie die Erbin des Hofes ist. Das überfordert sie jedoch so sehr, dass sie erstmal wieder abhaut. Zurück in die Arme ihres langjährigen Freundes, der sie permanent mit jüngeren Frauen betrügt. 

Torunn neigt dazu an alten Gewohnheiten festzuhalten und erträgt diesen Zustand ihrer Beziehung eine ganze Weile, bis es ihr doch zu bunt wird. Sie kehrt zurück auf den Hof ihres Vaters, denn wie sollte man der Schwierigkeit gesunde Beziehungen zu führen anders auf den Grund gehen, als dorthin zurückzukehren, wo die Beziehung der Eltern noch vor der Geburt gekappt wurde. Für Torunn eine Möglichkeit zu sich selbst zu finden?

Außerdem lebt ihr Onkel Margido in der Nähe. Ein einsam wirkender Endfünfziger / Anfang sechziger, der voll und ganz in seinem Beruf als Bestatter aufgeht. Seine Tagesabläufe sind penibelst genau durchgeplant. Systeme, die ihm Orientierung und Halt geben während er täglich dem Tod begegnet. Als Torunn bei ihm auftaucht, bringt sie sein Leben durcheinander. Ein ganz neues, gar nicht mal so unangenehmes Gefühl.

Und dann gibt es noch den schwulen Erlend, der sich gemeinsam mit seinem Mann und zwei befreundeten Leihmuttern eine eigene Familie "gebastelt" hat. Ein Familiensystem wie er es nie gekannt hat. So perfekt, obwohl überhaupt nicht ans klassische Familiensystem angelehnt. Oder eben doch, weil Kinder ein ganzes Dorf brauchen, um behütet aufzuwachsen. Zwei Väter und zwei Mütter tun es für den Anfang aber auch.

Hach ja, es steckt so viel Liebe in den Figuren, in all ihren Lebenswegen, ihren Entscheidungen, in all den Zwickmühlen und Verästelungen, die das Schicksal für sie ersinnt. Die Figuren leben. In der Sprache, in den Handlungen und ganz schnell auch in den Herzen der Leser. 

Während die Atmosphäre in den ersten drei Teilen eher von einem dünnen Nebelschleier überzogen ist, fühlt es sich so an, als komme Licht in das Leben aller Figuren. Dadurch unterscheidet sich "Sonntags in Trondheim" von Ton und Ambiente von den vorherigen Büchern, was dem Lesevergnügen jedoch nichts nimmt.



Buchinfo:


btb (207)
352 Seiten
Paperback
Taschenbuch erscheint im April 2019
Übersetzung: Gabriele Haefs


Reiheninfo:

1. Das Lügenhaus
2. Einsiedlerkrebse
3. Hitzewelle
4. Sonntags in Trondheim
5. Die Liebhaber (ET: Februar 2019)



Rezensionen: © 2019, Nanni Eppner

05.01.19

Die 10. Buchsaiten Blogparade



Schon seit einigen Ausgaben nehme ich an der Buchsaiten Blogparade teil, die nun zum 3. Mal in Folge via Die Liebe zu den Büchern stattfindet.

Noch bis einschließlich Sonntag den 06. Januar kannst du deinen Beitrag dazu online stellen und in Petzis Kommentarfeld verlinken.

Auf Social Media Kanälen findest du den Beitrag unter #BSBP


1. Welches war das Buch in diesem Jahr, von dem ich mir wenig versprochen habe, das mich dann aber positiv überrascht hat?


"Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie" wollte ich zuerst gar nicht lesen, weil ich Anfang des Jahres die Nase voll hatte von diesen vermeintlichen Gute-Laune-Alles-wird-prima-wenn-wir-uns-alle-aneinander-kuscheln-Büchern. Glücklicherweise nahm ich es doch zur Hand und war schnell gefangen von den schüchternen, aber sehr liebevollen Charakteren. Von ihrem Wunsch füreinander da sein zu wollen und vor allem von ihrer Liebe zur Musik. Dieses Buch hat tatsächlich ganz viel Wohlgefühl in mir ausgelöst und mich mit ganz viel Herzlichkeit verzaubert.





2. Welches war das Buch in diesem Jahr, von dem ich mir viel versprochen habe, das mich dann aber negativ überrascht hat?


Das war auf jeden Fall "Familiäre Verhältnisse" von Sophie Bassignac. Ich hatte auf eine amüsante Geschichte mit einer verschrobenen Familie gehofft, aber der Roman war flach, uninteressant und die Witze einfach nicht lustig.

3. Welches war eure persönliche Autorenneuentdeckung in diesem Jahr und warum?


Das war für mich definitiv Nini Haratischwili. Wie sehr habe ich ihren Roman "Das achte Leben (Für Brilka)" gemocht. Diese Sprache, diese Inszenierung von Landesgeschichte innerhalb einer Familie erzählt über mehrere Generationen. Es ist nicht ihr Debüt und es ist auch schon die Taschenbuchausgabe, die mir in die Hände gefallen ist, aber besser spät als nie. Vor kurzem war ich dann auf einer Lesung der Autorin zu ihrem aktuellen Roman "Die Katze und der General" und war sehr beeindruckt von Nino. Eine sehr sympathische Frau. Sehr straight, sehr präsent. Ihre Sprache ist ein Traum. Sie redet so ausdrucksstark wie sie schreibt, was mir sehr imponiert. Ich freue mich darauf in diesem Jahr "Die Katze und der General" zu lesen.





4. Welches war euer Lieblingscover in diesem Jahr und warum?


Das Cover vom Kinderbuch "Bienen" von Piotr Socha.
Ich liebe den Zeichenstil des Autors. Noch schöner ist das Cover seines neuen Buches "Bäume", aber das besitzen wir leider noch nicht.





5. Welches Buch wollt ihr 2019 unbedingt lesen und warum?


Neben dem bereits genannten "Die Katze und der General", "Odinskind" von Siri Pettersen. Ein Fantasyroman einer norwegischen Autorin.
a) sprechen mich Cover und Klappentext an
b) lebe ich in dem Glauben, dass eine norwegische Fantasyautorin sicher eng verbunden mit der Mytholigie ist und
c) ist Norwegen das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse. Passt also ganz gut.





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