09.08.19

[Interview] Tania Witte


Liebe Tania,
vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst meine Fragen zu beantworten.


Ganz gerne, liebe Nanni! Verzeih, dass es so lange gedauert hat. Ich hab mir echt Ruhe genommen, war sehr nötig. Jetzt zurück am Schreibtisch, und das Erste, was ich tu, ist deine Fragen beantworten.


Foto: © 2019, Carina Nitsche


1. Dein Buch “Die Stille zwischen den Sekunden“ beginnt mit einem Terroranschlag. Wie bist du darauf gekommen dieses schwierige Thema, das schnell zu einer Opfer-Täter-Rollenverteilung führt, zum Aufhänger zu machen?


Die Angst vor Terroranschlägen ist mittlerweile auch in unserer westlichen Gesellschaft angekommen. Sie wird geschürt, mit ihr wird Politik gemacht und dadurch ist sie – zumindest theoretisch – allgegenwärtig. Die meisten Menschen in Deutschland kennen Terror glücklicherweise ausschließlich aus den Medien, das macht es abstrakt. Mit „Die Stille zwischen den Sekunden“ habe ich versucht, dem Was-wäre-Wenn nahe zu kommen. Und damit unseren Ängsten, unseren Vornahmen und Vorurteilen, und den Themen, die dahinterstehen: Verlust, Tod, Trauer, Trauma. Das Ganze dann doppelt zu spinnen, den Zusammenhang zu Terror und Krieg zu knüpfen und die Frage nach Gut, Böse, Realität und Wahrheit zu verdrehen – das war und ist mein Anliegen in diesem Roman.


2. „Die Stille zwischen den Sekunden“ ist ein Buch, das sehr viele verschiedene Themen miteinander verknüpft. Wie wichtig war es dir ein Gesamtpaket zu schaffen?


Ich mag keine Bücher, die erhobene Zeigefinger haben. Viel lieber lese ich Geschichten, die mir selbst Denkräume eröffnen, die Metaebenen auf Spannung transportieren. Ein Terrorschlag ist eine heftige Ausgangsposition. Um darauf fußend eine Geschichte zu erzählen, die sich in einer Abwärtsspirale immer weiter verengt, bis sie am Ende implodiert, braucht einen starken Gegenpol. Deshalb kam zu der Freundschaftsgeschichte, die die Spannung trägt, auch noch eine Liebesgeschichte. Wenns gut läuft, steckt am Ende viel drin, ohne überladen zu wirken. Die Rezensionen bisher lassen darauf schließen, dass das funktioniert. Nicht bei allen natürlich, aber das ist bei so einem Buch ohnehin unmöglich. 



Foto: © 2019, Nanni Eppner


3. Warum Traumabewältigung? Was fasziniert dich daran?


Mich faszinieren die Momente, in denen Leben brechen. Oder besser: Die Idee dessen, was Leben ist. Der Blick in die eigene Endlichkeit. In dem man begreift, dass alles, was wir wichtig und real finden, innerhalb weniger Sekunden zusammenstürzen kann. Das macht Menschen facettenreicher, echter, vollständiger, finde ich. Es ist einer Person anzuspüren, ob sie Abgründe kennt. Ich schätze, ich selbst bin einfach nicht der Typ für Kitsch und Happy Ends.


4. Hat deine Arbeit an dem Buch deinen eigenen Blick auf bestimmte Themen verändert?


Absolut. Besonders die Recherchen über die Kurdische Gemeinschaft waren extrem spannend. Ich hab mich da so gut reingewühlt, wie es in der Kürze der Zeit für eine Außenstehende möglich ist. Es war spannend, ein paar Türen zu öffnen und dahinter immer noch mehr Informationen zu finden, noch mehr Komplexität, noch mehr mit der eigenen Unwissenheit konfrontiert zu werden. Und generell damit, wie wenig wir doch wissen und wie schnell wir alle urteilen ...


5. Du hast für deinen Roman ein Arbeitsstipendium bekommen. Wie muss ich mir das vorstellen? Sitzt du allein in deinem stillen Kämmerlein und schreibst den ganzen Tag?


Schön wär‘s, Nanni, schön wär‘s. Ein Arbeitsstipendium ist eine Geldsumme, das ist toll. Im Gegensatz zu einem Aufenthaltsstipendium kann man zuhause bleiben und von dort aus arbeiten, das ist wirklich eine Erleichterung. Aber als freie Autorin besteht mein Leben vielleicht gerade mal zu 20 Prozent aus Schreiben. Der Rest sind Lesereisen und deren Orga, die Akquise neuer Lesungsorte, Recherchen, Gespräche, Workshopvorbereitungen, Reiseplanung, Reisebuchungen, Kontaktpflege, Buchhaltung, Verhandlungen, Interviews, Stipendiumsanfragen, Preisbewerbungen etc. pp. Wenn ich dann einen Preis oder ein Stipendium bekomme, ist das ein Geschenk. Aber das Leben steht nicht auf Pause deswegen, umsoweniger, weil alles schon Monate im Voraus geplant ist.

Ich habe also vergleichsweise wenig stilles Kämmerlein. Und würde mich so über das alte Modell des Mäzenentums freuen oder das Grundeinkommen, dann wäre das Leben ein gutes Stück leichter und ich könnte mich mehr auf das konzentrieren, was ich am allermeisten liebe: Schreiben.


6. Ist es nach so einem Projekt schwierig wieder in den Alltag zurückzufinden oder planst du möglicherweise sogar schon den nächsten Roman?


Ich habe parallel zur „Stille“ bereits mit Anje Wagner an unserem neuen „Ella Blix“-Buch geschrieben. Gleich nachdem ich die „Stille“ abgegeben hatte, ging es also mit Ella weiter. Jetzt sind wir damit in der Lektoratsphase und wenn dieser neue Roman erschienen ist, werde ich mit dem nächsten Tania-Witte-Buch beginnen. Ich würde gerne mehr Zeit zum Atmen haben, aber mein Leben rast.


7. Welches Buch sollten meine Blogleserinnen und -leser unbedingt lesen?


Ach du lieber Himmel, Nanni! Ich hab keine Ahnung, wo ich anfangen soll. Generell würde ich allen raten, ein bisschen wegzulesen vom US-amerikanischen Massenmarkt. Es gibt so viele wunderbare Autor*innen auf dem deutschen Markt, und so wahnsinnig viele aus anderen Kulturkreisen, anderen Ländern, die entdeckt werden wollen. Ich selbst hab das Gefühl, Nord-Amerika ein bisschen ausgelesen zu haben, in mir wächst gerade die Lust auf neue literarische Landschaften. Und wenn es nach mir geht, darf es gerne auch Tiefgang haben, ohne allerdings geschwurbelt zu sein. Aber letzten Endes geht es doch vor allem darum, überhaupt zu lesen.

Kommentare:

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