21.05.19

Niemals ohne sie | Jocelyn Saucier




Die Cardinals sind keine gewöhnliche Familie. Sie haben den Schneid und die Wildheit von Helden, sie haben Angst vor nichts und niemandem. Und sie sind ganze dreiundzwanzig. Als der Vater in der stillgelegten Mine eines kanadischen Dorfes Zink entdeckt, rechnet der Clan fest mit einem Anteil am Gewinn – und dem Ende eines kargen Daseins. Aber beides wird den Cardinals verwehrt, und so schmieden sie einen explosiven Plan, der, wenn schon nicht die Mine, so wenigstens die Ehre der Familie retten soll. Doch der Befreiungsschlag scheitert und zwingt die Geschwister zu einem Pakt des Schweigens, der zu einer Zerreißprobe für die ganze Familie wird.
(Text & Cover: © Insel; Foto: © N. Eppner)


2016 habe ich Jocelyn Saucier für mich entdeckt. Ihr Debüt "Ein Leben mehr" hat mich bewegt, bereichert, etwas mit mir gemacht. Kein Wunder, dass ich ein weiteres Buch der Kanadierin geradezu herbeigesehnt habe. Solche Geschichten, wie die Sauciers, machen süchtig. Kein Wunder, dass ich in Jubel verfiel, als ich las, dass eben dieses weitere Buch 2019 erscheinen würde. 

Leider sind ihre Bücher viel zu kurz, also auch viel zu schnell vorbei und eigentlich möchte ich mich nun, nach dem Lesen gerne in ein Loch verkriechen, um weiterhin Zeit mit den Cardinals zu verbringen. Auch die Cardinals haben etwas an sich, das süchtig macht. 

Die Cardinals, das sind 21 Kinder, Mutter und Vater. 

Sie sind mehr als eine Familie. Sie nennen sich bei Namen, die nur sie kennen. Sie sind ein eigenständiges System, eine Gruppierung aus Menschen, verbunden durch Blut und Geheimnisse. Sie sind der ganze Stolz ihres Vaters, der sein Leben lang so nah am Glück vorbei gearbeitet hat und ihrer Mutter, deren eigenständige Persönlichkeit sich völlig in der Mutterrolle aufgelöst hat. Die den ganzen Tag gekocht und versorgt, vor sich hin gearbeitet und gegeben hat, was sie konnte, und am Abend, wenn alles schlief ihre Runde gedreht hat, um mit Stolz und Liebe auf ihre Kinder zu blicken. 21 an der Zahl und keins verloren. Oder doch? 


"'Die Sehnsucht nach der Vergangenheit ist eine seelische Krankheit.'" (S. 136) 

Ich muss aufpassen, dass sich meine Worte nicht überschlagen. Vor Begeisterung. Weil ich so viel erzählen möchte über die Cardinals, die mich so beeindruckt haben. Weil jeder für sich so interessant ist und weil so viel in dem Buch steckt, das gerade mal 255 Seiten dick ist. So viel zwischen den Zeilen, zwischen den Worten, zwischen den Blicken, die sich die Cardinal Kinder zuwerfen, wenn sie glauben, dass sie unbeobachtet sind.

Die Cardinals gegen den Rest der Welt. In ihrem kleinen Örtchen, der verhuschten Kleinstadt, die staubig und dem Zerfall nahe, so sehr mit sich selbst beschäftigt ist, dass die Cardinals Narrenfreiheit haben. Die in ihrer Banalität, auf ihrem Weg die klassische äußere Form zu verlieren, nahe an der Grenze zum heruntergekommenen, die perfekte Kulisse bietet, für eine Familie, die so eng zusammengeschweißt ist, dass niemand diesen Ring betreten kann.

Doch dann gibt es erste Risse in der Naht. Die Cardinals geben Eindringlingen die Schuld, aber der Zerfall beginnt von innen. In den eigenen Reihen. Denn auch in diesem System gibt es Missverständnisse, Kränkungen, Sehnsüchte, die von innen heraus zerstören, was man sich für immer bewahren möchte. Familiensysteme sind schon etwas ganz eigenes. Haben ihre eigenen Geheimnisse. Ihre eigenen Strukturen. Ihre eigene Art mit Dingen umzugehen, einander zu lieben und zu schützen. Und über allem steht die Mutter, wie ein Schatten, wie ein Geist, der alles überwacht, alles sieht, scheinbar Gedanken lesen und Emotionen über Entfernungen zu spüren vermag.

"Sie war mit Ambitionen aufgewachsen, die in unserem vollgerümpelten Haus verkümmerten, weshalb sie ständig versuchte, ihm zu entfliehen, aber sie kam trotzdem immer wieder zu uns zurück, frisch wie eine Rose, lächelnd und leichtfüßig, bis Geronimo ihr ein weiteres Mal die Flügel ausriss." (S.175)

Wieder hat mich Saucier beeindruckt. Mit ihrer Wortwahl, mit ihrem Erzählstil, in dem sie verschiedene Erzähler zu Wort kommen lässt, den Ball von einem Cardinal zum nächsten spielt, und damit verdeutlicht was ein Blickwinkel doch ausmacht. Und mit der Geschichte an sich. Ich glaube ich kann mich nicht satt reden an dem, was ich im Buch entdeckt habe und noch weniger an meiner Begeisterung. Große Leseempfehlung für "Niemals ohne sie".


Buchinfo:

Insel (März 2019)
255 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag
20,00 €
ÜBERSETZUNG: Sonja Finck und Frank Weigand


Rezensionen: © 2019, Nanni Eppner

Kommentare:

  1. Hallo Nanni,
    auch ich bin ein riesen großer Fan dieser Autorin! "Ein Leben mehr" gehört zu meinen Lieblingsbüchern! Ich hatte es damals an einem Tag ausgelesen, da ich nicht aufhören konnte. :-)
    Das neue Buch ist anders aber auch wieder grandios. Auf so eine Idee muss man erstmal kommen, gell. Ich werde es wohl auch noch als Hörbuch hören, da ich total gerne Geschichten höre und ich schon so oft gesagt bekommen habe, dass die Vielstimmigkeit, mit der das Buch umgesetzt wurde, die absolute Krönung ist. Bin schon sehr gespannt.
    GlG, monerl

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  2. Toll! Das hat mich richtig neugierig gemacht! Und ich bin tatsächlich durch Berlins momentane Gluthitze zu meinem Buchladen gelaufen ...

    Aber Achtung Ich möchte deine Rezension um Stefanie Leos kleine Vorwarnung ergänzen: "21 Kinder zählt die Familie und die haben neben Taufnamen auch noch Spitznamen und so sah ich mich anfangs mit gefühlten 50 Charakteren konfrontiert."
    Allerdings !
    Man fühlt sich tatsächlich ein wenig wie bei Dostojewski: die Wirkung der großen psychologische Eindringlichkeit der Beschreibung seiner Protagonisten geht vor lauter Namen-Sortiererei anfangs glatt an einem vorbei.
    Aber hat man die Figuren nach der ersten, etwas holprigen Strecke erst einmal lebendig vor Augen, gibt es tatsächlich kein Halten mehr. Den Rest kann man einfach nur genießen: Die Dichte der Zwischentöne, die Vielfalt der Perspektiven und Figuren, die Sogkraft von Sprache und Rhythmus.

    An alle, die dieses kleine großartige Buch noch vor sich haben: ich bin ein wenig neidisch.
    Bianka

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Nanni

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